Neue Ideen für Mahnorte in Winsen
Wohin mit Krieg und Frieden?

Auf dem südlichen Kirchplatz der St.-Marien-Kirche steht ein Denkmal, das zu Diskussionen anregte | Foto: Anika Werner
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Wie soll eine Stadt an Krieg und Frieden erinnern? In Winsen hat der Stadtrat einstimmig beschlossen, zwei weitreichende Projekte zur Erinnerungskultur prüfen zu lassen: die Verlegung eines kaum beachteten Kriegerdenkmals vom Kirchplatz auf den Zentralfriedhof sowie die Errichtung eines neuen Denkmals für Frieden und Freiheit in der Innenstadt.

Anstoß für die Debatte war ein Antrag der Gruppe CDU/FDP. Sie setzt sich für eine zentralere, sichtbare und zeitgemäße Erinnerungskultur ein.
Das WOCHENBLATT berichtete:

CDU und FDP fordern neues Denkmal für Frieden und Freiheit

Dabei geht es zunächst um das Denkmal für die Gefallenen des Deutsch-Französischen Krieges, das am Rande des südlichen Kirchplatzes der St.-Marien-Kirche steht. CDU-Ratsherr Jan Jürgens bezeichnete es als ein „nicht wahrgenommenes Objekt“, das dort „nicht stört“, aber auch kaum beachtet werde. Auf dem Zentralfriedhof an der Lüneburger Straße, in direkter Nachbarschaft zu den Denkmälern für die beiden Weltkriege, sei es seiner Meinung nach besser aufgehoben.

„Es geht nicht nur um Geschichte, sondern auch um die Zukunft“, sagte Jürgens. „Ein entsprechender Frieden, die Möglichkeit, in einer vernünftigen Rechtsordnung freiheitlich miteinander zu leben – auch das muss erinnert werden.“ Da das Denkmal auf einem Grundstück der Kirchengemeinde steht, soll die Verwaltung zunächst die Kosten einer möglichen Verlegung ermitteln, bevor Gespräche mit der Eigentümerin aufgenommen werden.

Noch visionärer sind die Pläne für ein neues Denkmal in der Innenstadt. Es soll ein Ort der Besinnung für alle Generationen werden – ein Platz, der Raum bietet für Ängste, Hoffnungen und Gedanken zu Frieden und Freiheit. Der genaue Standort ist offen, möglich erscheint das Rondell nahe der Innenstadt. Auch in diesem Fall wurde die Verwaltung beauftragt, die Kosten für eine Bürgerbeteiligung zu berechnen, mit der dieser Ort inhaltlich und gestalterisch entwickelt werden soll.

In der Ratssitzung wurde kontrovers über die Vorhaben diskutiert – über historische Verantwortung ebenso wie über kommunale Prioritäten. Claudia Kretschmer, Bürgerin und Rednerin in der Einwohnerfragestunde, stellte die Finanzierung in Frage. Sie verwies auf geplante Kürzungen bei der Frühbetreuung an den Grundschulen, die vor allem Alleinerziehende treffen würden. Angesichts dessen seien über 10.000 Euro für die Versetzung eines Denkmals nur schwer vermittelbar. Als Alternative brachte sie einen „Friedenspaziergang“ ins Spiel, der bestehende Gedenkorte miteinander verbinden könnte – ohne zusätzliche Kosten.

Auch Sabine Lehmbeck (SPD) äußerte Zweifel an der Notwendigkeit der Verlegung. Das Denkmal am Kirchplatz störe niemanden, man könne es stattdessen inhaltlich einbetten und erklären. Christine Glawe regte an, vorhandene Erkenntnisse und Ideen zur Erinnerungskultur zu nutzen, anstatt neue Prozesse mit hohem Kostenaufwand zu starten.

Die CDU/FDP verteidigte den Vorstoß. Fraktionsmitglied Sebastian Trenkner hob hervor, dass viele Jugendliche keinen Bezug mehr zu den bestehenden Denkmälern hätten. „Die Denkmäler sollen eine Mahnung sein, dass solche Kriege nie wieder stattfinden dürfen“, betonte er. Der Jugend fehle oft der emotionale Zugang – nicht zuletzt, weil Frieden für sie selbstverständlich sei. Deshalb brauche es neue Formen des Gedenkens, die alle Generationen einbeziehen. „Wir brauchen Orte, an denen Menschen ihre Ängste darstellen können.“

Dr. Cornell Babendererde begrüßte die Diskussion ausdrücklich. Als Historikerin forderte sie eine stärkere Beteiligung junger Menschen und wandte sich gegen eine Erinnerungskultur, die – wie das betroffene Denkmal – „am Rand steht und nicht stört“. Es gehe nicht um die Deutungshoheit einzelner Gruppen, sondern um eine gemeinschaftliche Auseinandersetzung mit der Geschichte.

Bürgermeister André Wiese mahnte zur Besonnenheit. Die Erinnerungskultur sei ein sensibles Thema, das Sorgfalt und Debatte erfordere. Er erinnerte daran, dass das Denkmal am Kirchplatz seinerzeit durch Spenden erhalten wurde – dennoch sei der Standort schon damals umstritten gewesen. Heute gehe es darum, Erinnerung sichtbar und zugänglich zu gestalten. Wiese unterstrich, dass die Verwaltung derzeit nur beauftragt sei, die Kosten zu ermitteln. Erst auf dieser Grundlage könne der Rat über eine mögliche Umsetzung entscheiden.

Am Ende einigte sich der Rat auf einen einstimmigen Beschluss: Die Verwaltung soll die Kosten für beide Projekte – die Verlegung des Denkmals und die Bürgerbeteiligung für ein neues Friedensdenkmal – ermitteln. Erst danach wird über das weitere Vorgehen entschieden.

Auf dem südlichen Kirchplatz der St.-Marien-Kirche steht ein Denkmal, das zu Diskussionen anregte | Foto: Anika Werner
Hier wird an die gefallenen Krieger des Deutsch-Französischen Krieges erinnert | Foto: Anika Werner
Redakteur:

Anika Werner aus Winsen

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