Wirtschaftsminister Tonne besichtigte Betrieb
Förderbescheid für "Umformtechnik Stade": Dieser Mittelständler ist ein Hidden Champion der deutschen Wirtschaft

Firmenchef Hilko Ruhr (v. re.) und Sören Richter vom Unternehmen "Umformtechnik Stade" führen den niedersächsischen Wirtschaftminister Grant Hendrik Tonne und die örtliche SPD-Landtagsabgeordnete Corinna Lange durch die Produktionshallen und erläutern die einzelnen Herstellungsverfahren  | Foto: jd
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Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne (Mitte) übergibt den Förderbescheid an Hilko Ruhr (re.) und Sören Richter | Foto: jd
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Minister Tonne: Hier ist man mit Leidenschaft bei der Sache
Bei seinem Rundgang zeigte sich Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne sichtlich beeindruckt. Die Fördermittel seien bewusst dafür gedacht, Unternehmen außerhalb der großen Industriezentren zu stärken. „Wir fördern hier Projekte, die für die regionale Wirtschaft und Beschäftigung einen echten Mehrwert schaffen“, betonte Tonne. Neue Arbeits- und Ausbildungsplätze entstünden, gleichzeitig werde in Innovation und Energieeffizienz investiert. Es sei beeindruckend, mit welcher Energie in dem Unternehmen nach Lösungen gesucht und diese umgesetzt würden. Man spüre, dass die Mitarbeitenden hier mit Leidenschaft bei der Sache seien. Gleichzeitig zeige der Betrieb eindrucksvoll, dass Niedersachsen hervorragende Fachkräfte und hochinnovative Unternehmen hervorbringe.

Firmenchef Hilko Ruhr (re.) erläutert Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne (li.) die Bedeutung der Sickenbleche | Foto: jd
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Unscheinbare Bleche – enorme Bedeutung
Beim Ministerbesuch verwies Firmenchef Hilko Ruhr auf einen bedeutenden Großauftrag, der dem Unternehmen über viele Jahre hinweg Planungssicherheit beschert: Die "Umformtechnik Stade" produziert Stahlbleche für die Außenverkleidung der neuen DT6-U-Bahnzüge, die der Schienenfahrzeug-Hersteller Alstom für die Hamburger Hochbahn baut. Die neuen Fahrzeuge werden künftig auf der vollautomatischen U-Bahn-Linie U5 eingesetzt, die dann das modernste U-Bahn-System Deutschlands sein dürfte. Die DT6-Züge sind speziell für den automatisierten Betrieb entwickelt worden und sollen über Jahrzehnte das Rückgrat des Hamburger Nahverkehrs bilden. „Ich habe in Hamburg studiert – jetzt kann ich der Stadt etwas zurückgeben“, sagt Ruhr, der sein Ingenieurstudium an der HAW Hamburg absolvierte.

Sieht edel aus: Mit solchen Blechen werden die Hamburger U-Bahn-Züge künftig verkleidet | Foto: Umformtechnik Stade
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Technik erklärt: Das Geheimnis der geschlossenen Sicke

Wer die dünnen Edelstahlbleche für die neuen U-Bahn-Züge betrachtet, erkennt zunächst lediglich feine Vertiefungen im Metall. Doch genau diese sogenannten Sicken machen den entscheidenden Unterschied.

Eine Sicke ist eine gezielt eingeprägte Vertiefung im Stahlblech. Sie sorgt dafür, dass ein dünnes Blech deutlich steifer wird, ohne zusätzliches Material einsetzen zu müssen. Das spart Gewicht, Material und Energie. Besonders stolz ist die Umformtechnik Stade auf ihre sogenannten geschlossenen Sicken. Während offene Sicken an ihrem Ende Spannungsspitzen erzeugen können, verläuft die Kraft bei einer geschlossenen Sicke gleichmäßig um das Ende herum. Dadurch entstehen keine kritischen Kerbstellen – ein entscheidender Vorteil bei Fahrzeugen, die jahrzehntelang permanenten Vibrationen und Lastwechseln ausgesetzt sind. Für Schienenfahrzeuge ist diese Technik nahezu ideal: geringes Gewicht, hohe Stabilität und maximale Dauerfestigkeit.

Beeindruckende Kraft

Um die Sicken in den Edelstahl zu prägen, arbeitet die Presse mit einer Kraft von rund 800 Tonnen. Nur wenige Unternehmen weltweit beherrschen dieses anspruchsvolle Umformverfahren.

Das Stader Unternehmen, das im kommenden Jahr nach Hammah umzieht, gehört weltweit zu den wenigen Spezialisten, die diese Technologie beherrschen. Während vergleichbare Strukturen früher durch ein aufwendiges Verfahren mithilfe von Sprengstoff hergestellt wurden, hat die Umformtechnik Stade einen deutlich wirtschaftlicheren Herstellungsprozess entwickelt und dafür mehrere Patente angemeldet.

Der Vorteil solcher Sickenbleche liegt darin, dass keine zusätzlichen Verstärkungen angebracht werden müssen. Die Geometrie der Sicken sorgt selbst für die notwendige Stabilität. Das reduziert Gewicht, spart Material und vereinfacht die Montage. Dieses Prinzip kommt längst nicht nur im Schienenfahrzeugbau zum Einsatz, sondern auch im Nutzfahrzeugbau, Maschinenbau und bei Fassadenelementen.

Schweißen auf höchstem Niveau
Neben der Umformtechnik besitzt das Unternehmen eine weitere Kernkompetenz: das Schweißen. Das Spektrum reicht vom klassischen Handschweißverfahren bis zur hochmodernen Roboterschweißtechnik. Dennoch ersetzt keine Maschine das Know-how der Fachkräfte. Besonders anspruchsvoll ist die Fertigung sogenannter Bahnräumer, umgangssprachlich auch „Wildschweinfänger“ genannt. Diese massiven Konstruktionen sitzen an der Front von Triebwagen und Lokomotiven und sollen Hindernisse oder Wildtiere von den Gleisen ableiten. Die Bauteile bestehen aus zahlreichen exakt ausgeführten Schweißnähten. Da sie unmittelbar zur Sicherheit von Personenzügen beitragen, müsse jede einzelne Schweißnaht zertifiziert und geprüft werden, erläutert der stellvertretende Betriebsleiter Nathanael Bösch.

Unzählige Schweißnähte von höchster Präzision sind für die Herstellung des Rammschildes für Lokomotiven erforderlich | Foto: jd
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Eigener Werkzeugbau schafft Flexibilität
Ein weiterer Trumpf des Unternehmens liegt im eigenen Werkzeugbau. Nahezu sämtliche Spezialwerkzeuge entstehen im eigenen Haus. Dadurch können neue Bauteile zunächst erprobt und optimiert werden, bevor sie in Serie gehen. Gerade kleinere Stückzahlen, Prototypen oder Sonderanfertigungen lassen sich so wirtschaftlich realisieren – ein Bereich, in dem große Konzerne häufig an ihre Grenzen stoßen, weil dort allein die Werkzeugkosten schnell Millionenbeträge erreichen können. Besonders innovativ sind modulare Werkzeuge. Verschlissene Segmente lassen sich innerhalb kurzer Zeit austauschen, ohne komplette Werkzeugsätze ersetzen zu müssen. Das reduziert Stillstandszeiten erheblich und sorgt für eine hohe Produktionssicherheit.

Nathanael Bösch ist stellvertretender Betriebsleiter. Er hält ein Bauteil für Hallenkräne in der Hand. Der acht Millimeter dicke Stahl wird zunächst mit einem Druck von 650 Tonnen umgeformt. Danach werden noch vier Löcher ausgestanzt | Foto: jd
  • Nathanael Bösch ist stellvertretender Betriebsleiter. Er hält ein Bauteil für Hallenkräne in der Hand. Der acht Millimeter dicke Stahl wird zunächst mit einem Druck von 650 Tonnen umgeformt. Danach werden noch vier Löcher ausgestanzt
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Achsböcke für die Firma Feldbinder
Neben Alstom zählt die Umformtechnik Stade weitere namhafte Hersteller zu ihren Kunden. Für Siemens und Škoda entstehen Außenwandbleche für Straßenbahnen, die heute in zahlreichen europäischen Städten unterwegs sind. Eine langjährige Partnerschaft verbindet das Unternehmen außerdem mit dem Winsener Spezialfahrzeughersteller Feldbinder. Für den international tätigen Produzenten von Tank- und Silosattelaufliegern fertigt die Umformtechnik Stade unter anderem Achsböcke, Überrollbügel und weitere hochbelastbare Stahlbauteile. Die Achsböcke übernehmen dabei eine sicherheitsrelevante Aufgabe: Sie bilden die stabile Halterung, an der die Achsen der Auflieger befestigt sind, und sorgen dafür, dass die enormen Lasten zuverlässig aufgenommen werden können.

Der Minister schaut sich staunend die Schweißnähte an, die mit höchster Präzision gefertigt wurden | Foto: jd
  • Der Minister schaut sich staunend die Schweißnähte an, die mit höchster Präzision gefertigt wurden
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Wie präsent diese Zusammenarbeit in seinem Alltag ist, beschreibt Bösch mit einem Schmunzeln: Immer wenn er auf der Autobahn einen Tanklaster mit einem Feldbinder-Auflieger überhole, denke er sich: „Hier ist mal wieder ein Fahrzeug, in dem Bauteile von uns stecken.“ Genau solche Momente zeigen, worauf die Beschäftigten der "Umformtechnik Stade" stolz sind: Ihre Arbeit bleibt meist unsichtbar – ist aber in ganz Europa unterwegs. Ob im Güterverkehr auf der Straße oder im öffentlichen Nahverkehr auf der Schiene – hochwertige Technik aus dem Landkreis Stade sorgt täglich dafür, dass Fahrzeuge zuverlässig und sicher ihren Dienst verrichten.

Kommentar

Ein Rückgrat der deutschen Wirtschaft

Unternehmen wie die Umformtechnik Stade arbeiten meist fernab der medialen Präsenz. Solche Hidden Champions werben selten lautstark um Aufmerksamkeit und treten nur selten ins Rampenlicht. Dabei sind es genau diese mittelständischen Unternehmen, die mit ihrem Know-how den Industriestandort Deutschland prägen. Mit rund 40 Beschäftigten entwickelt die Umformtechnik Stade Lösungen, die weltweit gefragt sind. An der Spitze stehen junge Ingenieure mit Wurzeln an der HAW Hamburg, die traditionelle Handwerkskunst mit modernster Fertigungstechnik verbinden und kontinuierlich neue Ideen in die Produktion einbringen.

Die Umformtechnik Stade ist ein Beispiel dafür, was den deutschen Mittelstand ausmacht: Erfindergeist, Innovationskraft und der Mut, immer wieder neue Wege zu gehen. Sie gehört zu den oft übersehenen Perlen der deutschen Wirtschaft – hochspezialisiert, international erfolgreich und zugleich tief in ihrer Region verwurzelt. Genau hier entstehen jene Ideen und Produkte, die Deutschlands Industrie auch künftig wettbewerbsfähig machen werden.

Kommentar von
Jörg Dammann
Warum erhielt die Umformtechnik Stade einen Förderbescheid des Landes Niedersachsen?

Die Umformtechnik Stade erhält rund 1,1 Millionen Euro aus dem Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE). Mit der Förderung investiert das Unternehmen insgesamt rund 4,5 Millionen Euro in eine neue Produktionsstätte mit Halle, Büros, Maschinen, Photovoltaikanlage und Wärmepumpe in Hammah. Außerdem entstehen fünf neue Dauerarbeitsplätze, darunter drei Ausbildungsplätze.

Welche Bauteile fertigt die Umformtechnik Stade für die Hamburger U-Bahn?

Die Umformtechnik Stade produziert die Außenverkleidung der neuen DT6-U-Bahnzüge von Alstom. Die Fahrzeuge werden künftig auf der Hamburger U-Bahn-Linie U5 eingesetzt. Verarbeitet wird rostfreier Edelstahl (V4A, Werkstoff 1.4318), der für eine Lebensdauer von mindestens 20 bis 30 Jahren ausgelegt ist.

Was sind geschlossene Sicken und warum sind sie für Schienenfahrzeuge wichtig?

Geschlossene Sicken sind spezielle Vertiefungen, die mit rund 800 Tonnen Presskraft in Stahlbleche eingeprägt werden. Sie erhöhen die Stabilität dünner Bleche, ohne zusätzliches Material oder Verstärkungen zu benötigen. Dadurch werden Gewicht und Material eingespart, während gleichzeitig die Dauerfestigkeit steigt. Diese Technik eignet sich besonders für Schienenfahrzeuge, die jahrzehntelang starken Vibrationen und Lastwechseln ausgesetzt sind.

Welche weiteren Kunden beliefert die Umformtechnik Stade?

Neben Alstom fertigt die Umformtechnik Stade Bauteile für Siemens und Škoda, die in Straßenbahnen in ganz Europa verbaut werden. Seit vielen Jahren arbeitet das Unternehmen außerdem mit dem Winsener Spezialfahrzeughersteller Feldbinder zusammen. Dort entstehen unter anderem Achsböcke, die die Achsen der Tanksattelauflieger aufnehmen und sicher halten.

Welche Bedeutung hat die eigene Werkzeugfertigung für die Umformtechnik Stade?

Die Umformtechnik Stade entwickelt und fertigt viele Spezialwerkzeuge selbst. Dadurch können Prototypen, Kleinserien und Sonderanfertigungen wirtschaftlich produziert werden. Modulare Werkzeuge verkürzen zudem Reparaturzeiten, reduzieren Produktionsausfälle und ermöglichen eine flexible Fertigung für unterschiedlichste Industriekunden.

Warum gilt die Umformtechnik Stade als Hidden Champion des deutschen Mittelstands?

Die Umformtechnik Stade beschäftigt rund 40 Mitarbeiter und gehört weltweit zu den wenigen Unternehmen, die patentierte Verfahren zur Herstellung geschlossener Sicken beherrschen. Mit hochspezialisierten Metallbauteilen für Schienenfahrzeuge, Nutzfahrzeuge und den Maschinenbau beliefert der Mittelständler internationale Kunden und steht beispielhaft für Innovationskraft, Ingenieurwissen und industrielle Wertschöpfung in Niedersachsen.

Redakteur:

Jörg Dammann aus Stade

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