Archäologen legten in Stade frühmittelalterliche Siedlung frei
Wo die Sachsen gerne wohnten

Sparkassen-Vorstand Wolfgang Schult (stehend, v.li.), Chefarchäologe Dr. Andreas Schäfer und Grabungsleiterin Andrea Finck schauen den beiden Ausgräbern Simon Helmecke (li.) und  John Saecker über die Schulter  Foto: jd
  • Sparkassen-Vorstand Wolfgang Schult (stehend, v.li.), Chefarchäologe Dr. Andreas Schäfer und Grabungsleiterin Andrea Finck schauen den beiden Ausgräbern Simon Helmecke (li.) und John Saecker über die Schulter Foto: jd
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jd. Stade. In Stade lässt es sich gut wohnen: Das sagen sich nicht nur die vielen Häuslebauer im Neubaugebiet Riensförde, auch die alten Sachsen waren wohl dieser Meinung. Jedenfalls müssen sie eine Fläche an der Straße "Klarer Streck" für eine höchst attraktive "Wohngegend" gehalten haben. Dort legten Archäologen eine Siedlung aus dem frühen Mittelalter frei. Die Ausgräber machten sich ans Werk, weil die Sparkasse Stade-Altes Land dort ein Baugebiet plant. Wer an dieser Stelle später sein Haus errichten will, kann sich also sicher sein, dass es schon Vorbewohner gab - vor mehr als 1.000 Jahren. "Wohnen wie die Sachsen", könnte der Verkaufsslogan für die Vermarktung der Grundstücke lauten.

"Das ist einer der wichtigsten Fundplätze dieser Art in ganz Niedersachsen", frohlockt Stades Chefarchäologe Dr. Andreas Schäfer. Seit dem Sommer 2018 ist ein Grabungsteam unter Leitung von Andrea Finck dabei, Teile des rund 5,5 Hektar großen Areals zu untersuchen. Dafür wurde die 40 bis 70 Zentimeter dicke oberste Erdschicht abgetragen. Darunter sicherten Fink und ihre Mitarbeiter bislang rund 1.000 Befunde, die auf eine intensive Besiedlung in der Zeit von 700 bis 900 hinweisen. Anders als besondere Funde wie Waffen, Schmuckstücke oder Münzen sind solche Befunde für den Laien unspektakulär: Es handelt sich meist um Verfärbungen im Boden, die aber den Experten wertvolle Hinweise geben.

Am "Klaren Streck" stießen die Archäologen u.a. auf zahlreiche Pfostenlöcher. "An diesen Stellen standen Wohnhäuser, die in der damaligen Pfostenbauweise errichtet wurden und mit Flechtwerk verkleidet waren", erläutert Finck. Sieben dieser Hausgrundrisse konnte sie inzwischen kartieren. Auch drei Grubenhäuser wurden bisher entdeckt. Diese in die Erde eingelassenen Hütten dienten als Werkstätten, wie die Funde von Resten einer Spindel und von Webgewichten belegen. Über die Nutzung der großen Pfostenhäuser - ob als Wohnhaus oder als Stall - soll noch eine Phosphatuntersuchung Aufschluss geben.

Weiteres Fundmaterial wie etwa ein Messer und eine Lanzenspitze befindet sich derzeit bei den Restauratoren. "Archäologische Stätten mit einer solchen Befunddichte sind sehr selten im Elbe-Weser-Dreieck", unterstreicht Schäfer die Bedeutung dieser Siedlung, die auch im Hochmittelalter noch einmal bewohnt war. Besonders hervorzuheben seien zwei ungewöhnliche Funde von Keramikimporten aus der Eifel und dem Kölner Raum. "Diese Importfunde sind selten und unterstreichen die wichtige Bedeutung der Siedlung im Zusammenhang mit der nur etwa zwei Kilometer Luftlinie entfernten Schwedenschanze", erklärt der Archäologe.

Bei der Schwedenschwanze, deren Errichtung in das letzte Drittel des 7.
Jahrhunderts datiert wird, handelt es sich um einen Burgwall, der offenbar im frühen Mittelalter ein bedeutendes sächsisches Herrschaftszentrum war. Es glich seinerzeit einer Sensation, als Schäfer vor ein paar Jahren aufgrund der Ausgrabungen zu dem Ergebnis kam, dass es sich bei dieser Wallanlage um die älteste bekannte mittelalterliche Burg zwischen Rhein und Elbe handelt.

"In der Umgebung der Schwedenschanze gibt es ein dichtes Netz an Fundstellen aus dem frühen Mittelalter", sagt Schäfer. Dazu zähle auch die jetzt freigelegte Siedlung. All das lasse auf die damalige herausragende Bedeutung dieses Gebietes schließen. Wer mehr darüber erfahren will, kann es später genau nachlesen: Schäfer plant, ein Buch über die Schwedenschanze und den jetzigen Fundplatz zu veröffentlichen.

Schäfer lobt Kooperation mit Sparkasse
Bevor ein Baugebiet erschlossen wird und mögliche Bodenfunde unwiderruflich vernichtet werden, haben Archäologen das Recht, ein solches Gelände zu untersuchen. Oftmals nehmen Bauherren das nur zähneknirschend hin und verhalten sich nicht kooperativ. In diesem Fall ist das anders: "Die Zusammenarbeit mit der Sparkasse Stade-Altes Land verlief reibungslos", hebt Stadtarchäologe Dr. Andreas Schäfer hervor. Ohne jeglichen Zeitdruck habe man das Gelände gründlich untersuchen können. Sparkassen-Vorstand Wolfgang Schult äußerte sich beim Ortstermin auf der Grabungsfläche ähnlich: "Wir freuen uns, dazu beizutragen, die frühen Jahre der Stader Geschichte ein wenig aufzuhellen.

Die Sparkasse plant, über ihren Bauträger IDB auf der Fläche ein Baugebiet zu schaffen, das rund 30 Einfamilienhäusern und 14 Stadtvillen Platz bietet. Die Grundstücke für die Einzelhäuser sollen etwa 600 bis 800 Quadratmeter groß sein. Laut Schult können konkrete Angaben aber erst gemacht werden, wenn ein Bebauungsplan erstellt wird. Die Bauplätze sollen ab dem kommenden Jahr verkauft werden.

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