Mehr Ferien – weniger Handy
Tipps für bewussteren Medienkonsum in Familien

In den Sommerferien gehören Kinder und Jugendliche wieder zum bunten Bild in Innenstädten, Freibädern und auf Spielplätzen – jedenfalls wenn das Wetter mitmacht. Zuhause jedoch geht in vielen Familien der Konflikt um die Medienzeit weiter. Dabei sind die Ferien eine gute Zeit, um andere Medienroutinen auszuprobieren und damit evtl. sogar neue gemeinsame Basis zu schaffen für tragfähige Regeln im bald wieder enger getakteten Arbeits- und Schulalltag.
„Es geht nicht um Verbote, sondern um einen reflektierten Umgang mit Medien“, sagt Matthias Haist vom Medienzentrum des Landkreises Harburg mit Sitz in Seevetal, das für die medienpädagogische Weiterbildung von Fachkräften zuständig ist. Gute Hintergrund-Informationen bspw. zum Thema Cyber-Mobbing oder Mediensucht finden sich dem Experten zufolge z. B. auf der Seite Klicksafe (www.klicksafe.de).

Achtsamkeit statt Panik
Auch Jaroslaw Brawata von der Erziehungsberatung Buchholz empfiehlt, sich mit dem Thema differenziert auseinanderzusetzen und unterschiedliche Lösungen zu suchen, abhängig vom Alter und der aktuellen Belastung des eigenen Kindes. „Bei Jungen zwischen 12 und 16 Jahren gehört exzessiver Medienkonsum über eine bestimmte Zeitspanne hinweg fast zum entwicklungspsychologisch Erwartbaren und damit auch zum normalen Verhalten“.
Sogar Ballerspiele können in einer bestimmten Lebensphase dazu gehören. Sie seien manchmal weniger „giftig“ als Spiele, die Kinder und Jugendliche dazu bringen, immer noch eine Runde zu spielen, etwa weil sie dann bestimmte Abzeichen oder Titel gewinnen oder weil sie Online-Freunde nicht hängen lassen wollen.
Wichtig bei der Einschätzung sei vor allem, ob das Kind Freunde im echten Leben hat, ob es vielleicht eine längere Phase mit wenig Bestätigung von außen hat, vielleicht auch wenig Kontakt innerhalb der Familie. Das könnten Warnzeichen sein, dass hinter dem exzessiven Medienkonsum emotionale Probleme liegen. „Man sollte achtsam sein, aber nicht panisch“, sagt Psychologe Brawata.

Kinder mit ADHS können besonders gefährdet sein
Es gibt Kinder und Jugendliche, die einfach durch ihr Temperament und die besondere Arbeitsweise ihres Gehirns einen starken Hang zu exzessivem Medienkonsum entwickeln. Dazu gehören z. B. Kinder mit Schwierigkeiten im Bereich Aufmerksamkeitssteuerung und Impulskontrolle, wie etwa bei ADHS, sagt der Berliner Psychiater und Mediensucht-Experte Jakob Florack im Online-Webinar der Zeitschrift „Psychologie-Heute“.
Was für alle Eltern gleichermaßen gilt: Sie sollten sich für die digitale Welt ihrer Kinder interessieren, selbst wenn das zu den vielen Pflichten von Eltern eine weitere Aufgabe hinzufügt. „Eltern sollten wissen, was ihre Kinder spielen“, sagt Christian Carstens, Psychotherapeut in Buchholz, auch mit Blick auf die große Spiele-Plattform Roblox. Roblox hat zwar seine Sicherheitsfunktionen nachgebessert, um die Kontaktanbahnung zu Minderjährigen durch erwachsene Nutzer mit sexuellen Absichten zu verhindern. Aber ganz ausschließen lässt sich das Risiko nicht und weiterhin gibt es auf Roblox und bei anderen Spieleanbietern kostenpflichtige so genannte In-App-Käufe sowie teilweise gewalttätige oder sexualisierte Inhalte.

Wer einen Neustart für den Umgang mit Medien in der Familie versuchen will, braucht Zeit, Ruhe und Diskussionsbereitschaft. Denn Leser-Report-Artikel von Swantje Werner (Psychotherapeutin in Buchholz)er Teenager wird irgendwann 18 Jahre alt sein, womöglich nicht mehr bei den Eltern wohnen und sollte dann bestenfalls in der Lage sein, selbst mit der enormen Verführungskraft digitaler Angebote umzugehen, mahnt Psychiater Florack. Am Ende eines solchen Gesprächs auf Augenhöhe sollten klare Absprachen stehen, die sich überprüfen, aber auch nachverhandeln lassen. Familien können z. B. erstmal mit einer Verabredung für eine Woche starten und dann schauen, wie gut es geklappt hat und ob die Absprache für den Schulalltag angepasst werden muss. Materialien dazu findet man z. B. unter www.mediennutzungsvertrag.de.

Weitere Infos im Netz:
Internetsuchmaschinen für jüngere Kinder gibt es z. b. unter www.internet-abc.de und Fragfinn.de
Neben www.klicksafe.de finden sich auch unter www.schau-hin.info zahlreiche Hinweise für Eltern, auch z. B. zu heiklen Fragen wie Selbstinszenierung auf Social Media Kanälen.
Eine Aufzeichnung des Gesprächs mit Psychiater Florack findet sich unter https://www.psychologie-heute.de/ph-live/veranstaltung/wenn-mein-kind-nur-noch-zockt.html

Leserreporter:

Swantje Werner aus Buchholz

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