Ende einer lästigen Pflicht?
Steuererklärung in fünf Minuten
- Für viele eine lästige Aufgabe: die Einkommenssteuererklärung
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Die Deutsche Steuer-Gewerkschaft (DSTG) fordert eine radikale Vereinfachung der Einkommensteuer – bürgernah, digital und vollautomatisch. Im Zentrum steht das sogenannte „Once-Only-Prinzip“: Bürgerinnen und Bürger sollen ihre Daten nur einmal digital erfassen müssen – diese werden dann zwischen den Behörden vernetzt weiterverwendet. Ziel ist eine Steuererklärung, die sich praktisch von selbst erledigt.
Für Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen soll die Steuer automatisch berechnet werden – wie in Österreich. Dort erhalten viele Menschen ohne eigenes Zutun ihre Steuererstattung, laut DSTG korrekt und nachvollziehbar. Auch Rentner und Rentnerinnen sollen profitieren: Die Steuer könnte direkt von der Rente einbehalten werden – monatlich, transparent und ohne Nachzahlungen.
Doch wie realistisch ist das? Das WOCHENBLATT hat bei der Steuerberaterkammer Niedersachsen nachgefragt: Wie realitätsnah und sinnvoll ist der Vorschlag der DSTG? Interviewpartner ist Kammerpräsident Fritz Güntzler, Dipl.-Kfm., Steuerberater und Wirtschaftsprüfer.
- Fritz Güntzler
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WOCHENBLATT: Die Deutsche Steuer-Gewerkschaft fordert die Abschaffung der Steuererklärungspflicht für Arbeitnehmer. Was war Ihr erster Gedanke, als Sie von diesem Vorschlag gehört haben?
Fritz Güntzler: Mein erster Gedanke war: Das klingt auf den ersten Blick nach einer echten Erleichterung für viele Menschen – aber wir müssen genau hinschauen. Aus Sicht des steuerberatenden Berufsstandes begrüßen wir grundsätzlich jede sinnvolle Vereinfachung. Doch in der Praxis zeigt sich: Für viele Arbeitnehmer ist die freiwillige Steuererklärung kein bürokratischer Ballast, sondern eine echte Chance auf eine Rückerstattung. Wir sehen mit Sorge, dass gerade diese Menschen künftig auf Geld verzichten könnten, wenn sie fälschlicherweise davon ausgehen, dass „automatisch alles passt“. Auch Pauschalen werden da nicht immer helfen können.
WOCHENBLATT: Wer könnte Ihrer Einschätzung nach von der Abschaffung der Steuererklärungspflicht profitieren?
Fritz Güntzler: Menschen mit einfachen Einkommensverhältnissen – zum Beispiel ohne Pendelstrecke, ohne Kinder, ohne zusätzliche Einkünfte – könnten von einer automatisierten Abwicklung profitieren. Auch die Finanzverwaltung könnte sich stärker auf komplexere Fälle konzentrieren. Für diese Zielgruppe kann so ein Schritt tatsächlich sinnvoll sein. Das ganze Modell steht und fällt aber mit den gemeldeten Daten und damit mit der Vernetzung der digitalen Infrastrukturen in Deutschland.
WOCHENBLATT: Und für wen wäre die Abschaffung möglicherweise ein Nachteil?
Fritz Güntzler: Für die Mehrheit der Arbeitnehmer, ehrlich gesagt. Schon heute zeigt sich, dass freiwillige Steuererklärungen im Durchschnitt mehrere hundert Euro an Rückzahlungen bringen – und das bei Millionen von Menschen. Wer Werbungskosten, Sonderausgaben, Kinderbetreuungskosten oder Krankheitskosten hat, wird von einer Standardveranlagung meist nicht profitieren. Das Risiko besteht darin, dass viele auf eine Erklärung verzichten, obwohl sie ihnen finanziell nützen würde – einfach, weil sie glauben, es sei nicht mehr nötig.
WOCHENBLATT: Automatisierung heißt auch mehr Datenverarbeitung. Wie steht der Berufsstand zum Thema Datenschutz?
Fritz Güntzler: Datenschutz ist für uns ein zentrales Thema. Wenn persönliche Daten automatisiert verarbeitet werden, muss absolute Transparenz gewährleistet sein: Welche Daten wurden herangezogen? Wie wurde die Steuer berechnet? Wer hat Zugriff? Und wie kann ich als Bürgerin oder Bürger Fehler korrigieren lassen? Ohne diese Fragen sauber zu klären, darf ein solcher Schritt aus unserer Sicht nicht umgesetzt werden. Es braucht klare gesetzliche Regeln und eine Technik, die höchsten Sicherheitsstandards genügt. Für den steuerberatenden Berufsstand sind digitale Ökosysteme die höchsten Anforderungen an den Datenschutz genügen bereits seit mehreren Jahren der Alltag.
WOCHENBLATT: Was würde ein solches System für den steuerberatenden Berufsstand bedeuten? Würden Steuerberater künftig weniger gebraucht?
Fritz Güntzler: Der Berufsstand hat sich immer und wird sich auch zukünftig weiterentwickeln. Steuerberaterinnen und Steuerberater sind längst keine reinen „Formularausfüller“ mehr. Wenn einfache Fälle digital abgewickelt werden, verschiebt sich unser Schwerpunkt auf komplexe Lebenssituationen, strategische Beratung, Unternehmensgründungen oder steuerliche Vorsorge. Die Nachfrage wird also nicht verschwinden – sie wird anspruchsvoller. Und das ist eine positive Entwicklung, auf die sich der Berufsstand bereits vorbereitet.
WOCHENBLATT: Wenn morgen ein solches System eingeführt würde – was müsste aus Ihrer Sicht vorher geregelt sein?
Fritz Güntzler: Mehreres. Erstens brauchen wir Transparenz bei den Daten, wo kommen diese her, wie verlässlich sind diese und wer haftet für Fehler. Zweitens muss klar sein, dass Bürgerinnen und Bürger weiterhin das Recht auf eine eigene Steuererklärung haben – und gut darüber informiert werden, wann sich eine solche lohnt. Drittens braucht es Schutzmechanismen für ältere Menschen, Menschen mit Sprachbarrieren oder geringer Digitalkompetenz. Und viertens muss die technische Infrastruktur absolut verlässlich und sicher sein. Digitalisierung darf nicht zu Digitalfrust führen.
WOCHENBLATT: Länder wie Estland oder Schweden zeigen, dass automatisierte Steuerverfahren funktionieren können. Was können wir von ihnen lernen?
Fritz Güntzler: Wir können vor allem lernen, wie wichtig Vertrauen und Benutzerfreundlichkeit sind. In Ländern wie Estland oder Schweden wurde die Digitalisierung über viele Jahre aufgebaut, begleitet von klarer Kommunikation und einfacher Nutzbarkeit. Gleichzeitig bleibt dort das System offen für Korrekturen oder Ergänzungen. Der Schlüssel liegt also nicht im „Alles oder Nichts“, sondern in einer smarten Kombination aus Automatisierung und individuellem Handlungsspielraum.
WOCHENBLATT: Und abschließend: Was raten Sie den Menschen, die derzeit unsicher sind, ob sie für 2024 eine Steuererklärung abgeben sollen – gerade mit Blick auf die Frist zum 31. Juli?
Fritz Güntzler: Ich rate ganz klar: Lassen Sie prüfen, ob sich eine Steuererklärung für Sie lohnt. In vielen Fällen bedeutet das bares Geld. Wer sich unsicher ist, kann sich durch eine Steuerberaterin oder einen Steuerberater im Rahmen einer Erstberatung beraten lassen. Und keine Sorge: Wer sich beraten lässt, hat automatisch mehr Zeit – die Frist verlängert sich dann bis Ende April 2026. Diese Chance sollten Sie nutzen.
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