Erster Kreisrat liest aus dem Neuen Testament
Wenn die Nacht leise wird: Bibellesungen in der Stader St.-Cosmae-Kirche
- Der Erste Kreisrat Thorsten Heinze liest noch bis Mitte Mai aus der Bibel vor. Er freut sich über möglichst viele Zuhörerinnen und Zuhörer
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Zu später Stunde in der Stader Altstadt. Die Gassen sind fast leer, die Geräusche des Tages längst verklungen. Nur vereinzelt huschen Gestalten durch die Dunkelheit – zielstrebig, beinahe lautlos. Ihr Ziel: die St.-Cosmae-Kirche.
Die schwere Tür öffnet sich, gedämpftes Licht fällt ins Innere. Keine große Beleuchtung, kein grelles Strahlen – stattdessen ein vorsichtiges Erwachen des Raumes. Im Chor, dort wo der Altar steht, werden Kerzen entzündet. Ihr warmes Licht beginnt zu flackern, spiegelt sich an den Wänden des Kirchenschiffs, lässt Schatten tanzen und verleiht dem hohen Raum eine fast intime Atmosphäre.
Rund um einen schlichten Couchtisch sind Sessel angeordnet. Die Besucher nehmen Platz, rücken ein wenig zusammen. Der Chorraum wirkt in diesem Moment fast wie ein Wohnzimmer – nur dass die Wände hier nicht von Regalen oder Bildern gesäumt sind, sondern von jahrhundertealter Architektur. Hinter ihnen erhebt sich der imposante Altar: reich verziert und flankiert von gedrehten Säulen und kunstvollen Figuren. Engel scheinen aus dem Werk hervorzutreten, blicken herab auf die kleine Runde.
Eine halbe Stunde zuhören
An einem Pult steht Thorsten Heinze. Der Erste Kreisrat des Landkreises Stade ist an diesem Abend nicht als Vize-Verwaltungschef hier, sondern ganz privat - als Vorleser. Sozusagen als jemand, der Worte hörbar macht. Seit dem Dienstag nach Ostern und noch bis zum Mittwoch vor Christi Himmelfahrt (13. Mai) liest er hier jeweils dienstags, mittwochs und donnerstags um 22.15 Uhr für rund eine halbe Stunde aus dem Neuen Testament. „In diesem Zeitraum schaffe ich alle vier Evangelien“, sagt Heinze.
Zuhören und Innehalten
Sein Ansatz ist einfach – und zugleich ungewöhnlich: Die Bibel als „Live-Hörbuch“. „Die Menschen finden heute kaum noch Zeit, selbst zu lesen“, so Heinze. „Das gilt für die Bibel genauso wie für andere Bücher. Über das Zuhören eröffnet sich ein anderer Zugang.“ Und dieser Zugang hat in der Cosmae-Kirche eine ganz eigene Qualität. Im Sessel sitzend, bei flackerndem Kerzenschein, entfalten die vertrauten Texte eine neue Wirkung. Es ist ein Moment des Innehaltens am Ende des Tages. „Das Tagwerk ist vollbracht“, sagt Heinze. „Und vielleicht fndet man zu später Stunde die Muße, sich noch einmal mit spirituellen Dingen zu beschäftigen.“
- Die Lesungen finden im Chorraum der Stader St.-Cosmae-Kirche statt.
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Texte sind wie "gute alte Bekannte"
Die Geschichten aus den Evangelien sind vielen bekannt – zumindest in ihren Grundzügen. Doch gerade im Zuhören, in der Ruhe, zeigen sich oft neue Facetten. „Man entdeckt Details, die man vorher überlesen hat“, meint Heinze. Für ihn sind die Texte „wie gute alte Bekannte, die man ab und zu wiedersieht“. Dabei setzt die Reihe bewusst keine Verpflichtung voraus. Niemand muss von Anfang an dabei sein oder jeden Termin wahrnehmen. „Viele Texte stehen für sich“, so Heinze. „Es lohnt sich auch, nur einzelne Passagen zu hören.“
Das Neue Testament in 40 Tagen
Dass dieses ungewöhnliche Format möglich ist, dafür ist der Vorleser dem Kirchenvorstand dankbar. „Es ist ein Experiment – und ich freue mich, dass man sich darauf eingelassen hat.“ Ganz neu ist die Idee für ihn allerdings nicht. Bereits 2018 hat Heinze in seiner früheren Kirchengemeinde in Scharnebeck eine ähnliche Lesung durchgeführt. Damals ging er noch weiter: In 40 Tagen las er das gesamte Neue Testament – an sieben Tagen pro Woche. Anlass war die Neuausgabe der Lutherbibel, die sich wieder stärker an der ursprünglichen Textfassung des Reformators orientiert.
In Stade nun ist es eine ruhigere, konzentriertere Form der Bibellesung. Zwischen Ostern und Himmelfahrt, vom 7. April bis 13. Mai, entsteht Abend für Abend ein besonderer Raum: ein Ort zwischen Alltag und Nacht, zwischen Wort und Stille. Jeweils mittwochs ist zudem einer der Cosmae-Pastoren anwesend und steht für Gespräche oder seelsorgerische Anliegen bereit.
Wenn die Lesung endet, verlischt nach und nach das Kerzenlicht. Die Zuhörer stehen auf, treten hinaus in die Nacht. Draußen ist es still wie zuvor. Doch wer hier war, nimmt etwas mit – vielleicht einen Gedanken, ein Bild, ein Wort. Oder einfach einen Moment der Ruhe, der im Alltag oft keinen Platz mehr findet.
Lesereihe in der St.-Cosmae-Kirche
In der Zeit zwischen Ostern und Himmelfahrt, vom 7. April bis 13. Mai, findet in der St.-Cosmae-Kirche eine besondere Lesereihe statt. Jeweils dienstags, mittwochs und donnerstags liest Thorsten Heinze ab 22.15 Uhr für etwa eine halbe Stunde Abschnitte aus dem Neuen Testament.
Adresse: Cosmaekirchhof 3, 21682 Stade
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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