WOCHENBLATT-Interview mit "Geht's noch anders?"-Referent Dr. Thomas Köhler
Gemeinsam Visionen entwickeln

"Wir brauchen Visionen": Sozialwissenschaftler Dr. Thomas Köhler
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(ab). "Soziale Energien für den Wandel in gespenstischen Zeiten": So heißt der Vortrag von Dr. Thomas Köhler. Der Sozialwissenschaftler aus Hannover referiert im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Geht's noch anders? - Zeit für Alternativen" am Montag, 4. November, um 19 Uhr in Oersdorf im Dorfgemeinschaftshaus (Brinkkrog 4). Beginn ist um 19 Uhr, der Eintritt frei. Mit WOCHENBLATT-Redakteurin Alexandra Bisping sprach Thomas Köhler über Visionen, "Transition Town" und ob die Welt noch zu retten ist.

WOCHENBLATT: Sie haben schon 2010 in Hannover die "Transition Town" ins Leben gerufen. Inzwischen gibt es mehr als 1.000 Initiativen in Deutschland. Können Sie den Begriff kurz erläutern und erklären, wie Sie bereits damals erkannt haben, aktiv werden zu müssen?

Thomas Köhler: Einfach gesagt bedeutet Transition Wandel, "Transition Town" also Stadt im Wandel oder im Übergang. Aktivitäten, die auf Selbstversorgung und Unabhängigkeit zielen, wie beispielsweise Gärtnern, werden dazu mit Wissen kombiniert, das Umwelt und Klimaschutz betrifft. Dass es wichtig ist, etwas zu tun, habe ich bereits 2009 erkannt. Ich hatte das Handbuch des "Transition Town"-Erfinders Rob Hopkins, "Energiewende - Das Handbuch" gelesen, das ich nur empfehlen kann. Ich habe damals meine alten Jobs gekündigt und bin Transitioner geworden. Inzwischen ist Hannover die größte "Transition Town"-Inititiative mit 16 festen Mitarbeitern, die in mehreren Stadtteilen vertreten sind. Eigentlich ein Erfolgserlebnis, denn die Stadt traut uns auch immer mehr zu.

WOCHENBLATT: Haben sich Ihre Visionen von früher im Wesentlichen geändert?
Thomas Köhler: Meine Vision hat sich nicht wesentlich verändert, aber die Zeit, in der man sie hätte umsetzen können, ist abgelaufen. Das Thema Klimakrise besteht seit Jahrzehnten - und wir sind überhaupt nicht weitergekommen. Systemgrenzen werden dauernd überschritten, die irgendwann zusammenbrechen. Dann kommt es zu sogenannten Tipping Points, zu Kipppunkten wie dem Schmelzen der Eisschilde oder dem Absterben der Korallenriffe. Was viele nicht begreifen: Die Welt ist nicht mehr zu retten. Wir können nur versuchen, die Kata-#+strophe aufzuhalten. Was kaputtgegangen ist, lässt sich nicht wieder herstellen. Wir können nur noch abmildern. Und das ist keine Glaubensfrage, sondern Fakt.

WOCHENBLATT: Wie sehen Sie die gesellschaftliche, die allgemeine Entwicklung seit der Gründung der "Transition Towns"?
Thomas Köhler: Es geht nicht nur darum, ein paar Stellschrauben zu drehen. Es reicht nicht, seltener mit seinem SUV zu fahren. Was wir brauchen, ist eine heftige und tiefgreifende Transformation, einen Krieg gegen den Klimawandel. Wir brauchen autofreie Städte, Biodiversität, andere Wärme- und Energieversorgung. Es hätte versucht werden müssen, das gemeinsam umzusetzen. Das ist nicht passiert.

WOCHENBLATT: Sind junge Engagierte anders unterwegs als ältere?
Thomas Köhler: Nehmen wir die "Fridays for Future"-Akteure, die Schüler, die in einer klassischen Bewegung auf die Straße gehen. Sie sind in ihrem Engagement unschuldig und frisch, aber andererseits auch sehr emotional. Ich habe auf Demos schon Tränen gesehen, denn sie erkennen, wie prekär die Situation ist. Der Druck, aktiv zu werden, ist stark gewachsen.

WOCHENBLATT: Wie sehen Sie die Politik in der Pflicht? Was müsste sie Ihrer Meinung nach kurz-, mittel- und langfristig umsetzen?
Thomas Köhler: Wenn es noch klappen sollte, bei dem gesetzten Ziel von 1,5 bis 2 Grad Klimaerwärmung zu bleiben, müssen wir Übermenschliches leisten. Die Reaktion vieler ist: Das klappt nicht, dann machen wir gar nichts mehr. Wir müssen Emission jetzt jedes Jahr um zehn Prozent minimieren. Ich sehe aber nicht, dass etwas unternommen wird, um dahin zu kommen. Eine unserer Hauptaufgaben ist jetzt das Entwickeln von Visionen zu fördern, sich eine andere Welt vorstellen zu können. Wir müssen Ideen bündeln zu der Frage, wie man anders leben kann. Das wird bei uns viel zu wenig gemacht.

WOCHENBLATT: Warum haben Sie im Titel Ihres Vortrags den Ausdruck "gespenstisch" gewählt und was möchten Sie Besuchern Ihres Vortrages in Oersdorf mit "auf den Weg" geben?
Thomas Köhler: Gespenstisch ist es deshalb, weil große Teile der Welt nicht mehr zu retten sind. Der Horizont verdüstert sich, es wird bedrohlicher. Junge Menschen spüren das deutlicher. Gegen das Gespenstische möchte ich einen anderen Geist wecken, nämlich die Fähigkeit zur Zusammenarbeit an positiven Dingen. Kreative gibt es überall - das müssen wir fördern.

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