"Ohne mich wärt ihr besser dran"
Warnsignale bei Suizidgedanken erkennen: Was tun - und wo gibt es Hilfe?

Swantje Werner | Foto: Helms

Eine schwere psychische Krise kann sich auf unterschiedliche Weise bemerkbar machen. Um Warnsignale für Suizidgedanken richtig einordnen zu können, hat das WOCHENBLATT mit der Psychotherapeutin Swantje Werner aus Buchholz gesprochen und sie um fachliche Orientierung gebeten.

Warnzeichen und deutliche Hinweise

Betroffene ziehen sich zunehmend zurück, verlieren das Interesse an Aktivitäten oder geraten in einen veränderten Schlafrhythmus. Auch verstärkter Drogenkonsum, riskantes Verhalten sowie starke innere und äußere Unruhe können laut Swantje Werner Warnzeichen sein. Viele sind niedergeschlagen, verzweifelt, manchmal aber auch eher reizbar, stark schwankend in der Stimmung oder wirken abgestumpft. Äußerungen wie „Es macht alles keinen Sinn mehr“ oder „Ohne mich wärt ihr besser dran“ seien deutliche Hinweise, betont die Psychotherapeutin.

Auf die Frage, ob man einen Menschen direkt auf mögliche Suizidgedanken ansprechen darf, hat Werner eine klare Antwort: „Auf jeden Fall. Es ist eine Fehlannahme, dass man Menschen erst auf Suizidgedanken bringen könnte, indem man sie danach fragt.“ Suizidgedanken seien zunächst eine menschliche Reaktion auf eine als unaushaltbar empfundene Situation. „Jeder, der schon einmal über längere Zeit schlimme Zahn- oder Kopfschmerzen aushalten musste, wird sich vielleicht erinnern, gedacht zu haben: ‚Es soll einfach aufhören, egal wie!‘“

Welche Sätze helfen – und welche vermieden werden sollten

Hilfreich können einfühlsame und zugleich direkte Formulierungen sein, betont Werner: „Ich sehe, dass es dir in letzter Zeit nicht gut geht, und es ist ja auch wirklich viel passiert, was jedem Menschen richtig zu schaffen machen würde. Manchmal kommen einem dann Gedanken, dass es nicht schlimm wäre, wenn man nicht mehr da wäre. Geht es dir auch manchmal so?“

Eine andere Möglichkeit: „Bei all den Schwierigkeiten, denen du zurzeit ausgesetzt bist, frage ich mich, ob du vielleicht manchmal, zumindest flüchtig, lebensmüde Gedanken haben könntest?“

Nicht hilfreich sind dagegen Sätze, die die innere Not des Gegenübers klein reden, etwa: „In so einer Phase ist jeder mal, das wird schon wieder.“ Auch Aussagen, die zusätzliche Schuldgefühle auslösen können, sollten vermieden werden. Dazu gehören Formulierungen wie „Ich verstehe das nicht, du warst immer so ein Sonnenschein“ oder „So etwas darfst du nicht mal denken!“.

Entscheidend sind dabei weniger die einzelnen Worte als die Haltung. Swantje Werner weist darauf hin: "Wer fragt, sollte auch bereit sein, eine ehrliche Antwort auszuhalten. Angehörige müssen zugleich damit rechnen, dass Betroffene sich nicht sofort öffnen – etwa weil sie niemanden belasten möchten oder sich von ihrem Gegenüber keine Hilfe versprechen. Mitunter können Angehörige selbst Teil des Problems sein. Dann kann es sinnvoll sein, einen anderen Gesprächspartner vorzuschlagen. Und selbst wenn ein gutes Verhältnis besteht, ist es meist sinnvoll sich Unterstützung von Angehörigen oder professionellen Anlaufstellen zu holen."

Was tun, wenn jemand sagt: „Ich will nicht mehr leben“?

„Profis würden in einem solchen Fall fragen, ob konkrete Pläne bestehen oder ob vielleicht sogar schon Vorkehrungen getroffen wurden“, berichtet Werner. Damit solle herausgefunden werden, ob emotionale Ausnahmezustände bestehen, in denen Betroffene ihr Verhalten möglicherweise nicht mehr ausreichend steuern können.

Gleichzeitig gehe es darum, die Ambivalenz vieler Betroffener in Worte zu fassen. Werner beschreibt, „Fast immer gibt es die eine Seite, die leben will, und die andere Seite, die im Moment keinen Ausweg sieht“.

Besteht ein gutes Vertrauensverhältnis, können auch Angehörige Suizidgedanken offen ansprechen. Entscheidend sei, die Selbstbestimmung des Betroffenen zu respektieren und zugleich konkrete Fürsorge anzubieten. „Angebote für Gespräche und Entlastungsmöglichkeiten sollten dabei wirklich verlässlich sein“, betont Werner.
Helfen könne zum Beispiel dem Belasteten etwas zu kochen, mit ihm spazierenzugehen, mit ihm seine Lieblingsserie anzuschauen oder mit ihm zusammen zu überlegen, was früher manchmal geholfen hat in schweren Momenten. Sehr oft gehe es einfach darum, ein bisschen "Strecke zu machen", also dem Betroffenen beispielsweise zu helfen, dass er die Stunden bis zum Schlafengehen übersteht und in dieser Zeit zumindest kurze Pausen von selbstzerstörerischen Grübeln  und Auswegslosigkeitsgefühlen erlebt.

Hilfreich könne zudem eine Vereinbarung sein, sich zunächst für einen begrenzten Zeitraum nichts anzutun. Bestehen bereits konkrete Suizidpläne oder wurden Vorkehrungen getroffen, sollten nach Werners Einschätzung unbedingt Profis eingeschaltet werden und – möglichst in Absprache mit dem Betroffenen – Gegenstände entfernt werden, die für einen Suizidversuch genutzt werden könnten.

Über Suizidgedanken sprechen oder nicht?

Noch immer besteht die Vorstellung, man solle Suizidgedanken besser nicht ansprechen, um eine Krise nicht zu verschärfen. Dem widerspricht Werner entschieden: „Nein, im Gegenteil, meist hilft es den Betroffenen, wenn sie über ihr Erleben reden können.“ Einsamkeit, Ausweglosigkeit und Isolation seien häufig Gefühle, aus denen heraus Suizidalität entstehe. „Menschliche Beziehung und das Erleben von Anteilnahme und Interesse sind die wichtigsten Faktoren, um Menschen im Leben zu halten.“

Zudem räumt Werner mit der Annahme auf, dass jemand sofort in eine Klinik eingewiesen werden müsse, sobald Suizidgedanken geäußert werden. Entscheidend sei vielmehr das Gesamtbild aus Gefährdungs- und Schutzfaktoren. Ein Klinikaufenthalt könne jedoch hilfreich sein, um verlässliche Unterstützung, neue Impulse und möglicherweise auch Entlastung von Alltagsaufgaben zu erhalten.

Auch die Befürchtung, nach der Kontaktaufnahme mit einer Klinik oder Einrichtung automatisch gegen den eigenen Willen dortbleiben zu müssen, sei falsch. „In einer Klinik erfolgt eine Abklärung der gegenwärtigen Situation“, erklärt Werner. Ziel sei eine gemeinsame Entscheidung für oder gegen eine stationäre Aufnahme. Manchmal reiche bereits die Aufnahme für einen Tag oder eine Nacht.

Nur in seltenen Ausnahmezuständen, in denen Betroffene ihr eigenes Handeln aktuell nicht mehr ausreichend steuern können, sei eine Einweisung gegen ihren Willen möglich. Eine solche Unterbringung müsse richterlich überprüft werden, zumeist innerhalb von 24, maximal 48 Stunden.

Scham und Schuld

Über Suizidgedanken zu sprechen, fällt vielen Betroffenen schwer. Scham und Schuldgefühle seien häufig entscheidende Gründe. Hinzu komme die Sorge, Freunde und Angehörige mit den eigenen Problemen zu belasten. „Man hat das Gefühl, alle kommen mit den gesellschaftlichen Erwartungen gut  zurecht und nur man selbst ist ein Versager“, sagt die Psychotherapeutin. 
Eine zentrale Rolle spielen nach Angaben der erfahrenen Therapeutin auch psychische Erkrankungen, Einsamkeit und akute Lebenskrisen. „Depressionen bestehen Fachleuten zufolge in 90 Prozent der Suizid-Fälle“, so Werner. Auch Verlusterfahrungen – etwa der Verlust von Freunden oder Partnern, der körperlichen Gesundheit, des Arbeitsplatzes oder des sozialen Status – könnten Suizidalität auslösen.

Kritisch sieht Werner in diesem Zusammenhang auch KI-Angebote als Ersatz für zwischenmenschlichen Kontakt. Diese seien zwar für viele Menschen kurzfristig hilfreich, könnten aber die reale Einsamkeit verstärken und dazu führen, dass dringend notwendige Hilfe später in Anspruch genommen werde.

Wann professionelle Hilfe notwendig ist

Auf die Frage, wann professionelle Hilfe hinzugezogen werden sollte, nennt Swantje Werner klare Warnzeichen: Wenn Suizidgedanken deutlich drängender werden, konkrete Suizidpläne bestehen oder bereits Vorkehrungen getroffen wurden. Weitere Alarmsignale seien ein zunehmender Konsum von Alkohol oder anderen Drogen, zunehmende Verzweiflung, starkes Grübeln und Ängste bis hin zu panikartigen Zuständen. Auch starke innere und äußere Erregung und eine plötzlich auftretende, aus der Situation heraus nicht nachvollziehbare Gelassenheit und Ruhe. Menschen mit Suizidversuchen in der Vergangenheit, allgemeiner Neigung zu impulsivem Verhalten inklusive Selbstverletzung und/oder geringem Schmerzempfinden sind grundsätzlich stärker gefärdet.

Wo bekommt man konkrete Hilfe?

  • Sozialpsychiatrische Dienst: Erste Anlaufstelle im Landkreis Harburg bei akuten psychischen Krisen mit fraglicher Suizidalität. Multiprofessionelles Team hilft bei der Auslotung von Möglichkeiten zur Stabilisierung, sucht, wenn nötig, die Betroffenen zu Hause auf und kann auch einen Klinikaufenthalt anbahnen. Öffnungszeiten in Buchholz und Winsen: Mo- Do, 8.30 Uhr bis bis 16 Uhr, freitags bis 13 Uhr. Tel. Buchholz: 04181-201980, Tel. Winsen. 04171-693-517. E-Mail: SozialpsychiatrischerDienst@lkharburg.de
  • Telefonische Krisendienst: Außerhalb der Öffnungszeiten des Sozialpsychiatrischen Dienstes ist der Telefonische Krisendienst des Landkreises Harburg zuständig. Die Experten bieten entlastende Gespräche an, kommen im Notfall nach Hause oder organisieren einen Termin für eine etwaige Klinikaufnahme. Patienten profitieren von der niedrigschwelligen Erreichbarkeit des Krisendienstes in den Abendstunden und am Wochenende. Mo – Do: 16.00 Uhr – 22.00 Uhr, Fr – So sowie an gesetzlichen Feiertagen: 14.00 Uhr – 22.00 Uhr, Tel. 0170-480 61 36.
  • Hausärzte und außerhalb der Sprechstunden Ärztlicher Bereitschaftsdienst, Tel. 116 117.
  • Rettungsdienst/Notarzt: In Fällen akuter Suizidalität mit Gefahr für Leib und Leben, Tel. 112
  • Psychiatrische Klinik Lüneburg: Hier kann für Erwachsene und auch für Kinder und Jugendliche abgeklärt werden, ob evtl. eine stationäre Behandlung sinnvoll ist und eine (Notfall-)Aufnahme organisiert werden. Kontakt über die Klinik-Zentrale, Tel. 04131-60220
  • Institutsambulanzen der Psychiatrischen Klinik Lüneburg in Winsen, Buchholz und Lüneburg: Anlaufstellen für wohnortnahe Beratung und Orientierung bei psychischen Krisen und Störungen für Erwachsene und Kinder: www.pk.lueneburg.de
  • Diakonische Werk der Evangelischen Kirche: Angebote zur Lebensberatung für Familien, Alleinstehende und Paare. Kontakt: www.diakonie-hittfeld-winsen.de, E-Mail: info@diakonie-hittfeld-winsen.de
  • Erziehungsberatungsstelle: Begleitende Beratung und Orientierung für Familien, Kinder und Jugendliche, Tel. 04171-693-9290 (Winsen), Tel. 04181-969393 (Buchholz).
  • Psychotherapeuten und Psychiater: Adressen findet man unter www.arztsuche.116117.de
  • Telefonseelsorge: Rund um die Uhr, Tel. 0800-111 0111 oder 0800-111 0222, www.telefonseelsorge.de.
  • Online-Suizidpräventionsberatung für Jugendliche: U25-deuschland.de
  • Nummer gegen Kummer für Jugendliche: Mo- Sa, von 14 bis 20 Uhr, Tel.116 111 (kostenlos vom Handy oder Festnetz), www.nummergegenkummer.de.
Welche Warnzeichen können auf Suizidgedanken hindeuten?

Mögliche Warnzeichen sind zunehmender sozialer Rückzug, Interessenverlust, verändertes Schlafverhalten, verstärkter Drogenkonsum, riskantes Verhalten, starke Unruhe, Verzweiflung, Reizbarkeit oder starke Stimmungsschwankungen. Auch Äußerungen wie „Es macht alles keinen Sinn mehr“ oder „Ohne mich wärt ihr besser dran“ sind laut der Buchholzer Psychotherapeutin Swantje Werner deutliche Hinweise. :contentReference[oaicite:0]{index=0}

Darf man einen Menschen direkt auf Suizidgedanken ansprechen?

Ja. Swantje Werner empfiehlt, mögliche Suizidgedanken offen und einfühlsam anzusprechen. Die Annahme, dass Menschen durch eine direkte Frage erst auf Suizidgedanken gebracht werden könnten, sei falsch. Häufig hilft es Betroffenen, über ihre Situation und ihr Erleben sprechen zu können. :contentReference[oaicite:1]{index=1} :contentReference[oaicite:2]{index=2}

Was sollte man tun, wenn jemand sagt „Ich will nicht mehr leben“?

Suizidgedanken sollten ernst genommen und offen angesprochen werden. Angehörige können konkrete und verlässliche Unterstützung anbieten und weitere Vertrauenspersonen oder professionelle Anlaufstellen einbeziehen. Bestehen bereits konkrete Suizidpläne oder wurden Vorkehrungen getroffen, sollten nach Einschätzung von Swantje Werner unbedingt professionelle Helfer eingeschaltet werden. :contentReference[oaicite:3]{index=3}

Wann ist bei Suizidgedanken professionelle Hilfe notwendig?

Professionelle Hilfe sollte insbesondere gesucht werden, wenn Suizidgedanken drängender werden, konkrete Pläne oder Vorbereitungen bestehen. Weitere Alarmsignale sind zunehmender Alkohol- oder Drogenkonsum, starke Verzweiflung, intensives Grübeln, panikartige Ängste, starke Erregung oder eine plötzlich auftretende, aus der Situation nicht erklärbare Ruhe. :contentReference[oaicite:4]{index=4}

Wo bekommen Menschen mit Suizidgedanken im Landkreis Harburg Hilfe?

Eine Anlaufstelle ist der Sozialpsychiatrische Dienst des Landkreises Harburg in Buchholz unter 04181-201980 und in Winsen unter 04171-693-517. Außerhalb der Öffnungszeiten ist der Telefonische Krisendienst unter 0170-480 61 36 erreichbar. Weitere Ansprechpartner sind Hausärzte, der Ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117 und die Psychiatrische Klinik Lüneburg. :contentReference[oaicite:5]{index=5}

Welche Telefonnummer gilt bei akuter Suizidgefahr?

Bei akuter Suizidalität mit unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben sollte der Rettungsdienst beziehungsweise Notarzt unter 112 verständigt werden. Die Telefonseelsorge ist außerdem rund um die Uhr unter 0800-111 0111 oder 0800-111 0222 erreichbar. :contentReference[oaicite:6]{index=6} :contentReference[oaicite:7]{index=7}

Redakteur:

Julia Paepcke aus Buchholz

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