Rückschlag für den Chemiestandort Stade
Dow streicht mehr als 100 Jobs in seinem Stader Werk
- Das Dow-Werk in Stade. Dort sollen 110 Arbeitsplätze abgebaut werden
- Foto: Martin Elsen/nord-luftbilder.de
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Der Chemiekonzern Dow wird in seinem Stader Werk Arbeitsplätze abbauen. Es sind 110 Beschäftigte von den Stellenstreichungen betroffen. Bei insgesamt etwa 1.100 Mitarbeitern am Stader Werk entspricht das einem Stellenabbau von rund zehn Prozent der Belegschaft. Für den Chemie- und Industriestandort Stade ist das keine gute Nachricht. Schließlich gehört das Dow-Werk seit Jahrzehnten zu den wichtigsten industriellen Arbeitgebern im Landkreis. Landrat Kai Seefried spricht von einem "herben Einschnitt" für die betroffenen Beschäftigten. Dennoch zeigt er sich in Hinblick auf die weitere Entwicklung des Stader Chemieparks optimistisch (Seefrieds Statement siehe unten).
Die Maßnahme ist laut Dow Teil eines weltweiten Spar- und Umbauprogramms des US-Konzerns. Unter dem Titel „Transform to Outperform“ will Dow seine Kostenstruktur verschlanken, Prozesse vereinfachen und die Produktivität steigern. Weltweit sollen dabei etwa 4.500 Stellen wegfallen. Das erklärte Ziel: eine kurzfristige Verbesserung des operativen Ergebnisses um mindestens zwei Milliarden US-Dollar.
Schwieriges wirtschaftliches Umfeld
Die Chemiebranche befindet sich seit Jahren in einem schwierigen Umfeld. Hohe Energiepreise, steigende CO₂-Kosten, eine umfangreiche Regulierung sowie schwache Konjunkturaussichten belasten viele Unternehmen. Hinzu kommt der zunehmende Wettbewerbsdruck aus Asien, insbesondere aus China. Dort profitieren viele Hersteller von staatlicher Unterstützung und können ihre Produkte häufig deutlich günstiger anbieten als europäische Wettbewerber. Auch Dow verweist in seiner Stellungnahme auf schwierige Rahmenbedingungen in Europa und Deutschland. Deutschland-Präsidentin Ute Spring nennt insbesondere hohe Energie- und CO₂-Kosten, langsame Genehmigungsprozesse, unzureichende Anti-Dumping-Maßnahmen sowie fehlende Planungssicherheit als zentrale Herausforderungen für die Industrie.
Vor diesem Hintergrund ordnet der Konzern den Stellenabbau in Stade ein. Die Maßnahmen sind nicht isoliert auf den Standort zurückzuführen, sondern Teil eines weltweiten Konzernprogramms. Dennoch zeigen sie, wie groß der Druck inzwischen auch auf traditionsreiche Industriestandorte wie Stade geworden ist.
Rückschlag für die Zukunftspläne des Chemiestandorts?
Der Stellenabbau bei Dow trifft Stade zu einem Zeitpunkt, an dem Politik, Wirtschaft und regionale Akteure intensiv daran arbeiten, den Chemie- und Industriestandort langfristig zu sichern und weiterzuentwickeln. So soll unter Federführung des Landkreises ein seit zwei Jahren laufendes Modellprojekt zur Zukunftssicherung des Chemiestandorts Stade fortgesetzt werden. Ziel ist es, die industrielle Transformation aktiv zu begleiten und neue Perspektiven für die ansässigen Unternehmen zu schaffen. Dabei spielen Themen wie klimafreundliche Produktion, Wasserstoffwirtschaft, Kreislaufwirtschaft und die Ansiedlung neuer Technologien eine wichtige Rolle. Die zentrale Botschaft dieser Initiative, bei sich der ehemalige Dow-Manager Stephan Engel an vorderster Stelle engagiert, lautet: Stade soll auch künftig ein bedeutender Industriestandort in Norddeutschland bleiben.
Vor diesem Hintergrund wirkt die Ankündigung von Dow wie ein Dämpfer. Auch wenn die langfristige Bedeutung des Standorts vom Unternehmen derzeit nicht grundsätzlich infrage gestellt wird, schwächt der Verlust von rund zehn Prozent der Arbeitsplätze die industrielle Basis der Region.
Viele Fragen bleiben zunächst offen
Das WOCHENBLATT hat Dow einen umfangreichen Fragenkatalog zum geplanten Stellenabbau zukommen lassen. Unter anderem wurde nachgefragt, ob bestimmte Produktionsbereiche konkret betroffen sind, ob betriebsbedingte Kündigungen geplant sind, welche Auswirkungen auf die Produktion erwartet werden und wie die langfristigen Perspektiven des Standorts bewertet werden. Zu diesen Punkten machte das Unternehmen bislang keine näheren Angaben. Dow teilte lediglich mit, dass die organisatorischen Veränderungen und deren Auswirkungen nun in Gesprächen mit den Arbeitnehmervertretungen beraten werden sollen. Die Beschäftigten seien am gestrigen Mittwoch (3. Juni) über die Pläne informiert worden.
Der Stader Werkleiter Carl Parnham betonte, man wolle einen sozialverträglichen Umsetzungsplan erarbeiten. Ziel sei es, die betroffenen Mitarbeiter während des gesamten Prozesses zu unterstützen. Ob dies ausschließlich über freiwillige Programme erfolgen kann oder ob weitere Maßnahmen notwendig werden, bleibt derzeit offen.
Landrat: Schlechte Nachricht
„Für die betroffenen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter bedeutet diese Nachricht einen herben Einschnitt“, sagt Landrat Kai Seefried in einer ersten Reaktion. „Ich setze darauf, dass die Dow-Konzernführung gemeinsam mit den Betriebsräten möglichst sozialverträgliche Lösungen findet und Härten vermeidet.“
Die angekündigten Entlassungen seien eine schlechte Nachricht, aber vor dem Hintergrund der sich schon länger abzeichnenden Entwicklung der chemischen Industrie in Deutschland sei eine solche Entwicklung aber leider schon zu befürchten gewesen, sagt Seefried. Die hohen Energiekosten in Deutschland, überbordende Bürokratie und weltfremde Umweltstandards seien eine hohe Belastung für die Industrie. Dennoch sieht er für den Stader Chemiepark eine positive Perspektive mit der Chance auf neue Arbeitsplätze – nicht nur aufgrund zahlreicher ansiedlungswilliger Unternehmen. „Dafür ist es aber dringend notwendig, dass wir die Wettbewerbsbedingungen in Deutschland verbessern“, betont der Landrat.
Stade ist ein starker Wirtschaftsstandort
Trotz schwieriger Rahmenbedingungen zeigt sich Seefried also optimistisch: „In unserem Landkreis kommen die perfekten Bedingungen für einen starken Wirtschaftsstandort zusammen, der auch der chemischen Industrie eine Zukunft bietet.“ Er verweist auf die hohe Kompetenz und hoch qualifizierte Fachkräfte in Industrie, Mittelstand und der Land- und Ernährungswirtschaft mit nationalen wie internationalen Marktführern. Wissenschaft, Forschung und Bildung. Hinzu käme Lage am seeschifftiefen Fahrwasser der Elbe mit einem der Leistungsstärksten Seehäfen Niedersachsen. „Nicht erst mit dem in Rekordzeit fertiggestellten neuen Energiehafen, dem Anleger für verflüssigte Gase und dem Bau des ersten landseitigen Flüssiggasterminal Deutschlands sind wir die Chemie- und Energiedrehscheibe im Norden“, sagt der Landrat. „Der Ausbau der Autobahnen, die Anbindung an ein neuen Wasserstoffkernnetzes die gute Lage in der Metropolregion Hamburg sind Beispiele für die Zukunftsfähigkeit der Region.“
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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