Fall von "schwerer Kindesmisshandlung"
Sechsfachmord von Stade: Gutachten bestätigt Schütteltrauma bei Baby
- Nach der schrecklichen Bluttat von Stade erinnerten unzählige Blumen und Kerzen an die sechs Menschen, die in der Mutter-Kind-Einrichtung gewaltsam zu Tode kamen
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Es gibt neue Erkenntnisse zur Vorgeschichte der Stader Bluttat vom 29. Juni mit sechs Toten: Bereits im April vermuteten Ärzte eine schwere Misshandlung der kleinen Tochter des mutmaßlichen Täters Fatih G. Die Eltern bestritten die Vorwürfe. Jetzt erhärtet ein medizinisches Gutachten den damaligen Verdacht. Auch die Rolle der mutmaßlichen Fluchtwagenfahrerin wirft weiterhin Fragen auf.
Es war offenbar der Ausgangspunkt einer verhängnisvollen Entwicklung, die in einer unfassbaren Gewalttat endet: die schweren Verletzungen eines damals erst wenige Wochen alten Babys. Mehr als drei Monate nach dem Sechsfachmord in einer Stader Mutter-Kind-Einrichtung liegt jetzt ein medizinisches Gutachten vor, das die Eltern des kleinen Mädchens schwer belastet. Demnach erlitt das Kind tatsächlich ein Schütteltrauma. Die Staatsanwaltschaft Hannover spricht von einer schweren Kindesmisshandlung. Wer dem Säugling die Verletzungen zugefügt hat, ist allerdings weiterhin Gegenstand der Ermittlungen.
Wie der NDR jetzt berichtet, wird insbesondere gegen die Mutter des Kindes weiter ermittelt. Ihr drohen eine Anklage und im Falle einer Verurteilung eine Haftstrafe. Der Vater, der am 29. Juni in Stade sechs Menschen erschossen haben soll, hatte sich im Juli in Untersuchungshaft das Leben genommen.
Hirnblutungen als Folge eines Schütteltraumas
Die Vorgeschichte reicht bis Mitte April zurück. Da begaben sich die Eltern mit ihrer kleinen Tochter wegen gesundheitlicher Auffälligkeiten in ärztliche Behandlung. In der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) stellten die Mediziner Hirnblutungen fest. Bereits damals äußerten sie den Verdacht, dass das Baby gewaltsam geschüttelt worden sein könnte. Der Verdacht richtete sich vor allem gegen den Vater. Die Eltern bestritten jedoch, dass ihre Tochter misshandelt worden sei. Es entwickelte sich ein heftiger Konflikt mit den behandelnden Ärzten und den zuständigen Behörden.
Wegen der schweren Verletzungen und des Verdachts einer Kindeswohlgefährdung wurde den Eltern das Sorgerecht entzogen. Später durfte die Mutter wieder mit ihrer Tochter zusammenleben – allerdings nur unter Auflagen in der betreuten Mutter-Kind-Einrichtung in Stade. Der Vater kämpfte weiter um den Umgang mit seinem Kind. Nach bisherigen Erkenntnissen war dieser Streit um das Sorgerecht und den Umgang mit der Tochter ein wesentlicher Hintergrund der späteren Gewalttat.
"Patentante" verteidigte den Vater
Eine besondere Rolle in dem Konflikt spielte die damals 65-jährige Sylvia S. aus Bremen, die sich als Patentante des Mädchens bezeichnete. Sie setzte sich vehement für die Eltern und insbesondere für den Vater ein. Noch drei Tage vor dem Sechsfachmord verschickte sie ein rund 20-seitiges Schreiben an verschiedene Medien. Darin schilderte sie die Auseinandersetzungen mit Ärzten, Jugendamt und Justiz aus Sicht der Familie und erhob schwere Vorwürfe gegen die beteiligten Institutionen.
Vor allem versuchte sie, den Verdacht einer Kindesmisshandlung zu entkräften. Nach ihrer Darstellung hatte der Vater das Baby keineswegs geschüttelt. Vielmehr sei es zu einem unglücklichen Zwischenfall gekommen: Der Mann habe im Halbschlaf versehentlich mit seinem Kopf den Kopf des Kindes getroffen. Dadurch seien die Verletzungen entstanden. Diese Erklärung steht nun im deutlichen Widerspruch zu dem medizinischen Gutachten, das ein Schütteltrauma bestätigt. Ob und welche konkreten Handlungen eines Elternteils die Verletzungen verursacht haben, müssen die Ermittler allerdings noch klären. Das Mädchen lebt jetzt von seiner Mutter getrennt.
Bremerin steuerte den Fluchtwagen
Brisant ist auch die weitere Rolle der Frau. Sylvia S. begleitete den Vater am 29. Juni nach Stade und soll nach den tödlichen Schüssen den Fluchtwagen gesteuert haben. Die Polizei konnte das Fahrzeug noch am Tattag stoppen und die Insassen festnehmen. Gegen die Bremerin wird weiterhin ermittelt. Welche Kenntnisse sie von möglichen Tatplänen hatte und ob sie an der Vorbereitung beteiligt gewesen sein könnte, ist bislang nicht abschließend geklärt. Eine strafrechtliche Verantwortung für die Morde ist damit nicht nachgewiesen. Die Frau arbeitete für einen Verband, der unter anderem binationale Familien berät. Nach Angaben des Verbands war sie am Tattag ausschließlich privat unterwegs.
Schwiegersohn trat als Migrationsbeauftragter zurück
Der Fall hatte inzwischen auch politische Folgen. Sylvia S. ist die Schwiegermutter des SPD-Landtagsabgeordneten Deniz Kurku, der bis Anfang September niedersächsischer Landesbeauftragter für Migration und Teilhabe war. Anfang September erklärte Kurku seinen Rücktritt von diesem Ehrenamt. Er begründete den Schritt mit massiven Anfeindungen, Morddrohungen und Falschbehauptungen, denen er und seine Familie nach der Bluttat ausgesetzt gewesen seien. Unter diesen Umständen könne er die Aufgabe nicht mehr angemessen wahrnehmen. Kurku bestreitet eine Beteiligung an den Vorgängen. Sein Landtagsmandat behielt der SPD-Politiker.
Rückblick: Sechs Menschen erschossen – Tatverdächtiger beging Suizid
Am 29. Juni 2026 erschien der damals 45-jährige Vater zu einem Gespräch in der Stader Mutter-Kind-Einrichtung. Mitarbeiter des Jugendamts der Region Hannover und der Einrichtung wollten mit den Eltern über die weitere Betreuung und den Umgang mit ihrer Tochter sprechen. Während des Termins zog der Mann nach bisherigen Ermittlungen eine Pistole und eröffnete das Feuer. Vier Frauen und zwei Männer starben. Die Mutter und das Baby blieben unverletzt. Der Tatverdächtige flüchtete zunächst, wurde jedoch wenig später festgenommen. Am 21. Juli wurde er tot in seiner Zelle in der Justizvollzugsanstalt Bremervörde auf gefunden. Nach Angaben des niedersächsischen Justizministeriums beging er Suizid. Das Strafverfahren gegen ihn wurde daraufhin eingestellt. Die Ermittlungen gegen die Mutter des Kindes und die "Patentante" dauern an.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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