Diskussion um Bossard-Erweiterung
Deutliche Kritik an der "Kunsthalle der Lüneburger Heide": "Für mich ist Johann Bossard ist ein widerlicher Mitläufer"

Nachdem der Spiegel-Redakteur Dr. Martin Doerry über die Nazi-Vergangenheit von Johann Bossard berichtete, folgten weitere kritische Berichte der Deutschen Welle, beim NDR und im WOCHENBLATT
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Bundesverdienstkreuz-Träger Ivar Buterfas-Frankenthal kritisiert Landkreis für Bossard-Pläne in Jesteburg.

mum. Jesteburg.
"Ich verstehe Landrat Rainer Rempe nicht", sagt Ivar Buterfas-Frankenthal, der national und international bekannt in seiner Rolle als Zeitzeuge und Holocaust-Überlebender ist. Seit Jahrzehnten hat der in Bendestorf wohnende Buterfas-Frankenthal in mehr als 1.500 Veranstaltungen an deutschsprachigen Gymnasien, Hochschulen und Universitäten aus erster Hand über die Judenverfolgung im Dritten Reich berichtet. Für sein großes Engagement wurde ihm neben vielen weiteren Preisen auch das Bundesverdienstkreuz verliehen.
"Mit der Unterstützung der Kunststätte Bossard erweist Rempe und mit ihm alle weiteren Befürworter dem Landkreis einen Bärendienst." Buterfas-Frankenthal bezieht sich auf die jüngsten Veröffentlichungen im Spiegel. "Steuergeld fürs Hakenkreuz" titelt das Magazin einen Bericht von Dr. Martin Doerry, von 1998 bis 2014 stellvertretender Chefredakteur des Spiegel. Er beleuchtet Johann Bossard und dessen politische Gesinnung. Nach der Lektüre besteht kein Zweifel, dass Bossard ein Antisemit und Nazi-Symphatisant war.
"Ich habe Johann Bossard persönlich nicht gekannt", so Ivar Buterfas-Frankenthal. "Aber ich halte ihn für einen widerlichen Mitläufer, der wie so viele andere auch im Fahrwasser der Nazi-Verbrecher profitieren wollte." Bossard distanzierte sich erst von der NSDAP, als seine künstlerische Arbeit von den Nazis abgelehnt wurde. Hätte sich Bossards Entwurf 1934 durchgesetzt, dann wäre auf der Moorweide in Hamburg eine Halle für den Kult um getötete Nationalsozialisten errichtet worden.
Für Buterfas-Frankenthal bestehe überhaupt kein Zweifel daran, dass Bossard ein Antisemit war. Aus diesem Grund könne er es nicht verstehen, dass Bossard nun auch noch mit viel Steuergeld eine späte Huldigung erfahren soll. "Die 'Kunsthalle der Lüneburger Heide' ist ein Fehler", so der Holocaust-Überlebende. "Ich stelle mir vor, dass Neonazis künftig nach Jesteburg kommen und auf dem Nazi-Kreuz ihre Sonnenwendfeiern zelebrieren. Ist es wirklich das Ziel der Gemeinde Jesteburg und des Landkreises, die braune Brut einzuladen?", fragt Buterfas-Frankenthal. Zudem würden die ersten Entwürfe des neuen Museums Buterfas-Frankenthal an die Architektur des Nazi-Architekten Albert Speer erinnern.
Entsetzt ist der Ehrenbürger der Gemeinde Bendestorf zudem über die Aussage eines Jesteburger Gemeinderat-Mitglieds, man müsse doch nach so vielen Jahren mit der Nazi-Vergangenheit abschließen. "Ich warne vor dieser Schlussstrich-Mentalität." Er könne sich noch gut an die Zeit nach der Befreiung Deutschlands erinnern. "Am 8. Mai war die Diktatur beendet und schon am 9. Mai wollten die Ersten einen Schlussstrich ziehen. Das darf nicht sein."
In einem Film sagt Buterfas-Frankenthal: "Meine Vorträge an Schulen und Universitäten haben mir gezeigt, dass über die NS-Zeit zu wenig gesprochen wird und das Wissen äußerst mangelhaft ist. Noch nie war in Deutschland die Situation so schrecklich wie heute: Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus machen sich offen breit." Der Umgang mit der Kunststätte Bossard unterstreicht seine Worte.

Svenja Stadler und Michael Grosse-Brömer stehen weiterhin hinter dem Konzept
Die Bundestagsabgeordneten Svenja Stadler (SPD) und Michael Grosse-Brömer (CDU) ließen sich feiern, weil sie die Bundesförderung in Höhe von fünf Millionen Euro durchgeboxt haben. Wie bewerten sei ihre Entscheidung jetzt?
"Die Stiftung Kunststätte Bossard hat sich durch die bereits erwähnte Forschungsarbeit intensiv mit der Zeit des Nationalsozialismus auseinandergesetzt. Erst nachdem die Forschungsergebnisse vorlagen, wurde durch die Kommunalpolitik ein Zukunftskonzept erstellt", sagt Grosse-Brömer. Die Gesamtschau auf die Forschungsarbeiten habe eine Schlussfolgerung wie sie der Spiegel nun mit Blick auf einzelne Zitate trifft, nicht zugelassen. "Als Bundespolitiker unterstütze ich Projekte im Landkreis Harburg, die von der Kommunalpolitik als sinnvoll erachtet werden und ohne Bundesförderung nicht realisiert werden könnten." Das Projekt "Kunsthalle der Lüneburger Heide" habe mit der aktuell angestoßenen Debatte wenig Berührungspunkte. "Anders als aktuell dargestellt geht es bei dem Projekt nicht darum, die Personen Johann und Jutta Bossard in den Mittelpunkt zur stellen." Mit der "Kunsthalle der Lüneburger Heide" solle die Kunststätte zukunftsfähig ausgerichtet werden, um so den Kunsttempel, der von der Europäischen Kommission für seine Einzigartigkeit ausgezeichnet wurde, zu erhalten.
Auch Stadler sieht keinen Grund, ihr Engagement zu überdenken: Die Intention hinter dem Projekt "Kunsthalle der Lüneburger Heide" sei die gleiche geblieben. "Es soll auf der einen Seite ein Ort entstehen, der unter anderem den Werken regionaler Künstlern einen Raum bietet, drei bis vier Sonderausstellungen pro Jahr präsentiert und das Ganze von Vorträgen und Seminaren begleitet. Auf der anderen Seite wird fortwährend die Aufarbeitung dessen Thema sein, was aktuell so vehement diskutiert wird. Ganz nach dem Vorbild der Emil Nolde-Stiftung in Seebüll, deren neuere Forschungen Licht in die widersprüchlichen Darstellungen über Noldes nationalsozialistische Gesinnung gebracht haben. Mit anderen Worten: Wir können nur etwas lernen, wenn wir es näher betrachten und uns damit auseinandersetzen." Stadler weiter: "Auf jeden Fall ist es sinnvoll, darüber weiter zu diskutieren. Genau genommen liegen uns momentan ein erstes Konzept und eine architektonische Idee vor, aber noch nichts Konkreteres. Aber, um das noch einmal deutlich zu sagen: Fest steht, dass nichts wegdiskutiert werden soll, was Bossards Kunst und Leben betrifft. Es liegt mir ebenso fern, Johann Michael Bossard als Künstler aufzuwerten - und schon gar nicht als Mensch. Das müssen gegebenenfalls andere tun."

Sparkasse: "Einseitige Darstellung!"
Die Sparkasse Harburg-Buxtehude ist als einer von drei Stiftern seit 1995 Partner der Kunststätte Bossard und mit etwa 50.000 Euro jährlich einer der wichtigsten Geldgeber. Sparkassen-Vorstand Andreas Sommer ist zudem Mitglied des Bossard-Stiftungsrates. Wie bewertet er die aktuelle Berichterstattung?
"Der Artikel im Spiegel stellt das Leben und Denken Bossards einseitig dar. In dem Artikel sind objektive Fehler und falsche beziehungsweise unvollständige Zitate enthalten. Der Autor wählt und interpretiert seine Quellen übertrieben und unwissenschaftlich", sagt Sommer. Grundlage des Berichtes sei das vom Stiftungsrat beauftragte Forschungsprojekt, das mit wissenschaftlicher Unterstützung im Jahr 2018 abgeschlossen worden sei. In "Über dem Abgrund des Nichts" hätten die Autoren ihre Befassung mit den Schriften und den Werken Bossards dokumentiert. "Dies ist ein Beitrag zur unverzichtbaren Aufarbeitung der NS-Zeit und macht deutlich, dass es für uns eben gerade nicht in Frage kommt, an dieser Stelle einen Schlussstrich zu ziehen", so Sommer.
Die "Kunsthalle in der Lüneburger Heide" biete Platz für Sonderausstellungen. Geplant sei daneben auch eine Dauerausstellung über das Künstlerehepaar Bossard, die auch über deren politische Gesinnung informiert.
Zu einer möglichen Aufstockung des jährlichen Budgets sagt Sommer: "Auch wenn wir über die Höhe noch nicht diskutiert haben, werden wir die Weiterentwicklung der Kunststätte finanziell unterstützen. Das Engagement beruht auf der eigenen Überzeugung für das Gesamtwerk und dessen Einmaligkeit."

Auf ein Wort
Ist das wirklich objektiv?
Wie sehr war Johann Bossard in den Nationalsozialismus verstrickt? Kritiker sehen in ihm einen völkischen Nationalisten, der in der NS-Zeit Karriere machen wollte. Es ehrt die Bundespolitiker Stadler und Grosse-Brömer und auch den Sparkassen-Vorstand Sommer, dass sie sich weiterhin für die Kunststätte Bossard einsetzen wollen. Leider haben alle drei versäumt, sich deutlich von den antisemitischen Zitaten des Johann Bossard zu distanzieren.
Das Trio vertraut darauf, dass eine einzige inhaltliche Aufarbeitung reicht, um Bossard salonfähig zu machen. Diese Schrift allerdings verantwortete mit Gudula Mayr ausgerechnet die Leiterin der Kunststätte. Das Werk wurde finanziert unter anderem vom Landkreis. Wie objektiv mag da das Ergebnis sein? Vor allem, wenn man bedenkt, dass bei einem anderen Ergebnis kaum jemand die Nazi-Kunststätte finanziell unterstützt hätte. Sascha Mummenhoff

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Autor:

Sascha Mummenhoff aus Jesteburg

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