30 Jahre Mauerfall
Freudentränen und Euphorie statt rollender Panzer

Jan Gold ist froh, dass das "brutale Unrechtsregime" nicht mehr existiert
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(lt). Das WOCHENBLATT hat anlässlich des 30. Jahrestags des Mauerfalls drei Menschen aus dem Landkreis Stade gefragt, wie sie die Zeit damals erlebt und wahrgenommen haben und wie sie die Entwicklung seitdem beurteilen.
Jan Gold, Bürgermeister von Beckdorf (55) und gebürtiger Leipziger, war genau zwei Monate vor dem Mauerfall legal aus der DDR in die Bundesrepublik zu seiner Mutter nach Niedersachsen übergesiedelt. Weil er sich bereits darauf eingestellt hatte, zurückgelassene Freunde und Verwandte lange nicht wiederzusehen, konnte er die "unglaubliche Wende in der Geschichte" kaum fassen, sagt der Leiter der Vollzugsabteilung in der Untersuchungshaftanstalt Hamburg.
Vom Mauerfall erfahren hat Jan Gold in Vechta, wo er zu der Zeit Sozialpädagogik studierte. "Als ich um 22.30 Uhr die Tagesthemen sah, traute ich meinen Augen nicht. Diese Euphorie kann ich bis heute nicht in Worte fassen", so Jan Gold. Spontan lud er daraufhin alle 15 anwesenden Studenten des Wohnheims in eine Kneipe zum Feiern ein. An den Besuch der Seminare am nächsten Tag sei nicht zu denken gewesen. Als er zwei Wochen später mit einem Westberliner Kommilitonen nach Berlin fuhr, habe er die Stadt als ein "einziges Fest" erlebt.
Das Unterdrückungsregime der DDR habe er immer abgelehnt, sagt Jan Gold, der nach seinem Abitur in Leipzig zunächst ein Vorseminar für ein Theologiestudium absolvierte. Anfang 1983, wenige Monate vor seinen Abschlussprüfungen, wurde er als sogenannter Bausoldat für 18 Monate eingezogen. Bausoldaten seien vom kommunistischen Regime als Gegner angesehen worden, weil sie nicht bereit waren, den Staat mit der Waffe zu verteidigen.
Aufgrund seines Dienstes als Bausoldat und seines Vorseminars sei es ihm nicht möglich gewesen, ein Lehramts- oder Ökonomiestudium zu beginnen, sagt Gold. Daraufhin habe er den Ausreiseantrag gestellt.
Noch heute ist Jan Gold zu Tränen gerührt, wenn er Berichte über die Wende liest. Das Jammern und Wehklagen mancher Ostdeutscher kann er nicht nachvollziehen. Viele hätten schlicht vergessen, wie es sich anfühlte, einem brutalen Unrechtsregime hilflos ausgesetzt gewesen zu sein, sagt Jan Gold.
Diakon Volker Puhl-Mogk (60) aus der Kirchengemeinde Estebrügge im Alten Land erinnert sich noch genau an die Zeit des Mauerfalls. Frisch im Amt fuhr er gemeinsam mit einigen anderen Gemeindemitgliedern im Oktober 1989 in die ostdeutsche Partnergemeinde Meerane. Wie eine Reise in die Vergangenheit sei es ihm vorgekommen, das Stadtbild habe bedrückend gewirkt und der Geruch von Braunkohle hing allgegenwärtig in der Luft. In vielen persönlichen Gesprächen habe er einen Eindruck gewonnen von der ständigen Angst, in der viele Menschen in der DDR lebten, so Volker Puhl-Mogk.
Tränereich sei dann der Abschied gewesen, da ungewiss war, ob es je einen Gegenbesuch würde geben können. Umso schöner sei es dann gewesen, dass im Frühjahr 1990 die Gemeindemitglieder aus Meerane zum Gegenbesuch ins Alte Land kommen konnten. Volker Puhl-Mogk hält den privaten Kontakt zu einigen Freunden von damals noch immer.
Madeleine Pönitz (40), Kreisbaurätin des Landkreises Stade, war 1989 zwar erst zehn Jahre alt, erinnert sich aber dennoch an das Gefühl, dass damals etwas Großes und ganz Besonderes passiert. Wohlbehütet in einer Kleinstadt im Erzgebirge aufgewachsen, hatte sie mit ihrer Familie schon immer die Montagsdemos und die Entwicklung um die Menschen in der Prager Botschaft verfolgt und sah auch den Mauerfall live im Fernsehen. Die Zeit danach hat Madeleine Pönitz auch in guter Erinnerung, denn sie fuhr mit ihrer Familie an einem der darauffolgenden Wochenenden nach Hof in Franken und tauchte dort in eine völlig neue Welt ein. Das Angebot in den Läden mit all den bunten Verpackungen habe sie ja nicht gekannt.
"Ich bin dankbar, in einem Land in Freiheit mit allen Möglichkeiten zu leben", sagt Madeleine Pönitz heute. "Hätte es den Mauerfall nicht gegeben, wäre ich vermutlich nicht da, wo ich jetzt bin." Mit Sorge verfolge sie die Entwicklung der AfD und die enormen Zuwächse der Wählerschaft gerade in Ostdeutschland.

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