Stader Fossil der Mobilitätsgeschichte hängt am Haken

Blick vom Balkon des Finanzamtes in Stade. Klaus Mehrtens (li.) und sein Bruder Horst waren beim Umzug der Kult-Tanke ins Museum live dabei
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  • Blick vom Balkon des Finanzamtes in Stade. Klaus Mehrtens (li.) und sein Bruder Horst waren beim Umzug der Kult-Tanke ins Museum live dabei
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Ein Stück Kindheit zieht ins Kiekeberg-Museum / Brüder Klaus und Horst Mehrtens nehmen Abschied von der Gasolin-Tankstelle

tp. Stade. Mit klopfenden Herzen voller Kindheitserinnerungen beobachteten Klaus Mehrtens (64) und sein Bruder Horst (57) am Mittwoch die Kranaberbeiten an der Harburger Straße 95 in Stade. Ein Lastenheber nahm die urige Gasolin-Nachkriegestankstelle aus ihrem Familienbesitz an den Haken. Und ab ging die Post ins Freilichtmuseum am Kiekeberg in Ehestorf. "Ein Traum wird wahr", sagten die Brüder. Denn wer kommt schon in die privilegierte Lage, die Stätte seiner Kindheit einmal in einem Museum besuchen zu können?

Wie berichtet, ist der aufwändige Gebäude-Umzug Teil eines 6,14 Millionen Euro teuren Mega-Kooperationsprojektes der Landkreise Stade und Harburg: Am Kiekeberg entsteht mit der "Königsberger Straße" ein Ensemble aus sechs zeitgenössischen Gebäuden, die die deutsche Geschichte zwischen 1949 und 1970 repräsentieren. Neben der Stader Kult-Tanke als erstes Gebäude sind das u.a. ein Siedlungshaus, ein Fertighaus, ein Aussiedlerhof und eine Wirtschaftswunder-Ladenzeile.

Beim Umzug am frühen Mittwochmorgen herrschte "großer Bahnhof" im Stader Stadtteil Campe: Neben der Museums-Spitze waren der Stader Landrat Michael Roesberg, sein  Amtskollege Rainer Rempe aus dem Kreis Harburg, der Architekt der "Königsberger Straße", Christoph Frenzel aus Buxtehude, und viele weitere Projektbeteiligte vor Ort, um das Schauspiel zu verfolgen: Gut verpackt und mit Holzstützen stabilisiert, gingen das Kassenhäuschen, das Dach und die Stützsäule der Tankstelle auf drei Aufliegern in Richtung Kiekeberg auf die Reise. Der Wiederaufbau soll im kommenden Frühjahr beginnen. Das gesamte Ensemble soll in ca. sechs Jahren fertig sein.

Die Brüder Mehrtens freuen sich schon jetzt auf den ersten Museumsbesuch in Begleitung von Kindern und Enkeln. Die Tankstelle mit dem geschwungenen Vordach, einem "Flugdach" mit der damals top-modischen Nierentisch-Rundung, wurde in 1950er Jahren von ihrem Vater Klaus Mehrtens an der Einfallsstraße in die Stader City errichtet. Horst und Klaus Mehrtens, die in dem dahinter liegenden Fachwerkhaus aufwuchsen, erinnern sich noch gut an das arbeitsreiche Berufsleben ihres Vaters, der an sieben Tagen in der Woche die Tankstelle geöffnet hatte und zusätzlich eine Schmiede bzw. Autowerkstatt betrieb. An der Harburger Straße gab es Ende der 1960er Jahre sieben Tankstellen. Die Tankstelle der Familie Mehrtens, die im Laufe der Jahrzehnte unterschiedliche Benzinmarken verkaufte, war die letzte Bedientankstelle in der Stadt Stade.

Karl Mehrtens bildete für den Service eigene Tankwarte aus. Auch Horst und Klaus Mehrtens bedienten in ihrer Jugend Kunden, um sich etwas Geld hinzu zu verdienen, ergriffen aber andere Berufe: Horst Mehrtens ist Qualitätstechniker, Klaus Mehrtens leitet die Abteilung Schule, Sport und Stadtbibliothek bei der Hansestadt Stade.

Früher sei das Warensortiment im Vergleich zu heute eher klein gewesen, so die Brüder. Neben Scheibenwischern und Motoröl gab es bald aber auch Zigaretten, Zeitschriften und "gefüllte Zeitungen", in die sich so mancher trinkfeste Kunde seinen Flachmann einwickeln ließ.

Im Mittelpunkt stand aber das Tanken, das früher noch ein heiliges Ritual war: "Volltanken bitte und einmal die Windschutzscheibe putzen", da fühlte sich der als König. Und die Spritpreis waren moderat: Bei 50 bis 60 Pfennig pro Liter fiel meistens ein großzügiges Trinkgeld für den Tankwart ab. 

Laut Alexander Eggert, Abteilungsleiter Volkskunde im Museum, sucht man am Kiekeberg noch nach dem i-Tüpfelchen für das Fossil aus der Mobilitätsgeschichte: Eine seltene Gasolin Zapfsäule. Solch eine "eiserne Jungfrau" sei eine begehrte Rarität unter den Petro-Mobilisten. Zwischenzeitlich habe man aber mit einem Sammler vielversprechende Verkaufsverhandlungen aufgenommen.

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