Coronavirus im Landkreis Harburg
"Jede Klinik macht sich intensive Gedanken"

Die Waldklinik in Jesteburg bereitet sich darauf vor, Patienten aus den Krankenhäusern in Buchholz und Winsen zu übernehmen. Dort sollen dann Corona-Patienten betreut werden
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Waldklinik-Chef Hans-Heinrich Aldag bewertet die Situation der Rehakliniken im Zuge der Corona-Krise.

mum. Jesteburg.
Die aktuelle Corona-Krise wirkt sich auch auf die privaten Kliniken aus. Waldklinik-Chef Hans-Heinrich Aldag gehört dem Vorstand des Bundesverbandes Deutscher Privatkliniken an (1.200 Krankenhäuser und Rehabilitationskliniken in privater Trägerschaft). Außerdem ist er Vorsitzender des Verbandes der Privatkliniken Niedersachsens (VdPKN) und stellvertretender Vorsitzender der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft (NKG), der Interessenvertretung der niedersächsischen Krankenhäuser (184 öffentlichen, freigemeinnützigen und privaten Kliniken). WOCHENBLATT-Redakteur Sascha Mummenhoff sprach mit Aldag über die aktuelle Situation.

WOCHENBLATT:
Welche Auswirkung hat die Corona-Krise auf die Waldklinik und ihre Mitarbeiter?
Hans-Heinrich Aldag: Wie auf alle Lebensbereiche, aber insbesondere auf alle Einrichtungen des Gesundheitswesens, hat Corona große Auswirkungen auch auf unsere Klinik. Notwendige Therapien sowohl unserer schwer betroffenen Krankenhaus- als auch unserer Rehapatienten laufen weiter. Umstellungen gibt es bei allen Formen des Umgangs miteinander, etwa bei der Größe und Organisation von Therapiegruppen oder gemeinsamen Mahlzeiten. Wir hatten bei den aktuellen Patienten der letzten Tage bisher einige wenige Verdachtsfälle, die wir nach Testung umgehend ins Krankenhaus Winsen verlegen konnten. Mitte der letzten Woche wurden alle Kliniken per Rechtsverordnung angewiesen, aufschiebbare Behandlungen - soweit medizinisch vertretbar - zunächst auszusetzen. Dies hat zum Teil mit kleinem Zeitversatz natürlich auch erhebliche Konsequenzen für die Auslastung - und damit Einnahmeausfälle - der nachfolgenden Rehaeinrichtungen, bei uns bisher vor allem auf unsere orthopädische Abteilung. Demgegenüber sollten sich zumindest unser Krankenhausbereich der Neurologischen Frührehabilitation und unsere schwereren Rehaphasen auch während der Krise nicht wesentlich verändern.

WOCHENBLATT:
Wie sieht die finanzielle Entschädigung aus?
Aldag: An diesem Mittwoch nun hat der Bundestag über die finanziellen Kompensationsmaßnahmen ("Rettungsschirme") für Krankenhäuser und Rehakliniken entschieden. Die Ergebnisse hätte sich die Branche noch deutlich bürokratieärmer (besonders Krankenhäuser) und besser (vor allem Reha) gewünscht, um sich so gut wie möglich um die Bekämpfung des Virus selbst kümmern zu können. Dafür werden die jetzt beschlossenen Kompensationsmaßnahmen zumindest in der Rehabilitation allein sicher nicht ausreichen, so dass sich zurzeit jede Klinik intensiv Gedanken machen muss, mit welchen Maßnahmen die Existenz gesichert werden kann. Dies auch, um den Krankenhäusern die erforderliche Unterstützung geben zu können, wenn die erwartete Welle denn ankommt! Problematisch ist auch, dass die Bezugsquellen für Material und Desinfektionsmittel zunehmend schwieriger werden.

WOCHENBLATT:
Welche Maßnahmen wurden getroffen, um Patienten und Mitarbeiter zu schützen?
Aldag: An jedem Tag um 9 Uhr tagt das Team unserer Klinik-leitung, um die täglich zu überprüfenden Entscheidungen zur Eindämmung des Virus schnellstmöglich umsetzen zu können. Im Anschluss daran erhalten unsere Mitarbeiter das Ergebnis als Tagesrundschreiben mit den konkret verfügten Maßnahmen, um so eine größtmögliche Transparenz herzustellen. Grundsätzlich ist in der Waldklinik schon aufgrund der häufigen Keimbelastungen unserer schwer betroffenen Krankenhauspatienten ein hochqualifiziertes Hygienemanagement installiert. Mitarbeiter, die unter die Risikodefinitionen des Robert-Koch-Instituts fallen, sowie Zweifelsfälle schicken wir wenn möglich in Quarantäne und lassen sie bei zusätzlichen Indizien testen. Anfang dieser Woche haben wir angeordnet, dass Mitarbeiter im Patientenkontakt zum Schutz all unserer Patienten so genannte Mund-Nasen-Schutz-Masken zu tragen haben. Wir glauben, dass die Gefahr einer Ansteckung draußen größer ist, als in den Kliniken.

WOCHENBLATT:
Es heißt, Kliniken sollen speziell auf Corona-Patienten vorbereitet werden. Gilt das auch für die Waldklinik?
Aldag: Wir werden in diesen Tagen mit einer Vielzahl von Gesetzesinitiativen, Rechtsverordnungen, fachaufsichtlichen Weisungen oder Verfügungen von den verschiedenen Aufsichtsgremien konfrontiert, die nicht alle immer eindeutig formuliert oder widerspruchsfrei zueinander sind. Es wird aber davon auszugehen
sein, dass auch dafür geeignete Spezial- und Rehakliniken, wie unser Haus, nicht unbeteiligt bleiben.

WOCHENBLATT:
Wie bereitet sich die Waldklinik darauf vor?
Aldag: Wir machen uns derzeit intensiv Gedanken um geeignete Bettenkontingente und Stationszuschnitte und sind in Abstimmungsgesprächen mit dem Sozialministerium, dem Landkreis und unserem engen Kooperationspartner, den Krankenhäusern Buchholz und Winsen.

WOCHENBLATT:
Welche Patienten würden dann in die Waldklinik kommen?
Aldag: Die bei Bedarf in Reha-kliniken zu verlegenden Krankenhauspatienten sind entweder behandlungsbedürftige Nicht-Corona-Fälle, um die Krankenhäuser zu entlasten, oder - bei Fortschreiten der Welle - auch direkte Corona-Fälle.

WOCHENBLATT:
Welche Konsequenzen hat das für die jetzigen Patienten? Werden geplante Reha-Maßnahmen verschoben?
Aldag: Wir gehen davon aus, dass in jedem Fall auch weiter Patienten der Anschlussrehabilitation, die nach neurologischen, und im Einzelfall auch orthopädischen Erkrankungen direkt aus den Krankenhäusern zu uns kommen, weiter in der Waldklinik rehabilitiert werden können. Auch für unseren eigenen Krankenhausbereich der Neurologischen Frührehabilitation wird es aller Voraussicht nach keine wesentlichen Veränderungen geben.

WOCHENBLATT:
Sie sind Vorsitzender des Verbandes der Privatkliniken Niedersachsens und der Niedersächsischen Krankenhausgesellschaft. Wie wird das Thema Corona auf dieser Ebene diskutiert?
Aldag: Das, was wir hier im Kleinen für unseren Spezialbereich besprechen und organisieren, wird in diesen Tagen natürlich heiß auch auf den verbandspolitischen Ebenen diskutiert. Mehrmals wöchentlich, seit dem letzten Wochenende - als Jens Spahn seinen Gesetzentwurf veröffentlichte - auch mehrmals täglich werden in Telefonkonferenzen oder per Mail die vielen erforderlichen Maßnahmen zwischen den Kliniken, mit den Verbänden, der Bundes- und Landespolitik, der niedersächsischen Sozialministerin, den Gesundheitsämtern der Landkreise und auch mit dem Bundesgesundheitsministerium diskutiert. Auch als Verbandsvertreter hat mir in den letzten Tagen dabei besonders der direkte Draht zu unseren beiden Bundestagsabgeordneten Svenja Stadler und Michael Grosse-Brömer sowie zum stellvertretenden Ministerpräsidenten Bernd Althusmann geholfen.

WOCHENBLATT:
Welche Gemütslage ist im Augenblick bei Ihnen vorherrschend?
Aldag: Trotz der für uns alle dramatischen und völlig ungewohnten Situation und der notwendigen Abstandsregeln ist die Stimmung in unserem Haus sehr gut und so freundlich und fröhlich wie sonst auch. Das gilt sowohl für unsere Mitarbeiter als auch unsere Patienten. Ich denke, dass dazu und zur gefühlt freundlichen Ruhe und Ausgeglichenheit auch die stetige Information und intensive Kommunikation untereinander und zu den Patienten erheblich beiträgt. Speziell unsere Kollegen zeigen durch die Bank großes Verständnis für die Schwierigkeiten dieser Ausnahmesituation, eine große Flexibilität bei der Umstellung von Arbeitsabläufen und viele entwickeln täglich immer wieder auch neue Ideen für den Umgang miteinander und zu den Patienten. Das macht mich bei allen Problemen gerade auch sehr stolz!

WOCHENBLATT:
Danke für das Gespräch.

Psychosomatische Klinik Ginsterhof
(as). Auch auf den Alltag in der psychosomatischen Klinik Ginsterhof in Rosengarten-Tötensen hat die Pandemie Auswirkungen. Im Ginsterhof werden 130 Patienten mit schweren psychischen Krisen, etwa Depressionen oder Angst, behandelt. Die Klinik wird auch weiterhin Behandlungsplätze anbieten und Patienten aufnehmen. Allerdings gibt es einige Änderungen. Um das Ansteckungsrisiko zu minimieren, finden alle Therapieangebote jetzt stationsintern statt. Bevor ein Patient aufgenommen wird, wird abgefragt, ob er gesund ist. Besprechungen finden nur noch in Kleingruppen statt und die Mitarbeiter halten entsprechend Abstand zu den Patienten. Die Klinik hält das Infektionsschutzgesetz und die Vorgaben des Robert-Koch-Instituts ein, grundsätzlich sei daher die Ansteckungsgefahr gering, sagt Dr. Ute-Christine Haberer, Chefärztin der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Wichtig sei auch eine transparente Kommunikation. Neue Ablaufpläne werden so kommuniziert, dass es für jeden nachvollziehbar ist. Die Mitarbeiter werden sofort über neue Regelungen und Entscheidungen aufgeklärt, um ihnen die Unsicherheit zu nehmen. "Das wirkt sich letztendlich auch auf die Patienten aus. Sie werden gut versorgt und erhalten eine gute Behandlung."
Als Krankenhaus ist der Ginsterhof im Bettenplan des Landes Niedersachsen aufgeführt und soll im Notfall Patienten aus umliegenden Krankenhäusern aufnehmen. "Wir haben hier medizinisches Personal, dass sich um diese Patienten kümmern könnte", so Haberer. Die Klinik sei darauf eingestellt, in kürzester Zeit eine isolierte Station einzurichten.

Die Waldklinik in Jesteburg bereitet sich darauf vor, Patienten aus den Krankenhäusern in Buchholz und Winsen zu übernehmen. Dort sollen dann Corona-Patienten betreut werden
Waldklinik-Chef Hans-Heinrich Aldag
Autor:

Sascha Mummenhoff aus Jesteburg

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