Zweite tödliche Messerstecherei in Fredenbecker Unterkunft
Flüchtling ersticht seinen Mitbewohner

Spurensicherung vor der Flüchtlingsunterkunft
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tk/lt.Fredenbeck. Ein Streit in einer Flüchtlingsunterkunft in Fredenbeck nahm am Dienstagvormittag ein tödliches Ende: Ein Bewohner (47) starb an den Folgen einer Messerattacke. Ein anderer Geflüchteter (29) hatte ihn offenbar nach einem Streit angegriffen. Die Hintergründe sind noch ungeklärt. Es ist innerhalb von wenigen Monaten die zweite tödliche Messerstecherei in dieser Unterkunft, ein ehemaliges Hotel an der Dinghorner Straße. Im Juni hatte ein 23-jähriger Sudanese einen gleichaltrigen Landsmann getötet.

Das ist bislang über den tödlichen Streit am Dienstag bekannt: Das Opfer hatte sich mit lebensgefährlichen Verletzungen aus der Unterkunft zu einem Laden geschleppt, der allerdings noch geschlossen war. Der 47-Jährige wankte anschließend weiter zum "Rewe"-Markt, wo er im Eingangsbereich zusammenbrach. Der Notarzt hatte den Mann nach der ersten Reanimation vor Ort noch ins Krankenhaus gebracht, wo er jedoch wenig später starb.

Der mutmaßliche Täter war nach der Attacke zu Fuß geflüchtet. Der 29-Jährige, der aus dem Sudan kommen soll, wurde noch im Laufe des Nachmittags festgenommen. Er sitzt in Untersuchungshaft. Was der Auslöser für den Streit gewesen ist, ist noch nicht geklärt. Die Tatwaffe, ein größeres Küchenmesser, hat die Polizei in der Nähe der Unterkunft gefunden.

Bei dem Opfer soll es sich um einen Mann handeln, der seit etwa zehn Jahren in Deutschland lebt. Er hat eine sogenannte Duldung. Das bedeutet, dass der 47-Jährige eigentlich ausreisepflichtig ist, aber nicht abgeschoben werden kann. Nach WOCHENBLATT-Informationen soll unklar sein, ob er aus dem Sudan oder Nigeria stammt.

Blick zurück: Im Juni waren zwei 23-jährige Sudanesen in der Unterkunft in Streit geraten. Der mutmaßliche Messerstecher war bereits polizeibekannt. Die anderen Bewohner der Unterkunft hatten dagegen protestiert, dass der Mann nach einem Gefängnisaufenthalt in das ehemalige Hotel zurückgekehrt war (das WOCHENBLATT berichtete). Gegen den Sudanesen beginnt am Freitag, 6. Dezember, der Prozess vor der Schwurgerichtskammer am Landgericht Stade. Die Staatsanwaltschaft Stade hat ihn wegen versuchten und vollendeten Mordes angeklagt. Vor dem tödlichen Messerangriff hatte es offenbar schon eine erste Attacke gegeben. Beim Versuch geht die Anklagebehörde von Heimtücke und beim tödlichen Angriff von Grausamkeit als Mordmerkmale aus.

Eine Frage, die sich angesichts des zweiten tödlichen Streits innerhalb von nur einem halben Jahr in der Unterkunft stellt: Läuft dort etwas schief? Ein Runder Tisch am Donnerstagnachmittag mit Vertreten vom Landkreis und der Gemeinde soll aufarbeiten, was geschehen ist, und Antworten darauf finden, ob etwas verbessert werden könne. "Wie kann der Landkreis etwa der Gemeinde helfen", umreißt Kreis-Sozialdezernentin Susanne Brahmst eine Fragestellung. "Diese Tat ist entsetzlich", sagt Susanne Brahmst. Die Bewohner der Unterkunft, aber auch die Fredenbecker Bevölkerung, tun ihr unendlich leid. "Sie müssen so etwas bereits zum zweiten Mal erleben."

Wer mit Insidern über diese beiden tödlichen Messerstechereien spricht und dabei die Frage stellt, ob die Betreuung - besonders in psychologischer Hinsicht - hätte besser sein müssen, bekommt weder ein Ja noch Nein zu hören. Solange ein Mensch nicht selbst die Tatsache akzeptiere, dass er Hilfe benötige, können unterstützende Angebote nicht greifen. Ein Insider sagt, dass gerade geflüchtete Männer, selbst wenn sie Schlimmes erlebt hätten, häufig keine Hilfe wollen. Hinzu kommt, dass es bei Psychotherapeuten ohnehin enorme Engpässe gibt und Spezialisten für traumatisierte Menschen, die dann auch noch über ausreichend gute Fremdsprachenkenntnisse verfügen, absolute Mangelware sind. Wobei grundsätzlich gilt: Wenn in einer Unterkunft nur Männer zusammenleben, sei das Konfliktpotenzial immer höher. Fehlende Perspektiven und zu viel Zeit ohne sinnvolle Beschäftigung würden sich zu einer mitunter explosiven Mischung zusammenbrauen.

Fredenbecks Samtgemeinde-Bürgermeister Ralf Handelsmann spricht von einer großen Betroffenheit im Ort. Er könne gut verstehen, dass die Angst vor Gewalttaten in der Bevölkerung wachse. Den Wunsch einiger Bürger, die Bewohner der Flüchtlingsunterkunft einfach vom Ortskern in umliegende Dörfer zu verteilen, könne er auch nachvollziehen, halte diesen Ansatz aber nicht für den richtigen Weg.

Vielmehr müssten die Betreuungsangebote für Menschen mit Traumata verbessert werden. Man müsse sich im Klaren sein, dass ein Großteil der Geflüchteten, die inzwischen hier leben, psychisch vorbelastet seien und in ihrem Leben meist schon viel Gewalt erlebt hätten.

Nach der ersten tödlichen Auseinandersetzung zweier Bewohner der Flüchtlingsunterkunft im Juni dieses Jahres seien deshalb schon Strukturen verändert worden. Zwei Rathaus-Mitarbeiter hätten immer wieder aktiv den Kontakt zu den Geflüchteten in Fredenbeck gesucht. Es sei auch schon mehrfach vorgekommen, dass Bewohner aufgrund eines festgestellten Konfliktpotenzials getrennt worden seien, so der Verwaltungschef.

Gleichwohl erreiche man nicht immer alle. Die beiden Männer, die jetzt in Streit geraten waren, seien im Vorfeld beide nicht in besonderer Weise auffällig gewesen, so Handelsmann. Nun müsste man erst einmal die genauen Hintergründe erörtern, und gemeinsam am Runden Tisch nach Lösungen für die Zukunft suchen.

Zurzeit leben 15 bis 20 Bewohner im ehemaligen Hotel im Fredenbeck Ortskern und sieben im Container nebenan. Bei den meisten handelt es sich um Sudanesen. Ein Großteil der Geflüchteten sei auf einem guten Weg der Integration, so Handelsmann.

Autor:

Tom Kreib

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