Handwerkskammer und IHK Stade sind skeptisch
Vorschlag zur Azubi-Ablöse wird kritisch gesehen

Der Kampf um ausgelernte Fachkräfte wird immer größer   Foto: Promotor
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  • hochgeladen von Jörg Dammann

(jd). Den Bahnunternehmen ergeht es nicht besser als Firmen aus anderen Branchen. Fachkräfte sind mittlerweile Mangelware. Besonders problematisch ist die Situation bei den Lokführern. Weil der Bedarf an Personal wesentlich höher ist, als der Arbeitsmarkt hergibt, werden frisch ausgebildete Lokführer nicht selten abgeworben. Dieser Praxis soll in Niedersachsen nun ein Riegel vorgeschoben werden. Elf Regionalbahnen, darunter die EVB und die Start Unterelbe GmbH, haben vertraglich vereinbart, sich gegenseitig eine Art Ablösesumme zu zahlen, wenn ein Wettbewerber einen Lokführer abwirbt. Eine Ablöse für qualifizierte Fachkräfte: Wäre das ein Modell, das sich auch auf das Handwerk oder auf Industrie und Handel übertragen ließe?

Der Deal der Bahnunternehmen erinnert an den Vorschlag, den Handwerkspräsident Hans Peter Wollseifer vor ein paar Wochen gemacht hat. Er regt eine Entschädigungszahlung zugunsten von Ausbildungsbetrieben an, deren Azubis nach der Lehre abgeworben werden. Mit seinem "Gedankenanstoß", wie Wollseifer es bezeichnet, legt der Handwerkspräsident den Finger in eine offene Wunde. Auch in unserer Region beklagen sich Inhaber von Handwerksfirmen, dass der mit viel zeitlichem Aufwand und hohen Kosten ausgebildete frischgebackene Geselle zur Konkurrenz geht - meist angelockt durch ein Gehalt, das für manchen Handwerksmeister kaum bezahlbar ist.

Solidarsystem könnte ein Modell sein

Solche Fälle kennt auch Matthias Steffen. Der Stader ist stellvertretender Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer (HWK) Braunschweig-Lüneburg-Stade und weiß, dass das Thema vielen Betriebsinhabern Sorgenfalten in die Stirn treibt. "Das Problem der Abwerbung von jungen Handwerkern ist auch in unserem Kammerbezirk bekannt." Gerade in Städten wie Stade, wo bedeutende Industrieunternehmen angesiedelt seien, bestehe dieses Problem. Tischler, Maler oder auch Elektriker seien beispielsweise gern gesehene Fachkräfte in der industriellen Produktion.
Große Firmen wissen eben den Wert einer Ausbildung im Handwerk zu schätzen, so Steffen. "Das wird allein dadurch deutlich, dass andere Wirtschaftsbereiche diese sehr gut ausgebildeten Fachkräfte abwerben." Allerdings zeigt er sich skeptisch, inwieweit eine Ablösezahlung das Problem lindern kann und rechtlich umsetzbar ist. Die Vereinbarung der Bahnunternehmen könne man sich jedenfalls nicht zum Vorbild nehmen. "Die Zahl der Lokführer ist ja ziemlich überschaubar. Wir haben aber allein in unserem Kammerbezirk 28.000 Handwerksbetriebe mit etwa 150.000 Beschäftigten."

Statt einer Ablöse sei der Aufbau eines Solidarsystems bei der Ausbildung denkbar, meint Steffen. Er verweist auf die Sozialkasse der Bauwirtschaft (SOKA-Bau). Dort zahlen alle Firmen in einen gemeinsamen Topf, aus dem die überbetriebliche Ausbildung finanziert wird. Außerdem erhalten ausbildende Betriebe aus diesem Fonds einen Teil ihrer Kosten erstattet.

Dass die Handwerksbetriebe reagieren müssen, steht für Steffen außer Frage. Wichtig sei es, den Gesellen nach ihrer Ausbildung eine Perspektive aufzuzeigen. Einem jungen Mitarbeiter Chancen aufzuzeigen und ihm die Möglichkeit zu bieten, Verantwortung zu übernehmen, sei oftmals wichtiger als eine höhere Bezahlung, mit der die Industrie lockt. Eine Tätigkeit in einem Handwerksbetrieb sei allemal abwechslungsreicher als ein monotoner Job in der Industrie.

Verfahren wäre rechtswidrig und kaum praktikabel

Eine ablehnende Haltung nimmt die IHK Stade ein. "Derzeit wäre eine Ablösesumme rechtswidrig", erklärt IHK-Sprecherin Kirsten Kronberg. Zudem sei der Vorschlag kaum geeignet, eine konstruktive Diskussion um die Weiterentwicklung des deutschen Ausbildungssystems zu fördern. "Man fühlt sich ein wenig an die Zeiten erinnert, als der Lehrjunge dem Lehrherrn ein Lehrgeld zahlen musste und den Betrieb erst verlassen durfte, wenn der Meister ihn freigesprochen hatte", meint Kronberg. Die IHK Stade favorisiere einen Arbeits- und Ausbildungsmarkt, in dem Arbeitgeber und Arbeitnehmer verlässliche Verträge schließen und nach Vertragsende frei seien.

Darüber hinaus seien mit einer "Ablöse" zahlreiche Probleme verbunden, sodass die IHK Stade ein solches Verfahren für unpraktikabel halte, so Kronberg. Sie wirft verschiedene Fragen auf: "Wer soll die Höhe der Abfindung festlegen?" Die tatsächlichen Ausbildungskosten seien von Betrieb zu Betrieb sehr unterschiedlich. Und wenn ein Betrieb über seinen Bedarf hinaus ausbilde: "Soll er dann für alle Auszubildenden eine Ablöse erhalten und könnte man hier sogar ein neues Geschäftsfeld eröffnen?"

Oder was passiere, wenn ein anderer Betrieb bessere Weiterbildungs- und Aufstiegsmöglichkeiten biete: "Kann ein Wechsel dann durch eine Ablöse womöglich blockiert werden? Die jungen Fachkräfte stehen gerade am Anfang ihres Berufslebens, und wir können nur begrüßen, wenn sie sich fachlich weiterentwickeln", sagt Kronberg. Außerdem müsse dann auch geklärt werden, was bei einem Studium passiere: "Will ein Auszubildender nach der Lehre zur Uni gehen, muss er dann die Ablöse selbst aufbringen, um das Studium mit Schulden zu starten?"

Die IHK Stade sei davon überzeugt, dass es den Betrieben gelingen kann, gute Auszubildende auch ohne Strafmaßnahmen an das Unternehmen zu binden, meint Kronberg: "Wie unsere Umfragen zeigen, gelingt das immer dann, wenn im Betrieb ein gutes Klima, ein wertschätzender Umgang sowie eine gute Zukunftsperspektive vorhanden sind."

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