CDU kritisiert Land: Milliardenchance vertan
Zukunftsprojekt zur Kernfusion: Statt Stade erhält Bayern den Zuschlag
- So soll das vom Unternehmen Proxima Fusion geplante Forschungszentrum mitsamt Magnetfusionskraftwerk im bayerischen Grundremmingen aussehen. Als Standort wäre auch Stade infrage gekommen
- Foto: Proxima Fusion
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Pack mas! (bayr.: packen wir's) - CSU-Chef Markus Söder hat eine Chance ergriffen, die von Niedersachsen vertan wurde: Als der bayerische Ministerpräsident kürzlich in Stade war, um den Kommunalwahlkampf im Norden aufzumischen, kam Niedersachsens CDU-Landeschef Sebastian Lechner auf ein Zukunftsprojekt zur Kernfusion zu sprechen, das jetzt in Bayern vorangetrieben wird – und eigentlich in Stade realisiert werden sollte. Lechners Vorwurf an die rot-grüne Landesregierung: Niedersachsen habe sich aus ideologischen Gründen gegen die Kernfusion gestellt. Schon das Wort „Kern“ sei offenbar aus rot-grüner Sicht belastet, weil es auch im Begriff „Kernkraft“ stecke. Dabei läuft die Kernfusion ganz anders ab als die Kernspaltung in Atomkraftwerken.
Es geht um das Unternehmen Proxima Fusion. Das Münchner Start-up will die Magnetfusion so weit entwickeln, dass damit künftig kommerziell Strom erzeugt werden kann. Die Landesregierung bestätigte Gespräche zwischen Proxima, Staatskanzlei und Wissenschaftsministerium. „Im Fokus stand eine Ansiedlung am Standort Stade“, heißt es in einer Antwort auf eine Anfrage der Stader CDU-Landtagsabgeordneten Melanie Reinecke.
Gespräche waren offenbar weit fortgeschritten
Nach WOCHENBLATT-Informationen ging es dabei um weit mehr als ein unverbindliches Abklopfen möglicher Standorte. Eine Art Letter of Intent, also eine Absichtserklärung, soll im Oktober 2025 praktisch unterschriftsreif gewesen sein. Als möglicher Standort soll das Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks Stade im Gespräch gewesen sein. Die Voraussetzungen schienen günstig: Stade entwickelt sich zur Energiedrehscheibe – mit entsprechender Infrastruktur.
Doch die Vereinbarung kam nicht zustande. Auf niedersächsischer Seite sei die entscheidende politische bzw. finanzielle Zusage ausgeblieben, so die Kritiker. Die Staatskanzlei hält dagegen, Proxima Fusion habe im Rahmen einer geplanten Ansiedlung mehrere Standorte in Deutschland in den Blick genommen, darunter Stade. Letztlich sei es eine unternehmerische Entscheidung des Unternehmens zugunsten Bayerns gewesen. Proxima selbst gibt sich zurückhaltend. "Im Zuge unserer Standortüberlegungen für unser erstes Fusionskraftwerk haben wir uns verschiedene Optionen in Deutschland und Europa angesehen – darunter auch Stade", so eine Firmensprecherin.
Bayern macht Nägel mit Köpfen
In der Heimat des Bayern-Regenten Söder hat man sich mit Proxima, RWE sowie dem Max-Planck-Institut für Plasmaphysik inzwischen auf einen konkreten Fahrplan verständigt. In Garching soll der Forschungs- und Demonstrationsstellarator „Alpha“ entstehen. Anschließend ist auf dem Gelände des ehemaligen Kernkraftwerks Gundremmingen das kommerzielle Fusionskraftwerk „Stellaris“ vorgesehen.
Allein beim „Alpha“-Projekt geht es laut Söder um rund zwei Milliarden Euro. Bayern begleitet die Magnetfusionsforschung mit bis zu 400 Millionen Euro. Proxima plant zudem mit privaten Investoren eine Magnetfabrik mit bis zu 1.000 Beschäftigten. Für die Bauphasen von Alpha und Stellaris werden mehrere tausend Arbeitsplätze sowie ein erheblicher Auftrags- und Investitionsschub für Zulieferer erwartet.
Lechner: rot-grüne Bedenken und Ausreden
Lechner jedenfalls ist stinksauer: „Während Bayern investiert und Fakten schafft, produziert die rot-grüne Landesregierung Bedenken und Ausreden.“ Stade hätte die Chance auf eine Milliardeninvestition und einen Kernfusionsstandort von internationaler Bedeutung gehabt. "Dass dieses Zukunftsprojekt nun in Bayern verwirklicht wird, ist für Stade und die gesamte Region ein herber Verlust", sagt der CDU-Landeschef. Es gebe "ernst zu nehmende Hinweise", dass die rot-grüne Landesregierung eine gehörige Portion Schuld daran habe. Diesen Vorwurf kann bzw. will die Proxima-Sprecherin nicht bestätigen: "Die Zusammenarbeit mit der Landesregierung von Niedersachsen war und ist vertrauensvoll und kooperativ."
- Das Gelände des ehemaligen AKW Stade soll als Fläche für die Proxima-Ansiedlung im Gespräch gewesen sein. Im Hintergrund befindet sich der Stader Seehafen. Das Luftbild zeigt die Situation im Herbst 2025
- Foto: Martin Elsen/nord-luftbilder.de
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Reinecke spricht von „Katastrophe“
Reinecke will der Sache trotzdem weiter auf den Grund gehen. Sie ist davon überzeugt, dass das Proxima-Projekt die Ansiedlung weiterer Unternehmen - etwa aus der Magnetfertigung - nach sich gezogen hätte. Die CDU-Parlamentarierin spricht von einer "Katastrophe für Stade". Nach den nichtssagenden Antworten der Landesregierung auf die Reinecke-Anfrage und weiterem Hinhalten fordert der Wissenschaftsausschuss des Landtags auf CDU‑Initiative Akteneinsicht – per offiziellem Beschluss. Ende August sollte alles auf den Tisch kommen. Jetzt ziehe sich das Ganze wohl bis zum Jahresende hin, weil das Land die Unterlagen erst aufbereiten müsse, so Reineckre. Für sie ist das „ganz klar eine Verzögerungstaktik“.
Auch Stades CDU-Bürgermeisterkandidat Arne Kramer zeigt sich fassungslos: „Ich finde es schlichtweg fatal, wenn eine solche Zukunftsinvestition durch politische Vorbehalte ausgebremst wird.“ Ob tatsächlich ideologische Scheuklappen im Spiel waren, werden womöglich erst die angeforderten Akten endgültig klären.
Was ist Kernfusion?
Bei der Kernfusion werden leichte Atomkerne miteinander verschmolzen. Dabei wird sehr viel Energie frei. Das Verfahren unterscheidet sich grundlegend von heutigen Atomkraftwerken, in denen schwere Atomkerne gespalten werden.
Proxima setzt auf Magnetfusion in einem sogenannten Stellarator. Extrem heißes Plasma wird dabei durch starke Magnetfelder eingeschlossen. Der Demonstrator „Alpha“ soll zentrale Technologien erproben und eine positive Energiebilanz des Plasmas erreichen.
Anders als bei der Kernspaltung gibt es keine sich selbst erhaltende Kettenreaktion. Fallen die nötigen Bedingungen weg, stoppt die Fusion. Zudem entstehen keine langlebigen radioaktiven Spaltprodukte wie in herkömmlichen Kernkraftwerken. Völlig ohne radioaktive Materialien und aktivierte Bauteile kommt allerdings auch die Fusion nicht aus.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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