Pilotprojekt am Gymnasium Hittfeld
Freiwillig smartphonefrei - auch nach Schulschluss

Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 5d stellen sich der Herausforderung, die erste smartphonefreie Klasse zu sein. Im Rahmen des Weitblicktages haben sie hierzu Briefe an Tobias Krell (Checker Tobi), geschrieben. Sie hoffen jetzt auf Antwort des Kindermoderators. | Foto: Emil Strehle
  • Die Schülerinnen und Schüler der Klasse 5d stellen sich der Herausforderung, die erste smartphonefreie Klasse zu sein. Im Rahmen des Weitblicktages haben sie hierzu Briefe an Tobias Krell (Checker Tobi), geschrieben. Sie hoffen jetzt auf Antwort des Kindermoderators.
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Ein Schuljahr ohne eigenes Smartphone – nicht nur auf dem Schulhof, sondern auch zu Hause: Mit einer handyfreien 5. Klasse möchte das Gymnasium Hittfeld Kindern mehr Raum für persönliche Begegnungen, gemeinsames Lernen und einen bewussten Umgang mit digitalen Medien geben. Das besondere Konzept nimmt auch die Eltern in die Verantwortung: Sie verpflichten sich, ihren Kindern während des gesamten fünften Schuljahres kein eigenes internetfähiges Smartphone zur Verfügung zu stellen und das Modell aktiv mitzutragen. Familien, die sich für die freiwillige handyfreie Klasse entscheiden, schaffen damit bewusst mehr Raum für persönliche Begegnungen, Bewegung, Konzentration und Kreativität. Zugleich soll der Druck auf die Kinder verringert werden, schon zum Start an der weiterführenden Schule ein eigenes Smartphone besitzen zu müssen. Sich in der fünften Klasse bewusst dagegen zu entscheiden, erfordert auch Mut – besonders dann, wenn das Smartphone im Freundeskreis längst selbstverständlich ist.

Die Schule verspricht sich davon nicht nur positive Auswirkungen auf die Lernfähigkeit, sondern auch auf das soziale Miteinander. Digitale Konflikte und Cybermobbing sollen vermieden, Selbstständigkeit und Eigenverantwortung dagegen gestärkt werden. Damit „handyfrei“ von den Kindern nicht nur als Verzicht empfunden wird, werden attraktive Alternativen angeboten: Bewegungsangebote in den Pausen, gemeinsame Klassenaktionen, Leseangebote, kreative Projekte, Musik und Theater, Naturerlebnisse und Ausflüge. Die Kinder reden bei der Gestaltung der Angebote aktiv mit.
Die Klassenleiterinnen Nora Wellbrock und Linda Kleres entwickelten das Konzept im Austausch mit drei Schulen aus anderen Bundesländern.

Auch zu Hause bleibt das Smartphone weg

Entscheidend für das Modell ist die Unterstützung der Familien. Die Teilnahme ist freiwillig, setzt aber eine verbindliche Vereinbarung zwischen Eltern, Kindern und Schule voraus. Eltern verpflichten sich, ihrem Kind während des gesamten fünften Schuljahres auch privat kein eigenes internetfähiges Smartphone zur Verfügung zu stellen.
Für Schulweg und Notfälle kann ein einfaches Tastentelefon ohne Internetzugang genutzt werden, das in der Schule ausgeschaltet bleibt. In dringenden Fällen sind die Kinder über die Schule erreichbar; Ausnahmen werden individuell geregelt.

Stark machen, für das was kommt

Ein wichtiger Punkt des Konzepts: Die Kinder sollen keineswegs von der digitalen Welt abgeschottet werden. Im Gegenteil: Medienbildung gehört ausdrücklich zum Unterricht – allerdings mit schulisch bereitgestellten Geräten und unter pädagogischer Begleitung.
Auf dem Programm stehen Themen wie Datenschutz und Persönlichkeitsrechte, Cybermobbing und Klassenchats, soziale Netzwerke, Bildschirmzeiten, sichere Passwörter, Fake News und Desinformation sowie künstliche Intelligenz. Auch der Umgang mit Fotos und Videos, Influencern, Werbung und digitalen Geschäftsmodellen soll thematisiert werden.
Die Idee dahinter: Die Kinder sollen digitale Angebote nicht möglichst früh konsumieren, sondern zunächst lernen, wie sie funktionieren, welche Risiken sie bergen und wie sie verantwortungsvoll damit umgehen können.

Eine Schlüsselrolle kommt den Eltern zu. Bereits vor Beginn dieses Schuljahres, wurden die Familien ausführlich über Ziele und Regeln informiert. Elternabende zur Medienerziehung, Beratungsangebote und ein regelmäßiger Erfahrungsaustausch sollen sie begleitend unterstützen, die Vereinbarung auch im Alltag umzusetzen. Kommt es dennoch zu Schwierigkeiten, setzt das Konzept auf gemeinsame Lösungen. Eine Kontrolle des privaten Familienlebens ist ausdrücklich nicht vorgesehen.
Doch was passiert, wenn ein Kind bereits ein Smartphone besitzt und aufgrund des Konzepts darauf verzichten soll? Auf Nachfrage des WOCHENBLATT erläuterten die Klassenleiterinnen Linda Kleres und Nora Wellbrock, wie sie mit solchen Fällen umgehen: "Da die Eltern sich mit der Anmeldung bewusst für die smartphonefreie Klasse entschieden haben, stoßen wir auf wenig Widerstand. Aber es gibt natürlich das ein oder andere Kind, das dennoch ein Handy bekommen hat. Im Austausch mit den Eltern und den Kindern kommt man aber schnell auf einen gemeinsamen Nenner, bespricht, für welche Ausnahmesituationen das Handy genutzt werden darf und erinnert an die Bedeutung und den Gewinn, den wir uns von dieser Idee erhoffen. Meist erreicht man die Eltern tatsächlich über die bereits vorhandene Einsicht, die sie beim Setzen des Häkchens bei der Anmeldung mitgebracht haben. Das Projekt erfordert dennoch eine engere Zusammenarbeit mit den Elternhäusern. Eltern und Lehrkräfte müssen hier als Vorbilder vorangehen, sonst kann ein Projekt in dieser Altersklasse kaum gelingen. Perspektivisch (ab Klasse 6) suchen wir auch die Unterstützung durch die Elternhäuser, bauen auf Multiplikatoren innerhalb der Elternschaft, die beim Umgang mit den ersten Handys Tipps geben können (z.B. Jugendschutzeinstellungen, Bildschirmzeiten usw.)."

Zunächst ein Jahr auf Probe

Die handyfreie Klasse ist zunächst als Pilotprojekt für ein Schuljahr geplant. Nach dem ersten Halbjahr soll eine Zwischenbilanz gezogen werden, am Ende des Schuljahres folgt eine ausführliche Auswertung mit Kindern, Eltern und Lehrkräften.
Dabei soll unter anderem untersucht werden, ob sich Konzentration, Unterricht und Klassengemeinschaft verändern, wie die Kinder ihre Pausen verbringen und ob der Verzicht auf das Smartphone tatsächlich sozialen Druck reduziert. Auch die schulische Kommunikation und die Erfahrungen der Familien sollen auf den Prüfstand kommen.
Anschließend wird entschieden, ob und in welcher Form das Modell in der 6. Klasse weitergeführt werden kann. Langfristig könnte daraus ein stufenweiser Weg entstehen, der die Kinder bis zum ersten eigenen Smartphone begleitet.

Der Grundgedanke dahinter ist einfach: Die digitale Welt soll nicht ausgesperrt werden. Die Kinder sollen vielmehr Zeit bekommen, zunächst Freundschaften, Selbstständigkeit und soziale Fähigkeiten zu entwickeln – und gleichzeitig lernen, später sicher, kritisch und selbstbestimmt mit Smartphone und sozialen Medien umzugehen.
"Für mich ist das Projekt zur Herzensangelegenheit geworden, es lässt mich auch den eigenen Umgang mit dem Handy reflektieren. Ich wünsche mir, dass die Kinder erstmal an der Schule ankommen können, Selbstbewusstsein tanken, neue Freunde finden und langsam an die viel zu schnell gewordene Digitalisierung herangeführt werden, ganz nach dem Motto: Erst stark, dann smart", so Linda Kleres.

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Redakteur:

Julia Paepcke aus Buchholz

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