Bluttat in Mutter-Kind-Einrichtung
Pressekonferenz nach sechsfachem Tötungsdelikt in Stade: Polizei geht von Beziehungstat aus
- Sie berichteten über den Stand der Ermittlungen (v.li.): der Lüneburger Polizei-Vizepräsident Jörg Wesemann, Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD), die Präsidentin der Polizeidirektion Lüneburg, Kathrin Schuol, sowie der Leitende Oberstaatsanwalt Dr. Burkhard Vonnahme von der Staatsanwaltschaft Stade
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Der mutmaßliche Täter wollte offenbar gezielt töten: Am Montagmittag hat ein 45-jähriger Mann aus dem Raum Hannover in einer Stader Mutter-Kind-Wohngruppe sechs Menschen erschossen. Vier Opfer waren sofort tot. Ein weiteres Opfer versuchten die Rettungskräfte noch zu reanimieren – vergeblich. Das sechste Opfer erlag später im Krankenhaus seinen schweren Schussverletzungen (das WOCHENBLATT berichtete hier: bitte klicken).
Auf einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz im Stader Kreishaus informierten Polizei und Staatsanwaltschaft am Montagabend über den aktuellen Stand der Ermittlungen. Die Dimension des Verbrechens wurde auch dadurch deutlich, dass Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (SPD) persönlich nach Stade gekommen war. Gemeinsam mit der Präsidentin der Polizeidirektion Lüneburg, Kathrin Schuol, ihrem Stellvertreter Jörg Wesemann sowie dem Leitenden Oberstaatsanwalt Dr. Burkhard Vonnahme von der Staatsanwaltschaft Stade stellte sie sich den Fragen der Medien.
- Niedersachsens Innenministerin Daniela Behrens (re., SPD) war aus Hannover zur Pressekonferenz angereist. Über Details zur Tat berichtete Polizeipräsidentin Kathrin Schuol
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Behrens sprach von einer Tat, die weit über Stade hinaus Bestürzung ausgelöst habe. „Heute ist ein entsetzlicher Tag für Stade und für ganz Niedersachsen. Sechs Menschen wurden hier in einer Einrichtung der Jugendhilfe auf brutale Weise aus dem Leben gerissen“, sagte die Ministerin. Nach bisherigem Ermittlungsstand handele es sich um eine aus familiären Motiven begangene Gewalttat – „eine extreme, kaltblütige Gewalttat ohne politische oder wirtschaftliche Hintergründe“.
Mit Blick auf die Opfer und ihre Angehörigen sagte Behrens: „Das Leid, das der Täter hier in Stade ausgelöst hat, ist schwer zu begreifen und noch schwerer in Worte zu fassen.“ Die Tat werde Stade noch lange beschäftigen und tiefe Spuren hinterlassen. Deshalb sei es ihr ein persönliches Anliegen gewesen, ihre Solidarität mit den Opfern, den Angehörigen, den Einsatzkräften und der gesamten Stadt zum Ausdruck zu bringen.
Großes Medieninteresse im Kreishaus
Einen derartigen Medienandrang hat Stade zuletzt während des Prozesses um den spektakulären Messermord erlebt, der sich im März 2024 im Zusammenhang mit einer Auseinandersetzung zweier Familien aus dem türkisch-arabischen Clan-Milieu ereignet hatte.
Im großen Sitzungssaal des Kreishauses hatten sich Vertreter nahezu aller großen Fernseh- und Radiosender, Nachrichtenagenturen sowie überregionaler Zeitungen eingefunden. Ein Tötungsdelikt mit sechs Opfern gehört zu den schwersten Gewaltverbrechen der vergangenen Jahre in Deutschland. Entsprechend groß war das Interesse an den neuen Erkenntnissen der Ermittlungsbehörden.
- Das Medieninteresse war groß. Im Stader Kreishaus waren zahlreiche Kameras und Mikrofone aufgebaut
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Polizei weist Spekulationen über Clan-Bezug zurück
Da der mutmaßliche Täter einen türkischen Migrationshintergrund hat, wurde in einigen Medien und sozialen Netzwerken bereits kurz nach der Tat darüber spekuliert, ob das Motiv im Clan-Milieu zu suchen sei oder familiäre Verbindungen zum Miri-Clan bestehen könnten. Die beschauliche Hansestadt erneut mit Clan-Kriminalität und brutalen Rachemorden in Verbindung zu bringen, hat manchen Medien – insbesondere Boulevardblättern – sicherlich zusätzliche Aufmerksamkeit verschafft. Auch im NDR wurden entsprechende Vermutungen thematisiert.
Diesen Spekulationen erteilte Polizeipräsidentin Kathrin Schuol jedoch eine Absage. Der Polizei lägen derzeit keinerlei Erkenntnisse vor, die auf einen Zusammenhang mit Clankriminalität hindeuteten. Nach dem bisherigen Ermittlungsstand handele es sich vielmehr um eine Beziehungstat beziehungsweise ein Verbrechen mit familiärem Hintergrund.
Sorgerechtsstreit offenbar Auslöser der Tat
Nach Angaben Schuols war der 45-Jährige aus dem Raum Hannover nach Stade gereist, um in der Wohneinrichtung einen Termin im Zusammenhang mit dem Sorgerecht für seine drei Monate alte Tochter wahrzunehmen. Das Baby lebte gemeinsam mit seiner 34-jährigen Mutter in der Stader Mutter-Kind-Einrichtung.
Nach bisherigem Ermittlungsstand ist davon auszugehen, dass der Mann Mitarbeitende der Einrichtung für seine persönliche Situation verantwortlich machte und deshalb einen erheblichen Groll gegen sie entwickelte.
Da der Tatverdächtige bereits wegen eines Bedrohungsdelikts polizeilich in Erscheinung getreten war, stellt sich zwangsläufig die Frage, weshalb der Gesprächstermin in der Einrichtung selbst stattfand und nicht an einem neutralen Ort. Schließlich hätten bei einem derartigen Amoklauf auch die übrigen dort untergebrachten Mütter und Kinder in Gefahr geraten können.
- Der Tatort in der Stader Dankersstraße wurde von der Polizei weiträumig abgeriegelt
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Keinen persönlichen Bezug zu Stade
Nach Angaben von Kathrin Schuol bestehen weder beim mutmaßlichen Täter noch bei der Kindsmutter persönliche Bezüge nach Stade. Beide stammen offenbar aus dem Raum Hannover. Dass die Frau in der Stader Mutter-Kind-Wohngruppe untergebracht ist, dürfte darauf zurückzuführen sein, dass das zuständige Jugendamt in Hannover mit dem privaten Träger der Einrichtung kooperiert - wie andere niedersächsische Jugendämter auch. Berichte, wonach es es sich um eine Jugendhilfe-Einrichtung des Landkreises Stade handelt, sind falsch.
Auch die Fahrerin des Fluchtwagens, der schließlich mit zerschossenen Reifen auf der Bundesstraße 73 bei Haddorf gestoppt wurde, hat nach bisherigen Erkenntnissen keinen privaten Bezug zu Stade. Sie stammt laut Polizei aus dem Bekanntenkreis beziehungsweise familiären Umfeld des mutmaßlichen Täters.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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