Seit Jahrzehnten sozialer Brennpunkt
Altländer Viertel in Stade: mehr als ein Problem der Polizei

Im Altländer Viertel fährt die Polizei derzeit verstärkt Streife. Probleme wie Vermüllung und soziale Verelendung werden damit nicht gelöst | Foto: jd
  • Im Altländer Viertel fährt die Polizei derzeit verstärkt Streife. Probleme wie Vermüllung und soziale Verelendung werden damit nicht gelöst
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Politischer Leitartikel
Von WOCHENBLATT-Redaktionsleiter Jörg Dammann

Nach zwei Großeinsätzen der Polizei innerhalb von nur zehn Tagen, einer Massenschlägerei und der Bedrohung von Einsatzkräften ist die Empörung über die Zustände im Stader Altländer Viertel wieder einmal groß. Zu Recht. Es ist nicht hinnehmbar, dass Rettungskräfte behindert, Polizisten angegriffen und öffentliche Straßen zu Schauplätzen von Gewalt werden.

Dass inzwischen sogar Bereitschaftspolizisten aus Oldenburg im Altländer Viertel Streife fahren, ist deshalb konsequent. Doch niemand sollte sich der Illusion hingeben, damit werde das eigentliche Problem gelöst. Mehr Polizeipräsenz bekämpft Symptome – nicht die Ursachen. Die Streifenwagen zwischen den Wohnblöcken können die politischen Versäumnisse der vergangenen Jahrzehnte nicht ausradieren. Denn das Altländer Viertel ist nicht über Nacht zum Problemquartier geworden.

Massenschlägerei im Altländer Viertel mit rund 150 Beteiligten

Vom Vorzeigeprojekt zum sozialen Brennpunkt

Dabei begann alles mit großen Ambitionen. Die markanten Wohnblöcke galten in den 1970er-Jahren als Prestigeobjekte der gewerkschaftseigenen „Neuen Heimat“. Moderner Wohnraum für viele Menschen. Damals galt so etwas als Zukunftsprojekt. Heute weiß man es besser.

Die Pleite des Gewerkschaftskonzerns läutete den schleichenden Niedergang ein. Die Wohnanlagen wurden weitgehend den Kräften des Marktes überlassen. Eigentümer wechselten, teils übernahmen dubiose Investoren, deren Interesse offenbar weniger einer nachhaltigen Bewirtschaftung galt als möglichst hohen Renditen. Investitionen blieben aus, Sanierungen ebenfalls. Die Gebäude verfielen.

Trotzdem blieb das Viertel attraktiv – für diejenigen, die sich die inzwischen überteuerten Mieten in anderen Teilen Stades nicht leisten können. Rund 3.000 Menschen leben heute im Altländer Viertel, mehr als die Hälfte von ihnen hat einen Migrationshintergrund. Viele Bewohner sind auf Sozialleistungen angewiesen.

Stadtplaner sprechen von sozialer Segregation – der räumlichen Konzentration sozial benachteiligter Bevölkerungsgruppen. Solche Entwicklungen entstehen selten zufällig. Sie sind häufig das Ergebnis einer Wohnungs- und Stadtentwicklungspolitik, die Fehlentwicklungen über Jahre hinweg zulässt. Genau das ist im Altländer Viertel geschehen.

Dabei darf eines nicht vergessen werden: Die überwältigende Mehrheit der Menschen dort lebt friedlich. Familien mit geringem Einkommen, Alleinerziehende, Arbeitsmigranten, Geflüchtete oder Rentner wollen nichts anderes als ein normales Leben führen. Wer deshalb ein ganzes Viertel unter Generalverdacht stellt, macht es sich zu einfach.

Stades Altländer Viertel: Die Vermüllung eines Wohnquartiers
Altländer Viertel: Warum bekommt niemand das Müllproblem in den Griff?

Die Warnsignale waren nicht zu übersehen

Genauso falsch wäre es allerdings, die Missstände weiter kleinzureden. Seit Jahren berichten Anwohner über Vermüllung, überbelegte Wohnungen, fehlende Integration und das Gefühl, mit ihren Problemen allein gelassen zu werden.

Wer sich an den „Runden Tisch“ der damaligen Quartiersmanagerin erinnert, weiß: Kaum ein Thema tauchte so hartnäckig auf wie der Müll. Konzepte wurden vorgestellt. Maßnahmen angekündigt. Besserung versprochen. Und trotzdem landeten Sperrmüll, Matratzen und Möbel immer wieder auf Grünflächen und Gehwegen.

Geändert hat sich seitdem so gut wie nichts.

Wer heute durch Teile des Viertels geht, fühlt sich stellenweise eher an ein vernachlässigtes Armutsquartier in Südosteuropa erinnert als an eine niedersächsische Kreisstadt. Auf einer Grünfläche steht eine komplette Sofagarnitur wie ein improvisiertes Wohnzimmer. Kleine Mädchen durchsuchen Sperrmüllhaufen und tragen Möbelstücke davon – vielleicht für ihr Kinderzimmer. Solche Bilder sagen über die soziale Lage dieses Stadtteils mehr aus als jede Polizeistatistik.

Altländer Viertel: "Ganzes Quartier ins Abseits gestellt"

Jetzt ist politisches Handeln gefragt

Mit den Massenschlägereien stand Stade erneut bundesweit im Fokus der Medien. Fernsehkameras waren schnell vor Ort. Wenn sich Dutzende Männer prügeln, sich ein Pulk von 150 Menschen zusammenrottet und die Polizei sogar die Elbe Kliniken absichern muss, ist das allemal eine Schlagzeile und ein paar Sende-Sekunden wert.

Doch solche Bilder haben politische Folgen. Sie stärken erfahrungsgemäß vor allem die Kräfte am äußersten rechten Rand. Denn wo der Eindruck entsteht, der Staat verliere die Kontrolle über den öffentlichen Raum, schwindet das Vertrauen in seine Fähigkeit, Probleme zu lösen. Genau deshalb stehen Politik und Verwaltung jetzt gemeinsam in der Verantwortung.

Blick auf das Wohngebiet Altländer Viertel
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Mehr Polizeipräsenz kann kurzfristig das Sicherheitsgefühl stärken. Vielleicht verhindert sie sogar die nächste Eskalation. Aber Bereitschaftspolizisten räumen keinen Sperrmüll weg. Sie sanieren keine maroden Häuser. Sie zwingen Eigentümer nicht zu ihrer Verantwortung. Und sie schaffen auch keine ausgewogenere soziale Durchmischung. Jahrzehntelang wurden Warnsignale übersehen, relativiert oder ausgesessen. Das Altländer Viertel braucht keinen kurzfristigen Aktionismus. Es braucht einen langen Atem, konsequentes Handeln und endlich den politischen Willen eines künftigen Bürgermeisters, die Ursachen anzugehen, statt immer nur die Folgen zu verwalten.

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