Vier Jahre Wurzeldiät, ein paar Wochen Party
Brummender Besuch: Die Maikäfer sind da - auch im Kreis Stade
- Ein Maikäfer in voller Pracht. Das weiße Zickzackmuster an der Seite ist charakteristisch
- Foto: Landkreis Stade / Dr. Uwe Andreas
- hochgeladen von Jörg Dammann
Wilhelm Busch hat ihm mit dem fünften Streich der Lausbuben Max und Moritz ein literarisches Denkmal gesetzt: Jetzt bekommt man den Maikäfer wieder in der Realität zu sehen - oder auch zu hören. Beim Autor dieser Zeilen klopften in den vergangenen Abenden mehrfach ziemlich stattliche Exemplare an die Fensterscheiben. Angelockt vom Licht in der Wohnung, versuchten die fetten Brummer unablässig, ihr nächtliches Ziel anzusteuern: die Wohnzimmerlampe – und das mit deutlicher Geräuschkulisse.
Am 1. Mai war er da
Die Tochter entdeckte den ersten Vertreter der Gattung Melolontha pünktlich am 1. Mai im Garten. Ihre fachkundige Einschätzung: „Hier krabbelt ein total fetter Käfer herum!“ Treffender hätte es Wilhelm Busch auch nicht sagen können, dessen berühmter Onkel Fritz einst von den Krabbeltieren gepiesackt wurde: "Hin und her und rundherum kriecht es, fliegt es mit Gebrumm." Der um den Schlaf gebrachte Onkel beendete die Plage auf rabiate Weise: "Onkel Fritz, in dieser Not, haut und trampelt alles tot." Dabei ist das Leben eines ausgewachsenen Maikäfers ohnehin schon kurz genug: Es dauert (ohne Larvenstadium) nur wenige Wochen.
Vier Jahre Wurzel-Diät, ein paar Wochen Party
Dieser Lebenslauf des Maikäfers ist durchaus bemerkenswert: Vier Jahre lang lebt er als Engerling im Boden. Seine Ernährung: Wurzeln. Klingt trist, aber die Käferlarve wächst in dieser Zeit zu einer stattlichen Größe heran. Wenn dann im Mai die Temperaturen steigen, krabbelt er aus dem Erdreich vor. Oben an der frischen Luft angekommen, geht’s direkt ans Eingemachte: Fressen, Flirten, Fortpflanzen – das ist der Dreiklang der Maikäferwochen. Die Männchen wedeln mit ihren fächerartigen Fühlern durch die Abendluft, auf der Suche nach weiblichem Blattduft - mit einem Hauch von Alkohol und einem Schuss Pheromonen. Wer jetzt noch behauptet, Insekten hätten kein Dating-Leben, irrt gewaltig.
Pflanzenfraß ist nicht schlimm
Auch wenn es sich bei Wilhelm Busch anders anhört: „Maikäfer sind für den Menschen völlig ungefährlich“, erklärt Naturschützer Dr. Uwe Andreas vom Landkreis Stade. Sie stechen nicht und übertragen keine fiesen Krankheiten. Sie kommen allenfalls zum gelegentlichen Überraschungsbesuch auf dem Balkon oder umkreisen mit schwerfälligem Flügelschlag die Schlafzimmerlampe. Der berühmte Blattfraß an Bäumen sei auch kein Drama, so Dr. Andreas, denn die Natur habe vorgesorgt: Im Juni treiben die meisten Gewächse einfach fröhlich neu aus. Und auch wenn die Engerlinge an den Wurzeln knabbern – gesunde Pflanzen kommen damit klar. Ganz nebenbei freuen sich Vögel, Fledermäuse und andere Feinschmecker über einen fetten Maikäfer-Happen.
Die Maikäfer sind wieder zurück
Früher galten Maikäfer als Plage, ganze Generationen von Schulkindern sammelten sie kistenweise. Heute ist ihre Rückkehr eher ein kleines Naturwunder. Viele Jahre waren sie selten geworden, zu viel Chemie, zu wenig Lebensraum. Nun scheinen sich die Bedingungen wieder gebessert zu haben – zur Freude von Naturschützern, Kindern und vielleicht auch ein wenig von Onkel Fritz.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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