Schmale Dorfstraße ohne Fußweg wird zur Lkw-Piste
40-Tonner fahren durch Haddorf: Eltern sorgen sich um ihre Kinder

Die Haddorfer Hauptstraße hat gerade mal die Breite eines besseren Feldwegs. Einen Fußweg gibt es nicht | Foto: jd
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  • Die Haddorfer Hauptstraße hat gerade mal die Breite eines besseren Feldwegs. Einen Fußweg gibt es nicht
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+++ Update: Nach den Anfragen des WOCHENBLATT bei der Hansestadt Stade und beim Unternehmen Gasunie am Montag (20. April) ist Bewegung in die Sache gekommen. Am Dienstag (21. April) wurden bereits mehrere Maßnahmen umgesetzt. Teile des provisorischen Fußweges sind fertig. Der Fußweg wurde durchgängig mit Absperrungen versehen, sodass der Weg jetzt von der Fahrbahn abgetrennt ist und die Kinder einen sicheren Schulweg haben. Ein Teil der Haddorfer Hauptstraße ist jetzt auch mit Tempo-20-Schildern (gilt nur für Lkw) versehen. Zudem gab es klärende Gespräche zwischen Stadt und Gasunie. Auch die Presseanfragen wurden zwischenzeitlich sowohl von Gasunie als auch von der Stadt beantwortet (siehe unten). Der Artikel war zunächst ohne die Stellungnahmen verfasst worden, da diese nicht zum erbetenen Zeitpunkt eingegangen waren. +++

Der provosorische Fußweg ist hergerichtet: Er wurde geschottert und durchgängig mit einer Absperrung versehen | Foto: jd
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An einem anderen Abschnitt der Haddorfer Hauptstraße waren die Arbeiten zur Herrichtung des provisorischen Fußweges am Dienstag noch nciht abgeschlossen | Foto: jd
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Es ist kurz nach 7 Uhr an diesem nasskalten Morgen. Vier Grad zeigt das Thermometer, ein feiner Nieselregen hängt in der Luft und kriecht durch jede Jacke. An der Hauptstraße der Stader Ortschaft Haddorf stehen Eltern mit ihren Kindern. Sie wollen protestieren - trotz des schlechten Wetters. Worum es geht, wird kurz darauf deutlich: Ein großer Lkw nähert sich auf der schmalen Dorfstraße. Die Protestierenden müssen in den matschigen Seitenstreifen ausweichen. Denn die Fahrbahn ist kaum breiter als ein Feldweg - und einen Geh- oder Radweg gibt es nicht. Und das ist aus Elternsicht auch das Problem: Die schweren Sattelzüge gefährden die Schulwegsicherheit der Haddorfer Grundschüler.

Lkw transportieren Schotter
Denn die Haddorfer Hauptstraße, gerade mal drei Meter breit, ist zur Baustellenzufahrt geworden. Seit Tagen rollen dort 40-Tonner entlang und bringen Schotter zur in Bau befindlichen Trasse der Gasleitung ETL 179.200, die später einmal das über den Stader Energiehafen importierte LNG als Erdgas in das deutsche Gasnetz transportieren soll. Der Schotter wird dabei hauptsächlich für das Anlegen der Baustraßen verwendet. An diesem Morgen sind binnen einer halben Stunde bereits sechs Laster unterwegs. 

Protestmarsch der Anwohner entlang der Haddorfer Hauptstraße. Der nächste Lkw nähert sich | Foto: jd
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Maßnahmen wurden zugesagt - aber nicht umgesetzt
"Der Lkw-Verkehr ist auf dieser schmalen Straße einfach gefährlich", sagt eine Mutter. Selbst Pkw müssten in den Seitenraum ausweichen, wenn sie sich begegnen. Wo sei da noch Platz für die Kinder? „Wir verlangen ja gar nicht viel. Aber es hätten zumindest Absperrungen aufgestellt werden, damit die Kinder nicht direkt neben den Lkw laufen müssen.“ Tatsächlich sollen solche Maßnahmen zugesagt worden sein. Anwohner berichten von Gesprächen mit dem Unternehmen Gasunie. Es soll unter anderem vereinbart worden sein, den Seitenstreifen zu schottern und als provisorischen Gehweg nutzbar zu machen – abgesichert durch Baustellenzäune. Auch ein Tempolimit von maximal 20 km/h sei angekündigt worden.

Umgesetzt wurde von den zugesagten Maßnahmen zum Schutz der Schulkinder bisher herzlich wenig. „Ein bisschen Schotter liegt da inzwischen, aber das reicht nicht“, sagt Ortsratsmitglied Karl Kirn. „Ohne Absperrung laufen die Kinder trotzdem direkt neben den Lkw.“ Die örtlichen Politiker und die Eltern fühlen sich hingehalten. Was sie zusätzlich ärgert, ist der Umgang mit ihren Sorgen - seitens der Stadt und seitens des zuständigen Firma, sei es nun Gasunie direkt oder eines der Subunternehmen. 

Hier fließt künftig das Gas vom Stader LNG-Terminal

Fehlen Genehmigungen?
Nach Angaben der Anwohner sollen notwendige Genehmigungen fehlen – für das Schottern, für das Tempolimit auch für die vorgesehenen Absperrungen. Ob Anträge zu spät gestellt wurden oder sich das Genehmigungsverfahren bei der Stadtverwaltung so lange hinauszögert, ist unklar. Zurück bleibt bei den Betroffenen ein Gefühl der Ohnmacht. „Es werden Versprechungen gemacht, aber am Ende passiert nichts“, sagt eine Mutter. „Wir wollen doch nur, dass unsere Kinder sicher zur Schule kommen.“

Über die Haddorfer Hauptstraße sollen in den kommenden drei Monaten rund 2.000 Lkw-Fahrten erfolgen | Foto: jd
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Eltern sprechen von 2.000 Lkw-Fahrten
Dass es hier nicht um eine Überreaktion überbesorgter Helikopter-Eltern geht, machen die Zahlen deutlich: Laut Kirn sollen in den kommenden drei Monaten bis zu 2.000 Lkw-Fahrten über die Haddorfer Hauptstraße abgewickelt werden. Ursprünglich sollen sogar doppelt so viele Fahrten geplant gewesen sein. Ein pragmatischer Lösungsvorschlag in Sachen Schulwegsicherheit kommt von Anwohnerin Babett Sorge. Sie fragt sich: „Warum fahren die Laster vormittags nicht erst nach 8 Uhr und bis kurz vor Mittag ? Dann sind die Kinder in der Schule.“ Ein festes Zeitfenster für die Lkw: Das klingt nicht nach unrealistischer Forderung, sondern nach gesundem Menschenverstand.

Die Anwohner sind verärgert, weil Zusagen offenbar nicht eingehalten wurden | Foto: jd
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Das sagen die Hansestadt Stade und das Unternehmen Gasunie

Sowohl die Stadt als auch Gasunie verweisen auf die im Artikel bereits erwähnten Maßnahmen, die die Situation für Fußgänger – insbesondere für Schulkinder – verbessern sollen. Dazu gehören vor allem eine Geschwindigkeitsbegrenzung von 20 km/h für Lkw, provisorische Gehwege aus Schotter sowie deren Absicherung durch sogenannte Schrankenzäune. Gasunie wird dabei noch konkreter: Demnach soll auf rund 400 Metern Länge zwischen Bockhorner Allee und Bahnübergang ein geschützter Gehstreifen entstehen. Ergänzend sind Verkehrsspiegel an unübersichtlichen Stellen sowie sogenannte Dialogdisplays vorgesehen, die Autofahrer auf ihre Geschwindigkeit hinweisen.

Erste Maßnahmen umgesetzt
Fakt ist aber auch: Die wichtigsten Maßnahmen zur Sicherung des Schulweges wurden bislang noch nicht (vollständig) umgesetzt. Nach Angaben der Stadt ist Gasunie für die praktische Umsetzung  beziehungsweise die von ihr beauftragten Unternehmen verantwortlich. Gasunie-Pressesprecher Dr. Philipp von Bergmann-Korn verweist darauf, dass einzelne Schritte bereits erfolgt sind – etwa erste Aufschotterungen, die Einrichtung eines Tempolimits auf Teilabschnitten sowie der Bau einer Ausweichbucht. Die vollständige Absicherung durch Beschilderung und Schrankenzäune steht jedoch noch aus.

Die Baustelle von Gasunie für die Erdgastrasse nördlich von Haddorf. Hier bringen die Lkw den Schotter hin, um die Baustraße zu befestigen | Foto: jd
  • Die Baustelle von Gasunie für die Erdgastrasse nördlich von Haddorf. Hier bringen die Lkw den Schotter hin, um die Baustraße zu befestigen
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Genehmigungen und "Goodwill"
Als Grund für die Verzögerungen verweisen beide Seiten auf laufende Genehmigungsverfahren. Nach Auskunft von Stades Pressesprecher Stephan Voigt befinden sich die finalen Genehmigungen für den provisorischen Gehweg und dessen Absicherung noch in Bearbeitung. Gasunie bestätigt, dass insbesondere die Genehmigungen für Beschilderung und Schrankenzäune noch ausstehen. Gleichzeitig betont der Unternehmenssprecher, dass es sich bei vielen der geplanten Maßnahmen um freiwillige Zusatzleistungen handelt - von Bergmann-Korn spricht hier von "Goodwill". Die Nutzung der Straße sei durch den Planfeststellungsbeschluss grundsätzlich genehmigt.

Laut Gasunie ist mit etwa 1.800 Fahrten im Zeitraum von April 2026 bis Juli 2027 zu rechnen. Der intensive Baustellenverkehr soll sich laut Unternehmen aber vor allem auf die nächsten zwei bis drei Monate konzentrieren. Die Transporte erfolgen demnach überwiegend tagsüber zwischen 7 und 18 Uhr. Schwere Transporte mit Lkw über 40 Tonnen seien nicht vorgesehen.

Kommentar: Vertrauen entsteht nicht von selbst

Die Gasleitung ETL 179.200 ist ohne Frage ein Infrastrukturprojekt von überregionaler Bedeutung. Energieversorgung, wirtschaftliche Entwicklung, Zukunftssicherung – all das sind legitime und wichtige Ziele. Doch während auf übergeordneter Ebene geplant und entschieden wird, zeigt sich vor Ort eine andere Realität: Hier treffen große Vorhaben auf den Alltag der Menschen.

Und genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob solche Projekte auf Akzeptanz stoßen. Denn Akzeptanz entsteht nicht allein durch Informationsveranstaltungen oder Ankündigungen. Sie entsteht dort, wo Zusagen eingehalten werden, wo Probleme ernst genommen und pragmatisch gelöst werden. Gerade in sensiblen Bereichen – wie der Sicherheit von Schulkindern – erwarten die Menschen, dass nicht nur geplant, sondern auch gehandelt wird.

Dabei lagen konkrete Maßnahmen längst auf der Hand: provisorische Absperrungen, klare Tempolimits oder abgestimmte Fahrzeiten für den Baustellenverkehr. Es sind keine komplexen Großlösungen, sondern kurzfristig umsetzbare Schritte. Umso mehr stellt sich die Frage, warum diese bislang offenbar nicht konsequent umgesetzt wurden.

Für die betroffenen Familien geht es dabei um mehr als eine Baustelle. Es geht um Vertrauen – in Behörden, in Unternehmen und in die Verlässlichkeit von Zusagen.

Redakteur:

Jörg Dammann aus Stade

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