Viel Platz - wenig Leben
Stader "Ankerplatz" aus Urlauberperspektive: Langeweile, so weit das Auge reicht
- Der Stader Ankerplatz an einem späten Julinachmittag
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Stade hat für Touristen einiges zu bieten: Fachwerk, Fischmarkt, Hansehafen, Schwedenspeicher - und eine halbwegs attraktive Fußgängerzone. Mancher Urlauber landet bei seiner Tour durch die Altstadt auf dem Platz Am Sande - dem sogenannten „Ankerplatz“.
Der Name verspricht Hafenromantik. Möwengeschrei, frische Brise, vielleicht ein Getränk in der Sonne und ein Ort, an dem man gern vor Anker geht. Tatsächlich bietet sich dem verwunderten Besucher an einem gewöhnlichen Wochentag ein etwas anderes Bild: verschlossene Container, zusammengeklappte Sonnenschirme und einfach nur viel leerer Platz.
Leergut stapelt sich
Die Container werden seit Jahren als Herzstück des Ankerplatzes präsentiert. Havenbüro, Jugendcontainer, „Ankerbar“, Vintagestore – lauter Namen, die nach Betrieb, Begegnung und buntem Treiben klingen. Wer neugierig durch die Scheiben schaut, entdeckt allerdings vor allem Kartons, Umverpackungen und jede Menge Getränkekisten mit leeren Flaschen. Das Leergut stapelt sich teilweise mannshoch. Der kunstinteressierte Tourist könnte darin durchaus eine Installation vermuten. Arbeitstitel: „Nach der Veranstaltung ist vor der Veranstaltung“. Wann die nächste Veranstaltung stattfindet, bleibt allerdings offen.
- Unschöner Anblick: Im Jugendcontainer stapeln sich Kisten mit teuren, pseudo-maritimen Getränken
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Zumindest beim Vintagestore hängt ein Hinweis, dass der Laden Sommerpause hat. Die „Ankerbar“ bleibt ebenfalls verschlossen. Ein Hinweis auf Öffnungszeiten? Fehlanzeige. Auch hier lässt man die Urlauber und potenziellen Barbesucher im Regen stehen. Vielleicht öffnet die Bar nur bei Flut. Oder wenn der Wind günstig steht.
- Das wird nichts mit einem erfrischenden Getränk: Die "Ankerbar" hat geschlossen
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Ende Juli ist noch Juni
Orientierung verspricht die Infotafel. Dort hängt tatsächlich ein Veranstaltungskalender – allerdings vom Juni. Ein Blick aufs Datum bestätigt: Es ist bereits Ende Juli. Vielleicht handelt es sich nicht um Nachlässigkeit, sondern um gelebte Entschleunigung. Während draußen die Wochen hektisch vergehen, stemmt sich der Ankerplatz tapfer gegen den Lauf der Zeit. Andere wechseln Kalenderblätter. Hier bleibt man dem Juni treu.
- Der Veranstaltungskalender hängt einen Monat hinterher
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Auf der Tafel finden sich zudem zahlreiche Ankündigungen. Darunter die Einladung in einen „geschützten, ruhigen Begegnungsraum“ für neurodivergente Menschen und alle, die eine Pause von äußeren Reizen suchen. Die Idee eines reizarmen Treffpunkts ist grundsätzlich begrüßenswert.
Nur stellt sich die Frage, ob die Lage mitten in der Innenstadt, gleich neben dem Zugang zur Tiefgarage, dafür besonders glücklich gewählt ist. Auch Formulierungen wie „Hier darfst du ankommen“, „Bring etwas mit, das dir guttut“ sowie Karten, mit denen Besucher ihre Bereitschaft zum Austausch anzeigen sollen, dürften bei Passanten zusätzliche Fragezeichen hinterlassen.
Gewächshaus ohne Gewächse
Wer den Platz weiter erkundet, stößt auf die „Klimakiste“. Schon der Name macht neugierig. Eine Treppe führt hinauf zu einem gläsernen Aufbau. Dort, so könnte man vermuten, gedeihen Pflanzen unter besonderen Bedingungen. Oben angekommen, eröffnet sich jedoch das reine Nichts: leere Pflanztische, kahle Flächen und viel freie Aussicht. Die Klimakiste demonstriert derzeit sehr anschaulich, wie ein Gewächshaus aussieht, wenn man das Gewächs weglässt.
- Die verblühten Pflanzen könnten langsam mal gestutzt werden. Insektennahrung bieten sie herzlich wenig
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Das passt zum Zustand der Pflanzkisten auf dem Platz. In einigen wächst tatsächlich noch etwas, in anderen ist die Blütezeit schon länger vorüber. Vertrocknete Stängel und braune Blütenstände prägen das Bild. Dabei wirbt gleich nebenan ein Plakat für die „Gartencrew“. „Gemeinsam pflanzen, gießen, jäten und ernten“, heißt es dort. Treffen: dienstags um 17 Uhr. Mitmachen: alle. Nach dem Zustand einiger Kübel drängt sich allerdings die Frage auf, an welchem Dienstag zuletzt gemeinsam gegärtnert wurde. Ein beherzter Griff zur Gartenschere würde bereits helfen. Dafür braucht es weder einen Ideenwettbewerb noch ein Förderprogramm – nur jemanden, der tatsächlich kommt.
Rutschen nur in der Theorie
Dann kommt Bewegung auf den Platz. Zwei Jungen entdecken die große Rutsche und suchen den Zugang. Sie umrunden den Container, schauen hier, prüfen dort – vergeblich. Die Tür zur Treppe ist verschlossen. Auch das ist längst ein Klassiker des Ankerplatzes: eine Rutsche, die hervorragend funktioniert, solange niemand rutschen möchte. Natürlich geht Sicherheit vor. Doch ein verständlicher Hinweis, wann und unter welchen Bedingungen das Spielgerät genutzt werden kann, wäre durchaus hilfreich. So bleibt nur die alte Ankerplatz-Erkenntnis: Die Rutsche führt schnell nach unten – der Weg nach oben aber bleibt geheim.
- Der Platz ist menschenleer
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Umgesetzt wurde nur wenig
Dabei waren die Ambitionen beträchtlich. Das Projekt ging 2019 aus einem Ideenwettbewerb zur Neugestaltung des Platzes Am Sande hervor. Aus der zuvor wenig einladenden Fläche sollte ein kreativer Treffpunkt und Ort der Begegnung werden. Finanziert wurde das Vorhaben mit städtischem Geld, Fördermitteln und weiteren Zuwendungen. Insgesamt ging es um einen mittleren sechsstelligen Betrag. Viele der ursprünglichen Ideen blieben bislang allerdings eher Ankündigung als Alltag. Trotz aller Kritik beschloss der Rat Ende 2025 mit breiter Mehrheit, den Ankerplatz fortzuführen. Die Hoffnung lebt also weiter, dass sich das viel zitierte Potenzial des Platzes doch noch heben lässt. Wahrscheinlich muss nur jemand den passenden Schlüssel zum Container finden.
Ein Platz im Stand-by-Modus
Natürlich gibt es Veranstaltungen auf dem Ankerplatz. Gelegentlich wird die Fläche genutzt, Menschen kommen zusammen, Initiativen stellen etwas auf die Beine. Doch wer außerhalb dieser wenigen Termine zufällig vorbeischaut, erlebt keine lebendige Stadtinsel, sondern überwiegend eine Kulisse im Stand-by-Modus. Das ist besonders schade, weil die Lage ausgezeichnet ist. Die Fläche ist groß, zentral und liegt direkt neben der Fußgängerzone. Sie könnte ein freundlicher Rastplatz sein, ein unkomplizierter Treffpunkt für Familien, Jugendliche, Einheimische und Touristen.
So aber bleibt der "Ankerplatz" ein Ort, der hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Touristen dürften nach ihrem Rundgang jedenfalls eine bleibende Erinnerung mitnehmen: In Stade kann man nicht nur historische Sehenswürdigkeiten bestaunen. Man kann auch erleben, wie Zukunftsvisionen aussehen, wenn sie gerade Pause haben.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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