"Kapellenkaffee" lockt viele Gäste
Sonnenschein und selbst gebackener Kuchen: Fröhliches Beisammensein auf Stader Friedhof
- Nette Gespräche bei Kaffee und Kuchen (v.li.): Waltraut Grenz, Marga Mierle, Gisela Kammann und Synja Schneider
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Ein Friedhof ist ein Ort der Stille. Normalerweise jedenfalls. Wer am vergangenen Sonntag über den Stader Horstfriedhof spazierte und an der Kapelle vorbeikam, hörte jedoch Stimmengewirr und herzhaftes Lachen. Das Kapellenkaffee ist zurück – und zeigt, dass Gedenken und Lebensfreude wunderbar nebeneinander Platz haben.
„Wir brauchen noch einen Tisch!“ Kaum steht er draußen, werden auch schon die nächsten Stühle gebraucht. Und wenig später geht es wieder hinein in die Kapelle, um weiteres Mobiliar nach draußen zu tragen. An diesem spätsommerlichen Sonntag will niemand drinnen sitzen. Kein Wunder: Das Thermometer zeigt mehr als 20 Grad, die Sonne strahlt über dem Horstfriedhof. Vor der Kapelle sitzen die Gäste dicht beieinander. Kaffeetassen klappern, Kuchenteller werden weitergereicht, an den Tischen wird geredet und gelacht. Der WOCHENBLATT-Reporter schaut spontan vorbei – und bleibt länger als geplant. Denn hier gibt es reichlich Geschichten zu hören.
Projekt des Fördervereins
Das Kapellenkaffee war im Frühjahr als erstes Projekt des neu gegründeten Fördervereins Horstfriedhof gestartet. Die Idee: Aus der Kapelle, die sonst vor allem mit Abschied und Trauer verbunden wird, soll sonntags für einige Stunden ein Ort der Begegnung werden. Das Konzept ging auf. Kaffee und Kuchen gibt es zum kleinen Preis, der Erlös kommt der Arbeit des Fördervereins zugute.
- Das Organisationsteam zeigt sich zufrieden
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Mit anderen ins Gespräch kommen
Viele Gäste sind im Seniorenalter. Und manche verbindet mit dem Horstfriedhof eine sehr persönliche Geschichte. Ihre Partner oder Angehörigen sind hier begraben. Eine von ihnen ist Synja Schneider. Ihr Mann, der frühere Stader Stadtdirektor Dr. Jürgen Schneider, starb im vergangenen Jahr. Schneider ist bereits zum dritten Mal beim Kapellenkaffee und sitzt in einer angeregten Damenrunde.
„Hier lerne ich nette Menschen kennen, komme mit anderen ins Gespräch und sitze nicht allein zu Hause herum“, sagt sie. Und Gesprächsstoff gibt es reichlich. Wer vermutet, beim Seniorenkaffee werde ausschließlich über das Wetter und den Kuchen gesprochen, irrt gewaltig. Die Damen nehmen sich die ganze Themenpalette vor: vom vielen Dreck in Stade über rücksichtslose E-Scooter-Fahrer bis zur großen Politik. Zwischendurch wird gelacht, widersprochen und weiterdiskutiert.
Der Weg lohnt sich
Gisela Kammann hat für ihren Besuch sogar einen kleinen Sonntagsspaziergang eingelegt. Rund 20 Minuten war sie zu Fuß unterwegs. Von dem Termin hat sie über ihre Kirchengemeinde, die Johanniskirche, erfahren. Jetzt sitzt sie mitten in der Gesprächsrunde und sagt mit voller Überzeugung: „Der Weg hat sich gelohnt.“ Für Marga Mierle ist es der zweite Besuch beim Kapellenkaffee. Ihr Mann und ihr Sohn sind auf dem Horstfriedhof begraben. Doch wer glaubt, Mierle verbringe ihre Tage allein zu Hause, liegt daneben. Ihr Terminkalender ist gut gefüllt: Mal geht es zum Bridge mit Freundinnen, mal zur Gymnastik. Dann wieder trifft sich die Runde zum gemeinsamen Abendessen – reihum ist eine der Frauen Gastgeberin.
Überhaupt sind sich die Damen am Tisch in einem Punkt einig: Wer als älterer Mensch in Stade etwas unternehmen möchte, findet reichlich Möglichkeiten. Man dürfe nur nicht zu Hause sitzen und darauf warten, dass jemand anruft, meint Synja Schneider: „Man muss sich schon selbst aufraffen.“ Genau das hat auch Waltraut Grenz getan. Für sie ist es der erste Besuch beim Kapellenkaffee. Von dem Angebot hat sie beim Seniorencafé des Vereins NiK – Nachbarn im Kopenkamp – erfahren. Nun genießt sie Kaffee, Kuchen und Sonnenschein vor der Kapelle.
- Gemütliches Beisammensein auf dem Platz vor der Kapelle des Stader Horstfriedhofes
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Ein Gedicht über das Glück
Dann wird es auf einmal etwas ruhiger. Annegret Junge hat ein Blatt Papier in der Hand. Die 87-Jährige schreibt selbst Gedichte – und an diesem Nachmittag bekommt die Kaffeerunde eine kleine Kostprobe. Ihr Thema könnte kaum besser passen: Glücklichsein. Sie liest von Sonnenschein und Blumenduft, von Vogelgesang und davon, dass Glück nicht unbedingt mit Besitz und Geld zu tun hat. Die Gespräche verstummen für einige Minuten. Als Annegret Junge endet, gibt es kräftigen Beifall. So wird aus dem Kapellenkaffee kurzerhand auch noch eine kleine Freiluft-Lesung.
Glücklich sein
Endlich Wärme, Duft und Sonnenschein.
Da kann man doch nur
glücklich sein.
Ich sitze im Garten auf der Bank,
erfreue mich an Blumenduft
und Vogelgesang.
Es blühen Maiglöckchen, Flieder,
Gänseblümchen,
nicht geeignet für die Stube.
Ich schließe die Augen, schau in
die Sonne hinein,
und alle Sorgen werden klein.
Doch plötzlich gerät das Glücklichsein
ins Wanken.
Es kommen traurige Gedanken:
auf der Welt?“
Menschen denken nur an Besitz
und Geld.
In den Gedanken sag ich nein.
Heut will ich doch nur
glücklich sein.
- Annegret Junge trägt eines ihrer Gedichte vor
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Dreimal noch geöffnet
Rund 60 Besucher schauten vorbei. Das Team um Organisatorin Hilke Ehlers freut sich über solch einen regen Zuspruch. Gerade für Menschen, die einen Partner verloren haben, kann ein Sonntagnachmittag lang werden. Im Kapellenkaffee müssen sie sich nicht verabreden und niemanden mitbringen. Sie können einfach vorbeikommen. Und Gelegenheit dazu gibt es im September noch dreimal: Das Kapellenkaffee öffnet noch einmal an den übrigen drei Sonntagen im September: 13. September, 20. September sowie 27. September. Das Team freut sich auf bekannte Gesichter ebenso wie auf neue Besucher.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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