ts. Seevetal/Stelle. Die Corona-Landkarte im Landkreis Harburg zeigt ein Phänomen, das auffällt: Während die Sieben-Tage-Inzidenz (die Zahl der binnen sieben Tagen gemeldeten Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner) in der Gemeinde Seevetal beinahe den gesamten April über auf hohem Niveau verharrte, zeigt sich das Infektionsgeschehen in der benachbarten Gemeinde Stelle lange Zeit entspannt auf besonders niedrigem Niveau. Die Gründe dafür sind ein Rätsel.

Am 1. April lag der Inzidenzwert in der Gemeinde Seevetal bei 122,6 - nirgendwo im Landkreis war er an diesem Tag höher. Am 26. April lag der Wert bei 132,2, und damit immer noch über dem mittleren Wert im Landkreis (82,1). Niedrige Werte dagegen in Stelle: 35,38 am 1. April, 26,54 am 26. April.
Grob betrachtet ähneln sich die Gemeinden Seevetal und Stelle in ihren Strukturen: Geostrategisch liegen sie an der Bahn und an der Autobahn. Viele Einwohner pendeln zur Arbeit in die Freie und Hansestadt Hamburg.
Das Infektionsgeschehen ist diffus, wie die Experten sagen. Das bedeutet, ein Virenausbruch lässt sich nicht auf ein Großereignis zurückführen. Auffällig viele Schulen, Kindertagesstätten, Altenheime oder Sammelunterkünfte waren in Seevetal nicht betroffen. Lassen sich die stark unterschiedlichen Inzidenzwerte der beiden Nachbarn erklären?

Eine belastbare Begründung schließen Fachleute aus. Um ein Gedankenspiel gebeten, antwortet Dr. Christian Pott, Ärztlicher Leiter des Krankenhauses Buchholz: "Die Nähe zu Hamburg könnte für höhere Werte immer ein Grund sein. Allerdings werden die Werte immer schlechter interpretierbar, je kleiner die betroffene Gruppe ist. So sind die Aussagen zur Inzidenz auf Gemeindeebene doch sehr stark von Einzelereignissen, zum Beispiel eine Party oder ein Virenausbruch in einem Schlachtbetrieb, geprägt und könnten deshalb zufällig sein."

Dr. Klemens Lunkenheimer gehört dem Gemeinderat in Seevetal an. Von Beruf ist er Biologe. In Fachzeitschriften hat er zu dem Nachweis von Lassa-Virus-RNA bei Verwendung der Polymerasekettenreaktion (PCR) publiziert. Das Phänomen stark unterschiedlicher Inzidenzwerte in Seevetal und Stelle lasse sich nicht erklären, sagt der Wissenschaftler. Als in Hamburg noch eine höhere Inzidenz vorlag (mittlerweile sinkt der Wert), könnte das Coronavirus von dort das Infektionsgeschehen in Seevetal beeinflusst haben. Das könnte ein Grund sein, sei aber Spekulation, sagt Dr. Lunkenheimer.

Medien in ganz Deutschland beschäftigten sich mehrmals in diesem Jahr mit den möglichen Ursachen der lange Zeit auffallend niedrigen Inzidenz in der Hansestadt Rostock. Ein Einheimischer gab der "Ostsee-Zeitung" seine ganz individuelle Erklärung: "Schwein gehabt", sagte er.
Wenn es Glück war, ist es vorbei. Die Hansestadt Rostock hat mittlerweile die sogenannte Bundesnotbremse gezogen.

Die Zeit sehr niedriger Inzidenzwerte ist seit Mitte dieser Woche auch in Stelle vorbei: Auf 70,8 ist der Wert am vergangenen Mittwoch sprunghaft gestiegen. In Seevetal sank die Zahl unter den für Lockerungen wichtigen Richtwert von 100. Das Coronavirus hat seine eigenen Gesetze und bleibt ein Rätsel.

Autor:

Thomas Sulzyc aus Seevetal

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