Geschwächt und krank
Dem Wald geht es so schlecht wie noch nie

Nicht mehr zu retten: Fichten, die vom Borkenkäfer befallen sind, werden braun und sterben ab
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  • Nicht mehr zu retten: Fichten, die vom Borkenkäfer befallen sind, werden braun und sterben ab
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tk/jab. Landkreise Stade und Harburg. Der Tod kommt schleichend. Das Sterben dauert Jahre. Wenn der Wald krank ist, fallen nicht plötzlich alle Blätter und Nadeln vom Baum und der grüne Riese stürzt um. "Besucher, die in den Wald gehen, sehen, dass alles grün ist. Sie fragen sich, wo das Problem ist", sagt Knut Sierk. Der Sprecher der Niedersächsischen Landesforsten kennt die Wälder in den Landkreisen Stade und Harburg. Er weiß, dass es fünf vor zwölf ist. Dem Wald geht es so schlecht wie noch nie. Das steht im Waldzustandsbericht für Deutschland und das gilt genauso für jeden Forst zwischen Winsen und Balje.

Wenn Sierk im Wald unterwegs ist und er durch die Krone einer Buche oder Fichte in den Himmel blicken kann, dann weiß er: "Hier stimmt etwas nicht." Es ist eine ganze Reihe von Ursachen, die dem Wald den allmählichen Garaus machen: Stürme, Trockenheit und der Borkenkäfer-Befall. Dass in der Region die Bäume noch grün sind, könnte zum Trugschluss führen, dass eigentlich alles in Ordnung ist.

Eingreifen, bevor es zu spät ist

"Wir sind bisher mit einem blauen Auge davongekommen", sagt Arne Riedel, der das Forstamt Harsefeld leitet. Aus dem blauen Auge wird aber ein Wald-Totalschaden, wenn nicht umgehend gegengesteuert wird. Etwa durch Aufforstung mit Bäumen, die dem Klimawandel besser trotzen können. Sonst, so ist zu befürchten, ist der Wald in seiner Vielfalt nur noch in Prosa und Poesie deutscher Dichter zu erleben. "Und es rauscht die Nacht so leise, durch die Waldeseinsamkeit", schrieb Joseph von Eichendorff. Wenn die Bäume sterben, rauscht der Wind allerdings nur noch über eine kahle Steppe.

Das Problem liegt in den regionalen Wäldern nicht darin, dass ganze Flächen von Wäldern absterben. Der Teufel steckt im Detail und kann schlimme Folgen nach sich ziehen. Die Förster sind permanent in den Wäldern unterwegs und kontrollieren die Bäume. Sie verlieren ihre Nadeln bzw. Blätter, bilden diese nur klein aus und werden anfällig für Krankheiten und Schädlinge - die Folgen der vergangenen Jahre. Im Bedarfsfall, beispielsweise bei einem Befall mit dem Borkenkäfer, wird der Stamm markiert und der Baum sofort entfernt. "Damit wollen wir verhindern, dass aus einem kleinen Problem ein Flächenbrand entsteht", sagt Sierk.

Alte Bäume leiden am stärksten

Ganz besonders unter der Trockenheit leiden die alten Eichen im Braken und im Steinbeck-Forst bei Harsefeld. Sie zählen zu den ältesten Wäldern im Landkreis Stade. Die Eichen dort seien Tiefenfeuchtigkeit gewohnt und könnten sich nicht wie junge Bäume an neue Gegebenheiten anpassen, sagt Riedel. Daher wird der Bestand ersetzt. Auch die Fichten, die größtenteils in den Nachkriegsjahren als schnell wachsender Rohstoff gepflanzt wurden, werden seit rund 30 Jahren nach und nach durch Eiche, Buche, Douglasie und Weißtanne abgelöst. Insgesamt möchte das Forstamt in seinem gesamten Bezirk künftig auf 65 Prozent Laubbäume - u.a. in Mischwäldern - von jetzt ca. 50 Prozent kommen. "Das dauert. Und durch die Einschnitte der vergangenen Jahre fangen wieder von vorne an", sagt Riedel.

Die Buchen leiden unter der Trockenheit und können sich nicht mehr gegen Schädlinge wehren
  • Die Buchen leiden unter der Trockenheit und können sich nicht mehr gegen Schädlinge wehren
  • Foto: Niedersächsische Landesforsten
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Wie in den Landesforsten wird auch in den Wäldern in Privatbesitz umgebaut. Nadelwälder werden in Laub- und Mischwälder umgewandelt, sagt Dr. Hartmut Schröder, Geschäftsführer der Forstbetriebsgemeinschaft Elbe-Weser. Neben Eichen und Buchen werden auch Linden und amerikanische Roteichen gepflanzt: "Letzteren wird nachgesagt, dass sie mit den klimatischen Veränderungen gut zurechtkommen", sagt Schröder.

Je nach Standort und der Prognose, wie sich dieser durch den Klimawandel entwickeln wird, werden entsprechende Bäume gepflanzt. "Doch das braucht Zeit", erklärt Sierk. Förster könnten nicht wie Landwirte alles auf einmal wegnehmen und neu säen. Bäume könnten sich zudem zwar über Jahrhunderte an klimatische Veränderungen anpassen, aber nicht über wenige Jahre. Und der Klimawandel schreite immer schneller fort, sagt Sierk. "Wenn unser Verhalten sich nicht ändert und es mit dem Klimawandel so weitergeht, sehe ich schwarz für den Wald."

Pilzbefall: Eschen sterben langsam aus

Immer wieder stellen Krankheiten die Förster vor Herausforderungen. Waren in den 90er Jahren die Ulmen betroffen, starben zuletzt vermehrt die Erlen. Inzwischen sind auch die Eschen betroffen. Durch einen Pilzbefall sterben die Triebe ab. Schröder rechnet damit, dass in zehn Jahren keine Eschen mehr im Landkreis Stade zu finden sind.

Die Hitzewelle setzt dem Wald stark zu
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Autor:

Jaana Bollmann aus Stade

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