Zeitzeuge erinnert sich
Joan Vormittag über Flucht, Verlust und Neubeginn
- Der Fleestedter hält ein Buch seiner ehemaligen Heimat (Glogowatz, Rumänien) in den Händen
- Foto: sra
- hochgeladen von Sven Rathert
Zeitzeuge erinnert sich: Joan Vormittag über Flucht, Verlust und Neubeginn
Joan Vormittag wurde 1933 geboren, im Jahr der Machtübernahme der NSDAP in Deutschland. Er lebte mit seiner Mutter in Rumänien, als Teil der deutschen Minderheit in Osteuropa.
Als er neun Jahre alt war, also im Jahr 1942, musste Joan Vormittag seine Heimat in Glogowatz verlassen. Sein Vater war deutscher Soldat, weshalb seine Mutter mit ihrem Sohn Schutz in Deutschland suchen konnte.
Mit neun Jahren vier Wochen alleine
„Ich wusste von nichts. Meine Mutter sagte, wir fahren auf eine Reise. Ich durfte allerdings nichts mitnehmen. Das kam mir damals schon etwas seltsam vor. Am nächsten Morgen ging es direkt los“, erinnert sich der heute 92-Jährige. Erstes Ziel der Reise war Belgrad. Doch bevor die kleine Familie mit ihrer Gruppe mithilfe von Fluchthelfern dort ankam, bekam Joan Vormittag die Härte des Krieges zu spüren.
In einem Auffanglager wurde die Gruppe zur Entlausung untergebracht. Vormittag erzählt: „Plötzlich schrie jemand: 'Sie stirbt, sie stirbt'. Gemeint war meine Mutter.“ Sie hatte einen Abszess am Hals und wurde mit einem Krankenwagen weggebracht. Niemand wusste, wohin. Der damals Neunjährige suchte verzweifelt den ganzen Tag von einem Rot-Kreuz-Punkt zum nächsten. Schließlich fand er seine Mutter wieder.
„Sie sah mich aus dem Fenster, konnte aber nicht sprechen, da sie bereits operiert worden war.“ Seine Mutter musste im Krankenhaus bleiben, und der Junge war auf sich allein gestellt. Vier Wochen lang blieb er im Lager.
„Die anderen aus unserer Gruppe mussten weiter, sie konnten nicht warten.“
Von Glogowatz nach Sinstorf in 5 Wochen
Inzwischen war klar, dass es nach Deutschland gehen sollte, zum Vater. Die Stationierung in Langenbek wurde bestätigt. Nachdem seine Mutter entlassen worden war, setzten sie ihre Reise nach Hamburg fort. Für die damaligen Verhältnisse verlief sie relativ problemlos. Dort erfuhren sie, dass der Vater nach Sinstorf versetzt worden war. Auch diese Nachricht nahmen Mutter und Sohn an und fanden den Vater schließlich in der Kaserne in Sinstorf. Da er in Russland verwundet worden war, diente er nun dauerhaft in Sinstorf und wurde nicht mehr an die Front geschickt. Die Familie durfte etwa eine Woche gemeinsam im Zimmer des Vaters wohnen, danach bezogen sie eine eigene Wohnung.
Im Jahr 1943 wurde Joan Vormittag im Rahmen der Kinderlandverschickung in den Süden gebracht. Wegen der Gefahr durch Luftangriffe auf Hamburg brachte man viele Kinder und Jugendliche in sicherere Regionen. Niemand konnte ahnen, dass der Krieg bald enden würde. Vormittag erzählt: „Hitler wollte nicht riskieren, dass seine Nachwuchssoldaten sterben.“ Er lebte etwa ein Jahr bei einer Bauernfamilie in Passau.
„Ich hatte es dort gut. Wir hatten auch einen französischen Gefangenen. Anfangs durfte er im Haus schlafen, später nicht mehr.“
Ende 1944 durfte Joan Vormittag nach Sinstorf zurückkehren.
„Mein Vater übernahm eines Abends die Wache für einen Landsmann aus Rumänien. Dann kam der Fliegeralarm. Mein Vater war gerade bei der Kontrolle des Fuhrparks. Eine Bombe traf das Dach der Garage, und ein großes Mauerstück drückte ihn gegen eine Wand.“
Noch heute bewegt ihn dieses Ereignis tief. „Meine Mutter konnte es damals nicht, also musste ich meinen Vater identifizieren.“ Er hält inne. „Er war zugedeckt, aber ich erkannte seine besonderen Stiefel. Die konnte man oben umklappen.“ Am 11. April 1944 fiel Joan Vormittags Vater durch eine Fliegerbombe.
Da seine Mutter zu diesem Zeitpunkt mit seiner Schwester schwanger war, kam er wenige Monate nach dem Tod seines Vaters für vier Wochen in ein Heim in der Nähe von Tostedt. Danach kümmerte er sich um seine kleine Schwester und unterstützte seine Mutter.
Keine Einbürgerung trotz gefallenem Vater
Im Jahr 1953, im Alter von 19 Jahren, stellte Joan Vormittag den Antrag auf Einbürgerung. Er hatte mehr als die Hälfte seines Lebens in Deutschland verbracht, viele Aushilfsjobs gemacht und sein Vater war für Deutschland gefallen. Doch die Behörden lehnten ab. Als er von der Entscheidung erfuhr, kämpfte er mit den Tränen.
- Anstatt der Einbürgerung erhielt Vormittag eine Aufenthaltserlaubnis
- Foto: sra
- hochgeladen von Sven Rathert
Er wandte sich an das amerikanische Konsulat. Dort sagte man ihm: „Sobald Sie amerikanisches Territorium betreten, können Sie Staatsbürger der Vereinigten Staaten werden.“
„Aber ich hätte sofort zum Militärdienst gemusst. Ich war und bin ein entschiedener Kriegsgegner. Also verzichtete ich“, erklärt er.
Drei Jahre später hatte er einen Behördengang zu erledigen. Ein junger Beamter in Winsen bemerkte, dass Joan Vormittag kein deutscher Staatsbürger war. „Nachdem er alles geprüft hatte, sagte er: 'So geht das doch nicht. Warten Sie bitte drei Wochen, ich kümmere mich darum'.“
Der heutige Fleestedter konnte es kaum glauben, blieb aber vorsichtig, um nicht erneut enttäuscht zu werden. Und tatsächlich erhielt er nach einigen Wochen seinen deutschen Pass samt Einbürgerungsurkunde. „Mit 22 Jahren war ich endlich kein Staatenloser mehr. Das war ein wunderbares Gefühl.“
- Die Einbürgerungsurkunde erhielt Vormittag, als er schon nicht mehr daran glaubte
- Foto: sra
- hochgeladen von Sven Rathert
Seit 63 Jahren - von Hand erschaffen
Im Jahr 1962 baute Joan Vormittag in Fleestedt ein Haus für sich und seine kleine Familie. Er schaffte das weitgehend in Eigenregie und mit sehr bescheidenen Mitteln.
Auch heute, rund 70 Jahre später, bewegt ihn die Erinnerung an diese Zeit. Immer wieder betont er, dass es eine schwere Zeit war. Zugleich macht er deutlich, dass er im Vergleich zu vielen anderen noch Glück gehabt habe. Viele Menschen, darunter auch viele Deutschrumänen, hätten ein weitaus härteres Schicksal erleiden müssen.
Mit einem Lächeln blickt der lebensfrohe Fleestedter zurück. Er denkt jedoch auch an die Angst, an die Unsicherheit und an die Kraft, die es brauchte, all das zu überstehen.
„Ich möchte unbedingt darauf hinweisen, wie schrecklich jeder Krieg ist und was er mit sich bringt. Wenn ich sehe, was heute in der Welt passiert, werde ich traurig.“
Niemand, der den Krieg erlebt hat, würde es jemals zulassen wollen, dass so etwas wieder geschieht.
Vormittags im Glück:
Redakteur:Sven Rathert aus Seevetal |
|
| Webseite von Sven Rathert | |
| Sven Rathert auf Instagram | |
| Sven Rathert auf YouTube | |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.