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Keine Corona-Notbremse im Landkreis Stade

Bei plötzlichem Blackout: Umfrage im Landkreis Stade hat ergeben, dass viele Firmen nicht vorbereitet sind
Wenn die Lichter ausgehen

Der Zusammenbruch der Stromversorgung ist ein Szenario, mit dem sich der Katastrophenschutz des Landkreises unter Leitung von Nicole Streitz (kl. Foto) befasst  Fotos: Fotolia/Mike Mareen / lt/Archiv
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  • Der Zusammenbruch der Stromversorgung ist ein Szenario, mit dem sich der Katastrophenschutz des Landkreises unter Leitung von Nicole Streitz (kl. Foto) befasst Fotos: Fotolia/Mike Mareen / lt/Archiv
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jd. Stade. Es müssen drei kritische Tage für die vier deutschen Netzbetreiber gewesen sein. Wie in dieser Woche bekannt wurde, stand das bundesweite Stromnetz am 6., 12. und am 25. Juni kurz vor dem Kollaps, weil mehr Energie verbraucht als erzeugt wurde. Da eigene Reserven fehlten, kaufte Deutschland eilig Strom bei den europäischen Nachbarn ein. Die Netze drohten zusammenzubrechen, weil offenbar nicht genügend sogenannte Regelenergie bereitstand. Dieser Strom wird benötigt, um Spannungsschwankungen sekundenschnell auszugleichen. Auch wenn die Netzbetreiber im Nachhinein abwiegeln: Einige Experten meinen, dass es im schlimmsten Fall zu einem Blackout gekommen wäre. Doch wie sind die Betriebe und die Bürger im Landkreis auf einen solchen Stromausfall vorbereitet? Eher schlecht, meint die für den Katastrophenschutz zuständige Kreis-Dezernentin Nicole Streitz.

Streitz' Behörde fragte bei 27 Unternehmen im Landkreis nach, die gefährliche Stoffe verarbeiten und im Ernstfall selbst eine potenzielle Gefahrenquelle darstellen. Demnach verfügen immerhin neun dieser Firmen über keinen Notfallplan und 13, also fast die Hälfte, haben keine eigene Notstromversorgung.

Aggregate und Maschinen könnten dann bei einem Stromausfall nicht mehr betrieben werden. Ein abrupter Produktionsstopp hätte bei einigen Firmen weitreichende Folgen. Anlagen könnten schwer beschädigt oder sogar zerstört werden. "Einige Unternehmen haben angegeben, dass ihnen Notstrom für die Telefonanlage und für die EDV zur Verfügung stehe", berichtet Streitz. Wie sinnvoll funktionierende Telefone und Computer sind, wenn es einen weiträumigen Blackout gibt und ringsum alle Leitungen tot sind, ist eine Frage, die an dieser Stelle sicher berechtigt ist.

Außer Frage steht, dass ein Stromausfall allein für die Wirtschaft im Landkreis ein gewaltiges Schadenspotenzial in sich birgt. Ein Viertel der befragten Betriebe machte Angaben zu den Kosten, die bei einem Zusammenbruch der Stromversorgung entstehen. Allein bei dieser Handvoll Firmen würde sich der Schaden auf 8,6 Mio. Euro belaufen - pro Tag. Nur hochgerechnet auf alle produzierenden Betriebe ist von einem Vielfachen dieser Summe auszugehen. Der volkswirtschaftliche Schaden wäre gewaltig.

Mit der Umfrage, die u.a. auch bei den Kommunen und den 25 Altenheimen im Landkreis durchgeführt wurde, habe man den Verantwortlichen die Augen öffnen wollen, so Streitz. Der Landkreis biete den Betrieben und Einrichtungen Unterstützung an, um entsprechende Vorkehrungen zu treffen. "Sprechen Sie mit uns", appelliert die Dezernentin an die Firmeninhaber. Ihr Fazit: "Unsere kleine Befragung hat ergeben, dass es sich allein aus betriebswirtschaftlichen Gründen lohnt, wenn Firmen entsprechende Vorsorge treffen."

Vorsorgen für den Fall der Fälle muss nach Ansicht von Streitz aber auch der Bürger. Ihre Behörde kann zwar bei einem Blackout die vorbereiteten Notfallpläne aus der Schublade holen. Doch darin geht es vor allem darum, eine rudimentäre Infrastruktur aufrechtzuerhalten und die öffentliche Ordnung zu gewährleisten. Die breite Masse der Bevölkerung kann in dieser Hinsicht aber keine Unterstützung erwarten. Die Menschen wären in ihrem privaten Umfeld weitgehend auf sich selbst gestellt.

Was das bedeutet, wird einem klar, wenn man sich die Folgen eines weiträumigen oder sogar bundesweiten Stromausfalls vor Augen führt. Die sogenannte kritische Infrastruktur würde zusammenbrechen: Wasserversorgung, Kommunikation, Gesundheitswesen, Transport und Verkehr - all das würde nicht mehr funktionieren. Man könnte keine Lebensmittel kaufen, weil die Kassensysteme außer Betrieb wären, tanken wäre nicht mehr möglich und auch an Bargeld käme niemand ran, da die Geldautomaten auch auf Strom angewiesen sind. Und Handy oder Tablet aufladen: Fehlanzeige.

Auf die Eigeninitiative der Bevölkerung weist auch das Katastrophenschutz-Konzept des Landkreises ausdrücklich hin: "Die staatliche Hilfe ist grundsätzlich nachrangig zur Selbsthilfe der Bürger."

Broschüre mit Notfall-Infos

Wie kann sich der Bürger für den Ernstfall wappnen? Dezernentin Nicole Streitz empfiehlt, sich in seinem Haushalt einmal umzuschauen und genau zu überlegen, was bei einem Stromausfall passieren kann und welche Konsequenzen das für den persönlichen Lebensbereich haben könnte. Man sollte sich Gedanken darüber machen, wie mögliche Schäden zu verhindern bzw. abzumildern sind.

Streitz legt jedem den "Ratgeber für Notfallvorsorge" ans Herz. In der Broschüre des Bundesamtes für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (www.bbk.bund.de) wird aufgeführt, welche Mengen an Lebensmitteln für einen zehntägigen Notvorrat vorhanden sein sollten. Außerdem ist eine Checkliste abgedruckt - mit allen Utensilien, die man inklusive Notgepäck im Katastrophenfall im Haus haben sollte. Sobald eine Neuauflage des Heftchens gedruckt ist, soll es an alle Haushalte im Landkreis verteilt werden.

Der Zusammenbruch der Stromversorgung ist ein Szenario, mit dem sich der Katastrophenschutz des Landkreises unter Leitung von Nicole Streitz (kl. Foto) befasst  Fotos: Fotolia/Mike Mareen / lt/Archiv
Nicole Streitz
Autor:

Jörg Dammann aus Stade

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