Tiefe Einblicke in die lokale Szene
Rechtsextremismus im Landkreis Harburg
- Auf Einladung der SPD und des Vereins „Pro Demokratie“ gab die Journalistin Andrea Röpke (Bildmitte) Einblicke in die lokale Rechtsextreme Szene und ihre bundesweite Vernetzung
- Foto: Jan Filter
- hochgeladen von Jan Filter
Oft denken wir, Extremismus passiert weit weg. In der ostdeutschen Provinz oder in großen Städten. Doch die renommierte Journalistin Andrea Röpke zeigte nun im Winsener Marstall in einem aufrüttelnden Vortrag: Völkische Siedler, Reichsbürger und Rechtsextreme sind mitten unter uns. Auf Einladung der SPD und des Vereins „Pro Demokratie“ deckte sie auf, wie nah diese Netzwerke bis buchstäblich an unsere Haustüren reichen.
Besonders erschreckend ist dabei die Nähe zu mutmaßlichen Terror-Netzwerken. In Jesteburg lebte ein bekannter Reichsbürger, dessen Name der Redaktion bekannt ist. Dieser soll die „Prinz Reuß“-Gruppe mit über 151.000 Euro unterstützt haben. Dass er vor Ort gut vernetzt ist, zeigte sich zuletzt bei seiner Festnahme durch die Polizei, als ein lokaler Mob versuchte, diese zu verhindern. Auch in Seevetal sitzen zentrale Akteure: Hier lebt beispielsweise ein überregional bekannter Kopf der Holocaust-Leugner-Szene.
Zu den Kommunalwahlen treten im Landkreis Harburg auf den Listen der AfD teilweise Rechtsextreme ihren Gang durch die Institutionen an. So zog ein Bürgermeisterkandidat der AfD durch Teilnahme an einem Neonazi-Aufmarsch in Dresden und seiner Mitgliedschaft in einer als rechtsextrem eingestuften schlagenden Studentenverbindung bereits einiges an Aufmerksamkeit auf sich. Gemeinsam mit einer Kandidatin für den Rat, die nicht nur der völkischen und der rechtsextremen Gruppierung „Identitäre Bewegung“ nahestehenden Frauengruppe „Lukreta“ angehört, warb er zudem für einen „White Girl Summer“.
In Egestorf wiederum lebt ein ehemaliger Grundschullehrer, der in der Szene als Geschichtsrevisionist bekannt ist - und wegen Volksverhetzung und Verharmlosung des Holocaust verurteilt wurde.
Ein lokaler Schwerpunkt der rechten Szene ist auch die Nachwuchsarbeit. Die Gruppierung „Fahrende Gesellen“ betreibt völlig unbehelligt in Marxen ein Landheim. Dort erziehen sie Kinder in Zeltlagern nach völkisch-nationalsozialistischen Idealen. In Winsen sind Vertreter des rechten Jugendbundes „Sturmvogel“ aktiv, um Kinder systematisch der Demokratie zu entfremden.
In Buchholz mischt sich derweil Ideologie mit der lokalen Esoterik-Szene. Hier gab es Vorträge zur faktisch lebensgefährlichen und zudem antisemitischen „Germanischen Neuen Medizin“. Ein weiterer Aktivist warb hier außerdem für das inzwischen verbotene „Königreich Deutschland“ um den festgenommenen Peter Fitzek.
Rechtsextreme hatten zeitweise erfolgreich die „Heimatschutzkompanie Nordheide“, eine staatliche Institution, unterwandert - und dies bei einem Waffenhändler in Hörsten in einem sogenannten „Nazi-Zimmer“ gefeiert.
Deutlich wurde an diesem Abend neben der für viele überraschend starken Verwurzelung rechtsextremer Netzwerke in unserer Region vor allem eines: Parteien wie die AfD sind allenfalls die Spitze eines großtenteils verborgenen Eisbergs aus weit verzweigten und bestens organisierten Gruppierungen aus dem rechtsextremen Spektrum.
Redakteur:Jan Filter aus Winsen |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.