WOCHENBLATT-Serie Elbe Kliniken
Kunst als Ventil und Heilungsförderer
- Kunsttherapeutin Danielle Deeke bereitet die Spraywand für eine Einzeltherapie vor
- Foto: Elbe Kliniken / Kati Meyer-Thiedig
- hochgeladen von Stephanie Bargmann
Jedes Jahr versorgen die Elbe Kliniken etwa 45.000 stationäre und 190.000 ambulante Patientinnen und Patienten in Stade und Buxtehude. Rund 3.000 Mitarbeitende kümmern sich alleine im Landkreis Stade um die Gesundheitsversorgung in den beiden Krankenhäusern. Und das nicht nur in medizinischen Bereichen. Neben Ärzten und Pflegekräften beschäftigen die Kliniken zahlreiche IT-Fachkräfte, Techniker, Köche, Verwaltungskräfte, Lehrer, Gärtner, Bauplaner und vieles mehr. Grund genug, um hinter die Kulissen des größten Arbeitgebers in der Region zu blicken. Heute mit Teil 30 der Serie, der Kunsttherapie.
Wer die Räume im Obergeschoss des Hauses Heidberg am Elbe Klinikum Stade betritt, vergisst sehr schnell, dass er sich auf einem Krankenhausgelände befindet: Es riecht nach Farben, die Fensterbänke säumen bunte Ton- und Filzfiguren, in den Schränken stapeln sich Papierbögen, Stifte und Pinsel, an der Wand hängen selbstgemalte Bilder. Es ist ein kreativer, ein freier Ort und fester Bestandteil der Klinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Psychosomatik. Dies ist die Wirkungsstätte der Kunsttherapeutinnen Danielle Deeke und Sonja Hanßen.
„Kunsttherapie ist eine nicht-medikamentöse Therapieform, die wir im Einzel- oder Gruppensetting anbieten, sowohl für die Patienten auf unseren Stationen und in der Tagesklinik als auch in der psychiatrischen Institutsambulanz“, erklärt Danielle Deeke. Die Patientinnen und Patienten der geschlossenen Abteilung besuchen die Therapeutinnen einmal pro Woche, die dafür ihren Koffer voller Utensilien mitbringen. Begleitet werden sie dabei vom Musiktherapeuten.
In der Kunsttherapie geht es nie um Perfektion, sondern darum, sich selbst auszudrücken oder die Perspektive zu wechseln. „Kunst kann dort ansetzen, wo Sprache manchmal versagt“, ergänzt Sonja Hanßen. „Denn Kunst ermöglicht es, Gefühle sicht- und erfahrbar zu machen, oft ohne Worte.“ Dazu stehen den psychisch Erkrankten im Atelier eine Vielzahl an Ausdrucksformen zur Verfügung, unter anderem Malerei, Tonarbeit, Filzen, Collage, Fotografie, Buchbinden oder Druck.
„Zu Beginn fühlen sich viele an den Kunstunterricht in der Schule erinnert, doch damit hat diese Therapieform rein gar nichts zu tun“, räumt Danielle Deeke mit einem gängigen Vorurteil auf. „Bei uns ist alles erlaubt, richtig und falsch gibt es hier nicht. Es geht auch nicht darum, technisch besser zu werden, sondern einen Zugang zu sich selbst zu finden.“
Die beiden Kunsttherapeutinnen gehören zu einem interdisziplinären Team und stehen in engem Austausch mit Ärztinnen, Psychologen, Physio-, Ergo- und Musiktherapeuten. Gemeinsam haben sie stets die individuellen Therapieziele der Patienten vor Augen.
Die gebürtige Engländerin Danielle Deeke ist seit mehr als 20 Jahren als Kunsttherapeutin tätig, seit 2020 am Elbe Klinikum Stade, und setzt sich stark für die Nachwuchsförderung ein. In ihrer Heimat ist das Studium der Kunsttherapie etabliert und geschützt, in Deutschland bislang zu ihrem Bedauern nicht. Deshalb wird das kleine Team regelmäßig von Studierenden der MSH (Medical School Hamburg) unterstützt, die im Studienfach „Intermediale Kunsttherapie“ ihren Master of Arts anstreben. Dort ist Deeke seit drei Jahren zusätzlich als Dozentin tätig.
Für drei Monate gestalten die Praktikantinnen und Praktikanten die praktische Arbeit mit Patienten mit, so auch Rebecca Konrad und Annik Lieder. „Unsere Patienten erleben hier oft nach langer Zeit wieder einmal Selbstwirksamkeit, also das Gefühl, dass sie aus eigener Kraft etwas bewegen und für sich tun können“, beobachtet Rebecca Konrad.
„Unsere Patientinnen und Patienten genießen es sehr, dass sie hier in einem ‚unklinischen‘ Setting sein dürfen, und manchmal öffnet genau das Türen in der therapeutischen Arbeit“, ist sich Sonja Hanßen sicher. Denn über das in der Therapieeinheit entstandene Objekt kommen die Patienten oft in die Lage, Gefühle in Worte zu fassen. „Hier wird genauso viel gelacht wie geweint, und beides hat bei uns Raum“, bringt es Danielle Deeke auf den Punkt.
„Wir freuen uns, wenn Patienten die Kunst als Möglichkeit entdecken, sich auch nach der Entlassung mit sich selbst auseinanderzusetzen oder darin ein bereicherndes Hobby für sich gefunden haben.“
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.