Jugend-Erinnerung an Stader Fachwerkhaus: Tote in der Diele aufgebahrt

Sonntags-Klönschnack vor dem großen Scheunentor: die Familien Sieberhagen und Umland
7Bilder
  • Sonntags-Klönschnack vor dem großen Scheunentor: die Familien Sieberhagen und Umland
  • Foto: Erika Jonas privat
  • hochgeladen von Thorsten Penz

Erika Jonas (82) erlebte Freud und Leid in der kleinen Kate / Wiederaufbau geplant


tp. Stade. Wohnen im renovierten Fachwerkhaus gilt heute als schick. Doch in einer Original-Bauernkate ohne Strom und fließendes Wasser und mit Mensch und Vieh unter einem Dach war das Leben einfach und hart. Erinnerungen an ihre Jugendzeit, die sie in einem kleinen Reetdachhaus in Stade verbrachte, werden bei Erika Jonas (82) wach, nachdem das WOCHENBLATT über den Abriss und geplanten Wiederaufbau des historischen Bauernhauses berichtete.

Erika Jonas zog als Vierjährige mit ihren Eltern Christoph und Helene Sieberhagen zu Beginn des Zweiten Weltkrieges am 1. September 1939 in das Häuschen. Die Familie suchte an dem am Ortsrand gelegenen Distelweg 11, der damals noch Hohenwedel 20 hieß, Sicherheit vor drohenden Luftangriffen auf den Stader Fliegerhorst. Der heute dicht bebaute Hohenwedel war seinerzeit Bauernland: Wiesen, Weiden, Höfe.

In dem neuen Zuhause der kleinen Erika Jonas und ihrer Eltern lebten außerdem die verwitwete Hauswirtin Anna Umland und ihre Tochter Elfriede. Im hinteren Hausteil lagen zwei kleine Wohnungen, vorne, hinterm großen Tor, die Ställe für je zwei Schweine und Kühe, deren Futter auf dem Heuboden lagerte. Dazwischen erstreckte sich die geräumige Diele. Draußen gab es ein Plumpsklo.

Die Zweizimmerwohnung der Sieberhagens bot kaum Raum für Privatsphäre. Die Wohnstube, in der Erika Jonas' Bett, stand wurde selten genutzt. Das Familienleben spielte sich in der Küche ab. Der gekachelte Holz- und Kohleofen spendete wohlige Wärme. "Vom Herd drang der Duft von Mutters braunen Kuchen und einfachen Speisen aus dem Garten", sagt Erika Jonas. Im eingemauerten Kessel, dem "Grapen", wurde Wäsche gekocht, und zu Weihnachten Glühwein - ebenso wie Wurst und Fleisch aus Schwarzschlachtung, die im Dritten Reich unter strenger Strafe stand. Mit Speck aus der Rauchkammer, Kartoffeln und Gemüse aus eigenem Anbau und von Eiern einer kleinen Hühnerschar ernährte sich die dreiköpfige Familie in den kargen Kriegsjahren, gab ab und zu sogar "ausgebombten" Hamburgern, die - von Hunger getrieben - mit dem Zug zum Betteln und Tauschen nach Stade kamen, davon etwas ab.

Erika Jonas und ihre Eltern überlebten selbst nur knapp einen Luftangriff in der Nacht auf den 10. April 1945 auf eine Flak-Station am Schwarzen Berg. Die Familie fand Deckung in einem Bunker, als in der Nachbarschaft Bomben einschlugen. Eine Freundin von Erika Jonas starb an schweren Kopfverletzungen. Das Wohnhaus blieb - umgeben von lodernden Phosphor-Bomben - unversehrt.

Nach dem Krieg wurde es noch enger in dem kleinen Haus. Ein heimatloser Soldat wurde im Wohnzimmer einquartiert. Erika Jonas schlief vorübergehend in der Küche.
Später duldete der Vater hin und wieder, dass Erika Jonas' künftiger Bräutigam, ein Soldat aus Gelsenkirchen, im Haus übernachtete. "Zumindest offiziell schlief er alleine auf der Couch", verrät die Seniorin mit einem Augenzwinkern.

1961 wurde in der Küche Hochzeit mit selbst gebranntem Korn gefeiert. Im Jahr 1962 starb Erika Jonas' Vater. Der Sarg mit dem Leichnam wurde in der Diele aufgebahrt. Im selben Jahr zog das jung verheiratete Paar in eine eigene, modernere Wohnung. "Doch so schön wie in dem Bauernhaus wurde es nie wieder", sagt die dreifache Mutter und Großmutter von drei Enkeln, die inzwischen geschieden ist und in einem Seniorenheim in Drochtersen lebt.

• Die Stader Stiftung für Kultur und Geschichte will das Haus vom Distelweg 11, das einem Mehrfamilien-Neubau wich, an der Harburger Straße 74 wieder errichten. Gemeinsam mit einer historischen Scheune soll dort als Ersatz für eine Brandruine ein Denkmal-Enselmble entstehen.

Autor:

Thorsten Penz aus Stade

Wirtschaft
Dehoga-Präsident Detlef Schröder

Dehoga-Umfrage zu Corona-Folgen
Gastronomie und Hotellerie mit riesigen Löchern in den Bilanzen

(bim/nw). Auch wenn Restaurants und Cafés unter Auflagen wieder Gäste bewirten und Hotels Touristen beherbergen dürfen, ist die Not in der Branche weiterhin groß. Nach wochenlanger Zwangspause klaffen riesige Löcher in den Bilanzen. Die Umsätze liegen weit unter den Vorjahreswerten. Das ist das Ergebnis einer Umfrage, die der Deutsche Hotel- und Gaststättenverband (Dehoga) Niedersachsen vom 3. bis 10. August durchführte und an dem sich 747 Gastronomen und Hoteliers beteiligten. Verlängerung...

Politik
Neuer Job: Jannik Stuhr

Neider wittern Verschwörung im Winsener Rathaus
Job über das CDU-Parteibuch?

thl. Winsen. Jannik Stuhr ist der "Neue" im Winsener Rathaus. Ab 1. September ist er für die "weitere Digitalisierung städtischer Verwaltungsabläufe und Dienstleistungen" zuständig. Doch bevor Stuhr seinen Dienst antritt, wittern einige Personen bereits Verschwörungen. "Stuhr ist Vorsitzender des CDU-Ortsverbandes Stelle und der Jungen Union im Landkreis. Zudem war er Wahlkampfunterstützer für Bürgermeister André Wiese. Gab die Parteizugehörigkeit den entscheidenden Ausschlag?", heißt es in...

Wirtschaft
Der Industriehafen in Stade-Bützfleth soll erweitert werden
  3 Bilder

Das Tor zur Welt
Pläne für die Erweiterung des Stader Binnen- und Seeschiffhafens

jab. Stade. Der Binnen- und Seeschiffhafen in Stade ist der drittgrößte Umschlagplatz in Niedersachsen. Seit Jahren schon gibt es die Überlegungen, den Industriehafen in Stade-Bützfleth zu erweitern. Passiert ist bisher nichts. Doch nun liegt ein Perspektivpapier vor, das durch den Betreiber Niedersachsen Ports (N-Ports) in den vergangenen Jahren erstellt wurde und konkrete Planungen für eine Erweiterung beinhaltet. Auf der Sommertour des Landtagsabgeordneten Kai Seefried und der...

Politik
Uwe Harden

Corona-Maßnahmen im Landkreis Harburg
Uwe Harden fordert: "Mündige Bürger statt Sanktionsregime"

(bim). Drages Bürgermeister Uwe Harden, der auch stellvertretender Landrat des Landkreises Harburg ist, hat einen Leserbrief zur Schließung der Abstrichzentren der Kassenärztlichen Vereinigung in Winsen und Buchholz verfasst. Im Grunde ist es aber eine Einschätzung bisheriger Corona-Maßnahmen auf Landkreis- und Bundesebene, die wir hier in Auszügen veröffentlichen: "Ich finde, die Kreisverwaltung hat bislang in der Corona-Pandemie lobenswerte Arbeit geleistet. Zwar sind bis Mitte Mai 13...

Wirtschaft
Die Getreideernte lief in den vergangenen Tagen auf Hochtouren

Die Weizenfelder sind weitgehend abgeerntet
Erste Erntebilanz im Landkreis Stade: Enttäuschend bis überraschend

jd. Stade. Die Mähdrescher waren in den vergangenen Tagen im Dauereinsatz: Im Landkreis Stade ist die Ernte von Weizen und Gerste weitgehend abgeschlossen. Auf der Stader Geest liegt das Getreide bereits in den Silos, nur in Kehdingen sind noch die Erntefahrzeuge auf den Feldern. "Die Landwirte haben durchschnittliche Erträge eingefahren", zieht Stades Kreislandwirt Johann Knabbe ein erstes Resümee. Dabei gebe es selbst innerhalb des Landkreises starke Schwankungen, "von enttäuschend bis...

Diskussion schließen

Hinweis: Der Autor wird vom System benachrichtigt

add_content

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Karte einbetten

Abbrechen

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Veranstaltung oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen