Tierwohl ade: "Der Glaube an Veränderungen ist gestorben"
Dumpingpreise sorgen für Existenzängste und zerstören immer mehr landwirtschaftliche Familienbetriebe

Jorne Tangermann mit seiner Schwester Finja und Mutter Gitta
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bs. Landkreis. "Alle schreien nach Tierwohl, nur keiner kann es bezahlen. Der Glaube, dass sich was verändert, ist schon lange gestorben", lautet das nüchterne Fazit von Gitta Tangermann, die zusammen mit ihrem Mann Heinz und ihren Kindern Jorne und Finja direkt vor den Toren des Landkreises Harburg einen konventionellen Milcherzeugerbetrieb führt.
1995 übernahmen die Tangermanns den in Handorf liegenden circa 1,5 Hektar großen Hof und starteten mit rund 40 Kühen ihre Milcherzeugung. "1991 lag Milchpreis bei rund 61 Pfennig pro Liter. Die Pachtpreise waren human. Der Bauer galt als Ernäher und wurde geachtet. Wir haben hart gearbeitet, so wie heute, nur konnten wir gut damals davon leben" erzählt Gitta Tangermann.
Heute ist das Bild ein ganz anderes, denn seit Ende der 2000er Jahre geht es in Deutschland mit den Preisen bergab. "2008 lag der Milchpreis bei 18 Cent den Liter, was für unsere Berufsgruppe sehr sehr schmerzhaft war", so Jorne. Trotzdem: Die Familie investiert über die Jahrzehnte viel Geld  in ihren Hof, nimmt hohe Kredite für neue Hallen, Maschinen und Laufställe auf, um ihre und die Lebensbedingungen ihrer heute rund 160 Tiere zu verbessern. Nur durch den zusätzlichen Zuchtviehverkauf hält sich die Familie in besonders schweren Zeiten finanziell über Wasser.
Gelohnt haben sich die hohen Risiken für die Tangermanns, genau wie für viele andere mittelständische Betriebe, rückblickend nicht. "Alles ist teurer geworden, nur die Lebensmittelpreise sinken und sinken und der Bauer steht am Ende der Kette. Wir sind volles Risiko gegangen und müssen über kurz oder lang wohl über Alternativen nachdenken, denn so schaffen wir es einfach nicht".
Eine Kuh hochzuziehen koste rund 2.000 Euro, allein die Futterkosten liegen pro Tier bei 2,50 Euro täglich. Dazu kommen die stetig steigenden Pachtpreise und immer höher werdenden Kosten für die Instandhaltung des Betriebes. Nicht inbegriffen sind dabei Tierarztkosten oder Verluste durch beispielsweise Tierseuchen.
Rund 32 Cent erhalten die Tangermanns aktuell pro Liter Milch, um alle laufenden Kosten und Kredite zu decken, bräuchten sie aber mindestens 42 Cent den Liter. Ein dickes Minusgeschäft. "Dazu kommt stetige Unsicherheit, denn faire Preisverhandlungen, so wie es sich der Laie vielleicht vorstellt, gibt es nicht. Wir liefern die Milch und kriegen dann Wochen später den Preis. Das heißt für uns, dass wir gar nicht wissen, was wir überhaupt verdienen und ob wir nächsten Monat alle nötigen Löcher stopfen können".
Dem Ganzen steht ein echter "Knochenjob", gegenüber, täglich um vier Uhr klingelt der Wecker, jeden Tag. "Sonntage gibt es nicht, wir haben bis zu 15 Stunden Tage, melken 8 Stunden am Tag", so Jorne, der sich nicht erinnert, jemals mit seinen Eltern im Urlaub gewesen zu sein.

Perverse Preispolitik: Für ein solches Bullenkalb erhält der Jungbauer nicht mehr als 5 Euro
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Parallel zu den den Milchpreisen, verfallen gleichzeitig die Zuchtpreise für die Jungtiere- ein Teufelskreis. "Man kann es kaum glauben, aber für ein Bullenkalb bekommen wir 5 Euro, das ist einfach nur traurig und skandalös", so Jorne, der wie seine Schwester, die Tiere und die Landwirtschaft über alles liebt. "Wir tun wirklich alles, dass es unseren Tieren gut geht. Wir würden gerne den Betrieb weiterführen, am liebsten wieder verkleinern, um die Bedingungen zu verbessern, aber wir werden es uns am Ende wohl einfach nicht leisten können", so der 25 jährige, der zusätzlich neben dem Betrieb arbeiten muss, um den Hof am Laufen zu halten.#

Trotz der Dumpingpreise liegt den Tangermanns vor allem eins am Herzen: das Wohl ihrer Tiere, die im Sommer täglich auf die Weide dürfen und sich im Winter in Laufställen frei bewegen könne
  • Trotz der Dumpingpreise liegt den Tangermanns vor allem eins am Herzen: das Wohl ihrer Tiere, die im Sommer täglich auf die Weide dürfen und sich im Winter in Laufställen frei bewegen könne
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Der dramatische Preisverfall bedrohe vor allem kleine und mittelständische Betriebe, die ihre Kühe noch auf die Weide schicken. "Die kleinen Bauern melken und melken, um irgendwie zu überleben. Natürlich entsteht dabei ein Überschuss an Milch, was das erste große Problem ist. Die Marktmacht des Handels und der großen Molkereien ist zweite Problem, die aufgrund ihrer Größe ganz andere Preise anbieten können. Und die Politik in Brüssel und Berlin, die beispielsweise noch immer keine EU-einheitlichen Standards vorschreibt, treibt uns Landwirte weiter in den Abgrund", so Gitta Tangermann.
Daneben sorgte in den vergangenen Jahrzehnten die mittlerweile abgeschaffte Milchquote für finanzielle Einbußen. Immer strengere Verordnungen und hohe formelle Anforderungen erschweren heute wiederum die Umstellung auf einen Biobetrieb oder einen Abverkauf direkt vom Hof. "Um beispielsweise eine Milchtankstelle einzurichten müssten wir erneut rund 100.000 Euro investieren. Geld das wir wieder finanzieren müssten und das wir einfach nicht mehr haben", so Jorne.
Das größte Problem sei aber, dass die Wertschätzung für gute Lebensmittel in der Bevölkerung größtenteils abhanden gekommen sei. "Der Verbraucher kauft sich einen Grill für 1.500 Euro, darauf aber liegt die Billigbratwurst vom Discounter". Seine Mutter stimmt ein. "Wir wollen keine Subventionen, keine 'Bauernmilliarde', denn auch dafür müssten wir uns nur immer weiter verschulden und neue Maschinen kaufen. Wir brauchen endlich die Kehrtwende in Berlin und Brüssel, einheitliche Standards, wieder mehr Wertschätzung und vor allem vernünftige Preise."

Autor:

Sara Buchheister aus Winsen

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