Aktion „Deutsches Rotes Dach“
Wohnraum für Flüchtlinge aus der Ukraine im Landkreis Harburg

Michael Thomas
  • Michael Thomas
  • Foto: DRK-Kreisverband Harburg-Land
  • hochgeladen von Thomas Lipinski

Seit dem russischen Angriff vor rund zwei Monaten sind laut UNHCR rund sieben Millionen Menschen in der Ukraine auf der Flucht, über fünf Millionen haben das Land verlassen. Vorrangig Alte, Frauen und Kinder. Nach Angaben der Bundespolizei sind mittlerweile mehr als 600.000 Menschen in Deutschland erfasst worden. Die tatsächliche Zahl dürfte noch höher liegen. Auch im Landkreis Harburg sind bereits etwa 4.000 Ukrainer angekommen. Kreisverwaltung und Deutsches Rotes Kreuz (DRK) arbeiten gemeinsam an der Unterbringung der Menschen vor Ort. Im Gespräch berichtet Michael Thomas (59), Leiter der Aktion Deutsches Rotes Dach, über die Hilfe zur Unterbringung von Geflüchteten aus der Ukraine im Landkreis Harburg.

Frage 1: Herr Thomas, seit knapp zwei Monaten ist das DRK mit seiner Aktion Deutsches Rotes Dach für die Unterbringung der Menschen aus der Ukraine verantwortlich, auch mit der Unterstützung der Bürgerinnen und Bürger aus dem Landkreis. Wie läuft das ab?

Michael Thomas: Die geflüchteten Menschen aus der Ukraine werden von der Landesaufnahmebehörde (LAB) in Hannover den Landkreisen zugewiesen. Im Landkreis eingetroffen, werden sie zunächst an die Durchgangssammelunterkünfte (DSU) im Landkreis vermittelt, beispielsweise die Schützenhalle in Buchholz, die von unserer Partner-Hilfsorganisation der Johanniter Unfallhilfe (JUH) betrieben wird, bis sich weitere Unterbringungsmöglichkeiten ergeben. Auch und vor allem aus der Bevölkerung.

Frage 2: Wie erleben Sie die Hilfsbereitschaft aus der Bevölkerung?

Thomas: Wir erleben überwiegend hilfsbereite Privatpersonen, die unentgeltlich Wohnraum verschiedenster Art und Größe zur Verfügung stellen möchten. Vom älteren Ehepaar, dass ein Gästezimmer in seinem Haus anbietet, über vollständige Wohnungen bis hin zu Ferienhausanbietern, die ihre Kapazitäten vorübergehend zur Verfügung stellen können, ist alles dabei.
Eines haben alle gemeinsam: das Bedürfnis, den Menschen aus der Ukraine in ihrer Not zu helfen. Wir sind dafür unendlich dankbar.

Frage 3: Wie finden Wohnraumanbieter und Schutzsuchende zueinander?

Thomas: Die Nachfrage kommt hauptsächlich aus den Durchgangssammelunterkünften des Landkreises, dort finden Flüchtlinge, die dem Landkreis von der Landesaufnahmebehörde in Hannover zugewiesen worden sind, eine erste Unterkunft.
Um schnell wieder aufnahmebereit für die nächsten Ankömmlinge zu sein, versuchen wir, die Durchgangsunterkünfte schnellstmöglich wieder leer zu bekommen, die Menschen also weiterzuvermitteln.
Die JUH meldet Einzelpersonen, Familien und auch Gruppen an das Deutsche Rote Dach, wir prüfen dann, ob und welche Personen zu den uns vorliegenden Wohnraumangeboten passen, versichern uns final der Aufnahmebereitschaft der Anbieter und organisieren die Weiterfahrt zu den privaten Wohnunterkünften.

Frage 4: Wie lange dauert die Vermittlung von der Durchgangsunterkunft in die angebotene Wohnung?

Thomas: Finden wir rasch einen „Treffer“, dauert es nur ein paar Tage, manchmal nur Stunden. Leider ist das nicht immer der Fall. Denn die Wohnraumanbieter sagen uns, wie viele Personen sie unterbringen wollen. Und meistens auch, was für Personen.
Der „Klassiker“ dabei ist die Mutter mit bis zu zwei Kindern. Unser Bedarf sieht häufig aber anders aus. Fünf- bis sechsköpfige Familien sind nicht außergewöhnlich, oft aber auch Gruppen aus deutlich mehr Personen, die verständlicherweise nach durchgestandener Flucht nicht auch noch getrennt werden wollen.
Und da wird es dann oft schwierig. Denn solche großen Unterkünfte sind aktuell noch Mangelware, werden aber dringend benötigt. Wir bitten deshalb die Bevölkerung, uns auch solche Unterkünfte anzubieten und der Vermittlung zur Verfügung zu stellen. Alle anderen Angebote sind uns selbstverständlich auch weiterhin willkommen.

Frage 5: Mit jeder Art der Unterbringung sind auch immer Kosten verbunden. Trägt diese Kosten jeder Wohnungsanbieter selbst, oder gibt es dafür Hilfen?

Thomas: Ja, die gibt es. Grundsätzlich stellen die privaten Anbieter den Wohnraum erst einmal kostenlos zur Verfügung. Die öffentliche Hand gewährt einen Nebenkostenzuschuss in Höhe von 80 Euro monatlich pro aufgenommener Person ab zwölf Jahren, den man online auf der Internetseite der Kreisverwaltung beantragen kann.

Frage 6: Kann das Deutsche Rote Dach auf den normalen Wohnungsmarkt zugreifen? Also Wohnraum gegen Miete und Nebenkosten?

Thomas: Selbstverständlich nimmt der Landkreis auch Angebote gegen Wohnungsmiete entgegen.
Dieser Wohnraum muss aber bestimmten gesetzlichen Kriterien entsprechen und in Bezug auf Größe und Mietkosten angemessen sein. Vor dem Einzug von Vertriebenen sind vor Ort einige Überprüfungen durch die Behörden notwendig und die Ukrainerinnen und Ukrainer sollten bereit sein, selbst den Mietvertrag zu unterschreiben.
Für Miete und Nebenkosten tritt dann erstmal die öffentliche Hand ein. Das alles dauert seine Zeit. Trotzdem sind wir selbstverständlich auch für solche Angebote offen und dankbar.

Frage 7: Es läuft nicht alles rund. Es gibt auch Berichte, dass es zu Problemen zwischen Geflüchteten und Helfern kommt. Ist dem so und von welchen Problemen sprechen wir da?

Thomas: Bei aller Dankbarkeit: Es scheint nicht jedem klar zu sein, worauf er sich einlässt, wenn er geflüchtete Menschen bei sich aufnimmt. Wir nehmen häufiger eher eine etwas romantisierte Vorstellung bei den Helfern wahr. Dann plötzlich wohnt man mit völlig Fremden zusammen, deren Sprache, aber auch Lebensweise sich von der eigenen mehr oder minder stark unterscheiden.
Diese Menschen mussten ihre Heimat aufgeben, haben viel oder alles verloren und sind nicht selten traumatisiert. Sie brauchen nicht nur ein Dach über dem Kopf, sondern auch Hilfe bei der Organisation ihres Alltags in einem fremden Land. Und die deutsche Bürokratie ist selbst für manch Einheimischen eine Herausforderung.

Frage 8: Neben dem DRK sind noch weitere Behörden und Organisationen beteiligt. Wer unterstützt Sie und ihr Team bei ihrer Arbeit?

Thomas: Zurzeit laufen beim Landkreis Harburg als Auftraggeber des DRK alle Fäden zusammen. Die Abteilung Migration verantwortet die Registrierung, die aufenthaltsrechtliche Dokumentation Ankommender und die Erstausstattung mit etwas Bargeld. Der Öffentliche Gesundheitsdienst sorgt dafür, dass Schnelltests, erste medizinische Untersuchungen und Impfungen stattfinden. Die Johanniter betreiben die aktuellen Notunterkünfte im Landkreis Harburg. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Städte Winsen und Buchholz sowie der Gemeinden im Landkreis begutachten die Wohnraumangebote und nehmen sich der Fragen der Anbieter und Schutzsuchenden an. Natürlich hakt es mal hier und klemmt mal dort, eine Lösung haben wir bis jetzt aber immer gefunden. Die Zusammenarbeit funktioniert insgesamt sehr gut. Nicht zu vergessen: viele Bürger bringen sich auf unterschiedlichste Weise ehrenamtlich in die Flüchtlingsarbeit ein.

Frage 9: Noch sind die Zahlen der Geflüchteten aus der Ukraine eher gering, das kann sich in mittelbarer Zukunft aber noch ändern. Was würden Sie sich für die Zukunft wünschen? Gibt es Verbesserungsbedarf?

Thomas: Ganz klar verlässlichere Informationen über die Zuweisung von Vertriebenen in unseren Landkreis. Für jede denkbare Eventualität gerüstet zu sein, ist nicht sonderlich effizient und belastet unsere knapp bemessenen Ressourcen. Das geht manchmal schon auf die Nerven.
Doch das DRK ist unter anderem mit Katastrophenschutzaufgaben im Landkreis betraut. Wir sind für Situationen wie diese ausgebildet und vorbereitet. Und genau diese Fähigkeiten sind es, die wir nun sehr flexibel einsetzen.

Wer Wohnraum zur Verfügung stellen möchte kann sich von montags bis freitags, 10:00 bis 17:30 Uhr, per Telefon unter 04171 769 44 44 oder per E-Mail, krisenbezwinger@drk-lkharburg.de, an das Deutsche Rote Kreuz wenden.

Autor:

Thomas Lipinski aus Winsen

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