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"Das Marschieren und Marschmusik gehören dazu"

Oliver Jantzen ist Landeskönig des Schützenverbandes Hamburg und Umgebung sowie Schützenkönig der Schützenkameradschaft Ramelsloh

Das Schützenwesen gehört zur lokalen Identität in Niedersachsen. Im Interview erklärt Schützenkönig Oliver Jantzen (28) aus Ramelsloh das Phänomen

(ts). Das Schützenwesen ist ein historisch gewachsener, wichtiger Teil der lokalen Identität mit Bräuchen und Traditionen. Es gehört zum immateriellen Kulturerbe in Deutschland. Viele lieben es, nicht wenige belächeln es. In einem Interview mit dem Landesschützenkönig von Hamburg und Umgebung, Oliver Jantzen (28) aus Ramelsloh (Gemeinde Seevetal) nähert sich das WOCHENBLATT zur Mitte der Schützensaison dem Phänomen Schützenwesen an.
WOCHENBLATT: Herr Jantzen, erinnern Sie sich noch daran, wie Sie mit dem Schützen-Virus befallen worden sind?
Oliver Jantzen: Ich bin zwölf Jahre alt gewesen. Mir muss an dem Tag langweilig gewesen sein. Mein Großvater hat mich damals zu einem Übungsschießen mit dem Luftgewehr mitgenommen. Mir hat das gefallen und ich bin geblieben. Damals wie heute haben wir starke Jugendbetreuer, die mit den Jugendlichen Ausflüge unternehmen, zum Beispiel zum Bowling oder in den Heidepark. Auch das bindet den Nachwuchs an den Verein.
WOCHENBLATT: Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie zum ersten Mal die Schützenuniform getragen haben? War das ein beklemmendes Gefühl oder waren Sie stolz wie Bolle?
Jantzen: Mir ist warm gewesen (lacht). Ich war stolz, weil die Uniform damals für mich zum Ausdruck brachte, dass ich zu den Erwachsenen gehöre.
WOCHENBLATT: Verändert einen das Tragen einer Uniform? Nehmen Sie eine andere Haltung an?
Jantzen: Nein, ich bin da ziemlich lässig. Das Tragen der Uniform bedeutet für mich eine Vorfreude auf das, was passiert. Ich freue mich auf den Wettbewerb oder das Fest.
WOCHENBLATT: Das Schützenwesen ist immaterielles Kulturerbe in Deutschland. Welche Bräuche machen es so wertvoll?
Jantzen: Das Schützenfest selbst ist Brauchtum und ein lebendiger Teil der lokalen Identität. Die Schützenvereine sind das Fundament des Schießsports mit seiner langen Tradition. Unser Schützenverein ist ein fester Bestandteil unserer Dorfgemeinschaft in Ramelsloh. Auch der Königsball ist historisch gewachsen und gehört zur Dorfkultur.
WOCHENBLATT: Schützenfeste sind im Festzelt mit viel Alkoholkonsum verbunden. Sind sie nicht sogar Anlass zum gesellschaftlich legitimierten Trinken?
Jantzen: Gehören Geburtstag und Bier zusammen? Die große Mehrheit in der Bevölkerung wird das wohl bejahen. Bei uns geht es nicht anders zu als bei anderen Sportvereinen. Wir feiern ein Dorf- und Schützenfest, also ein Volksfest. So exzessiv, wie Sie andeuten, habe ich den Alkoholkonsum bei Schützenfesten nicht erlebt. Und betrunken betritt niemand den Schießstand. Das würde der Schießwart, der Aufsicht führt, sofort unterbinden.
WOCHENBLATT: Sind Marschieren und Marschmusik cool? Wie sehen sie das als junger Mann?
Jantzen: Das Marschieren und Marschmusik gehören zum Schützenwesen dazu. Wir sehen das aber nicht in Tradition zu dem Soldatenwesen während der beiden Weltkriege. Bestandteil unseres Schützenfestes in Ramelsloh ist, dass wir zu dem Ehrendenkmal im Dorf marschieren und einen Kranz zum Gedenken der Toten niederlegen. Wir erinnern aber auch der Kriege, des Terrorismus und der Vertreibung in unserer heutigen Zeit. Der sogenannte Zapfenstreich ist ein traditionelles Ereignis im Dorf, an dem auch die übrige Bevölkerung teilnimmt.
WOCHENBLATT: Welche Musik hören sie privat?
Jantzen: Ich höre gerne Rockmusik, wie zum Beispiel „Die Ärzte“ oder „Kraftklub“ und alles, was Partys antreibt.
WOCHENBLATT: Ist der Schützenverein so etwas wie eine Bruderschaft? Heute würde man wohl sagen: ein gesellschaftliches Netzwerk?
Jantzen: Den Begriff der Bruderschaft halte ich für falsch. Wir sind gute Freunde, eine kleine Familie, in der man sich hilft. Bei unseren Treffen fragt man auch mal nach Rat. Sie dürfen gerne erwähnen, dass ich auf der Suche nach einem Haus oder einem Baugrundstück bin. Aber ausschließlich in Ramelsloh!
WOCHENBLATT: Genießt ein Schützenkönig eigentlich Privilegien?
Jantzen: Meine Adjutanten bedienen mich. Die Königswürde öffnet mir Türen bei anderen Schützenvereinen. Ich empfinde es als Privileg, meinen Verein präsentieren zu dürfen. Das ist eine Ehre und es macht riesig Spaß! Bekanntester Ausdruck des Schützenwesens ist das Schützenfest, das mit örtlich unterschiedlichen Bräuchen einmal im Jahr gefeiert wird.

Schützenfest und Brauchtum:
Im Zentrum steht der meist durch das Königsvogelschießen ermittelte König. Zu seinen Ehren finden Umzüge und Paraden statt, bei denen die Schützen in einheitlicher Tracht auftreten. Sie tragen Vereinsabzeichen und verfügen über eine Fahne.
In der Schützenhalle oder im Festzelt finden gesellschaftliche Feiern (Bälle, Frühschoppen, Platzkonzerte) statt. Jedes Schützenfest hat lokal hergebrachte Rituale und Bräuche und unterschiedliche Abläufe.
Quelle: Bundesweites Verzeichnis Immaterielles Kulturerbe Das Schützenfest und Brauchtum