Diskussion um Schulentwicklungsplan
"Das ist nur eine Arbeitsgrundlage"

Gerade erst veröffentlicht, sorgt der Schulentwicklungsplan für Schlagzeilen - im positiven und negativen Sinn
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  • Gerade erst veröffentlicht, sorgt der Schulentwicklungsplan für Schlagzeilen - im positiven und negativen Sinn
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Selten hat eine Ausarbeitung bereits unmittelbar nach ihrer ersten Vorstellung für eine so kontroverse Diskussion gesorgt wie der Schulentwicklungsplan von Wolf Krämer-Mandeau ("biregio"). Das Bonner Büro berät Politik und Verwaltung bei der Planung von Schulen, Kindertagesstätten und Sportstätten. Während die einen in dem Papier eine Chance sehen (etwa eine gemeinsame Gesamtschule für Hanstedt und Jesteburg), fürchten andere das Aus für ihren Standort (beispielsweise die Oberschule Seevetal).
Für André Bock (CDU) geht die Diskussion auch schon viel zu weit. Für den Vorsitzenden des Kreisschulausschusses ist der Plan nur eine Arbeitsgrundlage. Wichtige Aspekte - etwa Inklusion - würden nicht berücksichtigt. Zudem zweifelt Bock im WOCHENBLATT-Interview die Seriosität des vom Landkreis beauftragten Gutachters an.

(mum). Stehen die Oberschulen vor dem Aus? Wird es weitere Gesamtschulen geben? Der kürzlich vorgestellte Schulentwicklungsplan wirft viele Fragen auf (das WOCHENBLATT berichtete). WOCHENBLATT-Redakteur Sascha Mummenhoff sprach mit André Bock (CDU) über das Thema. Der Landtagsabgeordnete ist zugleich Vorsitzender des Kreisschulausschusses.

WOCHENBLATT: Der Schulentwicklungsplan wurde ausführlich diskutiert. Doch wie aussagekräftig ist er?
André Bock: Der Schulentwicklungsplan ist zunächst eine auf Daten basierende Analyse, die die aktuelle Situation erfasst und mit Blick auf die Zukunft gewisse Annahmen enthält. Für mich ist das eine Arbeitsgrundlage, um Schulentwicklung im Landkreis zu planen. Von einem fertigen Plan kann also nicht gesprochen werden. Außerdem geht das Gutachten von den reinen Schüler- und Bevölkerungszahlen aus. Wichtige Bausteine, wie der weitere Ausbau der Inklusion und damit verbundene Entwicklungen, ebenso wie das Thema digitale Bildung und vernetztes Lernen und die damit entstehenden Auswirkungen sind in den Vorschlägen offenbar gar nicht berücksichtigt. Eine grobe Nachlässigkeit, wie ich finde.

WOCHENBLATT:
Stark vereinfacht bedeutet das Fazit von Wolf Krämer-Mandeau, dass Oberschulen von den Eltern und Schülern nicht gewünscht werden. Sehen Sie das auch so?
Bock: Dass Oberschulen nicht gewünscht werden, kann ich so nicht bestätigen. Dort wird gute und wertvolle pädagogische Arbeit geleistet. Landesweit ist aber festzustellen, dass wir hohe Zugänge an den Gymnasien haben und die Zahlen an den Oberschulen zurückgehen. Nach meiner Einschätzung liegt das aber nicht an einem schlechten Schulmodell "Oberschule", sondern am gesellschaftlichen Anspruch vieler Eltern, mein Kind muss Abitur haben. Dabei ist Abi und Studium bei Weitem kein Gütesiegel für eine tolle Karriere. Ich halte nichts davon, die Oberschule nun vor dem Hintergrund des Gutachtens schlechtzureden.

WOCHENBLATT:
Wie bewerten Sie den Vorschlag von Krämer-Mandeau, vier weitere Gesamtschulen einzurichten (Neu-Wulmstorf/Rosengarten, Tostedt, Jesteburg/Hanstedt und in der Elbmarsch)?
Bock: Ich bin nicht davon überzeugt, dass es mit einer Umsetzung der Vorschläge getan ist. Gesamtschulen sind kein Allheilmittel für die aufgezeigten Probleme in anderen Schulzweigen. Wenn die Vorschläge neue Gesamtschulen als Lösung aller Probleme anpreisen, wird etwa ausgeblendet, dass gerade Gesamtschulen beim Thema Inklusion den Oberschulen nachstehen. Was aber würde bei der Umwandlung mit den vielen Inklusionskindern passieren? Hierauf bieten die Vorschläge von Krämer-Mandeau keine Antworten.

WOCHENBLATT: Mit Olaf Muus und Hans-Heinrich Höper sind bereits die ersten Verwaltungschefs mit konkreten Wünschen an die Öffentlichkeit gegangen. War das der richtige Weg?
Bock: Natürlich ist es gut, wenn die beiden Bürgermeister sich ebenfalls konkrete Gedanken um die Schulstandorte in ihren Gemeinden machen, auch wenn die Gemeinden gar nicht Schulträger sind. Ich fand diesen Vorstoß zum jetzigen Zeitpunkt aber sehr unglücklich. Zumal der Landkreis als Schulträger bisher überhaupt keine Festlegungen und Schlüsse aus dem Gutachten gefasst hat. Mit solchen öffentlichen Äußerungen verunsichert man zunächst nur die vor Ort Handelnden, wie Schulleitungen, Lehrerkollegium, Eltern.

WOCHENBLATT:
Die beiden Verwaltungschefs schlagen vor, die Oberschulen in Jesteburg und Hanstedt zu einer gemeinsamen Gesamtschule zu fusionieren. Eine gute Idee?
Bock: Wir sind noch nicht so weit, um solche weitreichenden Umwälzungen mal eben bis zum Schuljahr 2021 vorzunehmen, so wie es Wunsch der Bürgermeister ist. Dafür gibt es noch zu viel Klärungs- und Gesprächsbedarf. Allerdings kann ich konkret dieser Empfehlung von Krämer-Mandeau auch nicht folgen. Für Hanstedt und Jesteburg müssen andere Lösungen auf den Weg gebracht werden. Ob dies "eine" neue Gesamtschule, neben einer starken Oberschule, oder ein weiteres Gymnasium zur Entlastung von Buchholz sein könnte, ist aber zunächst intern und mit den Handelnden vor Ort zu besprechen.

WOCHENBLATT: Zudem gibt es die Idee, dass auf den Ausbau des Gymnasiums Meckelfeld verzichtet werden könnte. Voraussetzung sei, dass die Oberschule in Stelle gestärkt wird, um Schüler aus Seevetal aufzunehmen und die Räume der Oberschule Meckelfeld so künftig vom Gymnasium genutzt werden könnten. Was halten Sie davon?
Bock: Ich sehe, dass wir trotz der sinkenden Schülerzahlen in Meckelfeld eine pädagogisch gut funktionierende Oberschule mit sehr engagiertem Kollegium haben. Außerdem darf nicht unterschätzt und ausgeblendet werden, dass kleinere Klassen durchaus ein Gewinn sind. Dieser Empfehlung wird nach meiner Einschätzung sicher nicht gefolgt werden, vielmehr sollten wir am zügigen Ausbau des Meckelfelder Gymnasiums festhalten.

WOCHENBLATT:
Die beiden Gymnasien in Buchholz sind mit weit über 1.000 Schülern riesig. Gibt es für Sie eigentlich eine Grenze? Wann ist eine Schule zu groß?
Bock: Zum einen machen die hohen Schülerzahlen deutlich, dass die Gymnasien beliebt sind und dort offenbar gute pädagogische Arbeit geleistet wird. Zum anderen zeigt sich auch hier das gesellschaftliche Problem, dass die Nachfrage nach dem Gymnasium, dem Abitur, immer größer wird, leider nicht immer zu Recht. Mit Blick auf Buchholz ist jetzt schon die Grenze erreicht.

WOCHENBLATT:
Was halten Sie eigentlich von Schuleinzugsbezirken? Etwa bei den Gymnasien?
Bock: Dies könnte auf den ersten Blick eine Lösung sein, löst aber das generelle Problem, dass Gymnasien stark nachgefragt werden, auch nicht. Es muss vielmehr gelingen, die anderen Bildungswege besser zu bewerben, die Stärken der anderen Schulformen deutlicher hervorzuheben und möglichst früh mit beruflicher Orientierung und Aufklärung anzufangen. Vielleicht kann und muss der Schulträger Landkreis die Schulen hier mehr unterstützen.

WOCHENBLATT:
Welches Fazit ziehen Sie aus dem Schulentwicklungsplan?
Bock: Als Fazit kann ich heute zumindest feststellen, dass das Gutachten an sich noch viele Fragen offenlässt. Auch sind mir die möglichen Lösungswege zu kurz und zu einseitig beschrieben. Darüber hinaus bin ich durch Hinweise aus anderen Kommunen mittlerweile skeptisch gegenüber der Qualität des vom Landkreis beauftragten Gutachterbüros geworden. Dem Bonner Büro hängt wohl der Ruf nach, oft mit gleichen Textbausteinen zu arbeiten und immer zu denselben Ergebnissen zu kommen. Ich frage, ob dies auch auf das hiesige Gutachten zutreffen könnte und welche Bedeutung dies für unsere weitere Arbeit hätte. Was die Thematik Schulentwicklung angeht, kann ich noch kein Fazit ziehen, wir stehen erst am Anfang eines Diskussionsprozesses.

WOCHENBLATT:
Wie geht es jetzt mit dem Schulentwicklungsplan weiter?
Bock: Was mögliche Handlungsschritte angeht, stehen wir noch völlig am Anfang. Wir müssen jetzt gemeinsam mit der Verwaltung, den Schulen und den Eltern über die Situation an einzelnen Schulstandorten sprechen und langfristig nachhaltige Lösungen entwickeln. Diese Lösungen müssen sich auch an den Entwicklungszielen der einzelnen Kommunen orientieren. Hierzu bedarf es daher einer engen Abstimmung zwischen dem Landkreis und den Gemeinden.

WOCHENBLATT:
Danke für das Gespräch.

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