Schulsammlung wird Ausstellung am Kiekeberg
Von Federkiel und Rechenschieber
- Christine Strüfing, ehemalige Schulleiterin, hat ihre Sammlung dem Freilichtmuseum am Kiekeberg übergeben, das mit ihr die Ausstellung „Von Federkiel und Rechenschieber – Entwicklung des ländlichen Schulwesens“ plant – zu sehen vom 8.11.2025 bis 17.8.2026.
- Foto: FLMK
- hochgeladen von Freilichtmuseum am Kiekeberg
Wie wurde um 1900 unterrichtet – und wie heute? Im Freilichtmuseum am Kiekeberg entsteht derzeit die Sonderausstellung „Von Federkiel und Rechenschieber – Entwicklung des ländlichen Schulwesens“. Sie zeigt ab Samstag, dem 8. November 2025, bis zum 17. August 2026, wie sich Schule auf dem Land über zwei Jahrhunderte gewandelt hat. Grundlage dafür ist die über 60 Jahre aufgebaute Privatsammlung der ehemaligen Schulleiterin Christine Strüfing. Die meisten ihrer Objekte überließ sie dem Freilichtmuseum am Kiekeberg. Weitere Informationen finden sich unter kiekeberg-museum.de.
Sammlung mit biografischem Kern
„Bezugspunkt war meine eigene Kindheit und Schulzeit und die entsprechenden Schulutensilien – das hat mein Interesse geweckt. Eine Tafel und ein Griffelkasten waren der Start für meine Sammelleidenschaft und die begann schon im Jugendalter, mit etwa 15 Jahren“, erzählte Christine Strüfing. Über ihre Zeit als Lehrerin sagte sie: „Alle Dorfschulkinder waren für mich wie eine große Familie. Ich wusste immer: mein Herz gehört der Dorfschule.“ In sechs Jahrzehnten wuchs die Sammlung auf über tausend Exponate an: Schulmöbel, Schreibmaterialien, Schulwandbilder, Ranzen, Tierpräparate, Zeugnisse, Lehrpläne, pädagogische Fachliteratur – meist aus der Zeit zwischen 1830 und 1950. Die Sammlung ist eng mit ihrer beruflichen Biografie verknüpft: Christine Strüfing leitete viele Jahre die Grundschule in Felm (Schleswig-Holstein). „Das war mir ein großes Anliegen – das Alte zu bewahren, es nicht zu vergessen, aber auch den Wandel als etwas Wunderbares und Notwendiges zu sehen“, sagte sie über ihre Motivation.
Erste Einblicke gibt die Sammlerin in diesem Video.
Historische Schulstunden zur Vermittlung
Christine Strüfing präsentierte ihre Sammlung lange Zeit im Rahmen historischer Schulstunden im Heimatmuseum Gettorf – in einer von ihr gestalteten Schulstube um 1900. In ihrer Rolle als „Fräulein Lehrerin“ integrierte sie alte Rituale, Kleidung und Lehrmethoden. Sie richtete ihre Angebote an Kinder, Erwachsene, Seniorengruppen, Schulklassen und Menschen mit Einschränkungen.
Die Vermittlung war für sie zentraler Teil ihrer Sammlungstätigkeit: „Ich wollte, dass meine Sammlung lebendig ist. Ich war verkleidet, ich hatte die Inhalte und die Exponate“, sagte Christine Strüfing. Sie betonte, dass sie Rituale wie das Aufstellen in Reihen, das Falten der Hände, das Melden und auch Gebete in ihre historischen Schulstunden einband – um die alten Zeiten zwar nachzuspielen, aber zugleich in die Gegenwart zurückzuholen. An diese Tradition knüpft das Freilichtmuseum am Kiekeberg an: Für Schulklassen der Jahrgänge eins bis sechs wird es museumspädagogische Angebote geben, bei denen die Schülerinnen und Schüler im Rahmen eines Rollenspiels Schule um 1900 erleben. Außerdem sind an verschiedenen Wochenenden offene Mitmachangebote für Familien geplant.
Ein Ort für das Lebenswerk
Nach ersten Gesprächen im Jahr 2020 und einem Besuch im Freilichtmuseum am Kiekeberg entschloss sich Christine Strüfing, große Teile ihrer Sammlung dem Museum zu geben. 2022 und 2023 wurde diese vom Freilichtmuseum am Kiekeberg übernommen. „Eine Sammlung wie diese bringt nicht nur einzigartige Objekte ins Museum, sondern auch Jahrzehnte an Wissen, Geschichten und Erfahrungen. Das ist ein unschätzbarer Gewinn, dem wir gerne eine Zukunft geben“, sagte Museumsdirektor Stefan Zimmermann. Gemeinsam mit dem vorhandenen Bestand von rund 1200 schulgeschichtlichen Gegenständen bildet sie die Grundlage für die kommende Ausstellung. Von Christine Strüfing fließen Erfahrungen, Nachforschungen und ihre biografische Perspektive in die Ausarbeitung ein. „Nun freut es mich, dass sich im Freilichtmuseum junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler des Themas mit viel Begeisterung und Interesse annehmen und meine Sammlung in die geplante Sonderausstellung einfließt. Das ist für mich ein großes Glück“, fasste Christine Strüfing zusammen.
Schulalltag im Wandel – vom Holzranzen zur digitalen Tafel
Die Ausstellung wird etwa 150 aus dem Bestand erwählte Stücke zeigen und greift zentrale Themen des Schulalltags auf – von Einschulung, Unterrichtsfächern und -formen, Schulmöbeln und Wandbildern über Zeugnisse – vom 19. Jahrhundert bis zur Gegenwart. Und sie beschreibt, wie sich das Verhältnis zwischen Lehrkräften und Schülerinnen und Schülern über Generationen hinweg verändert hat.
Ein Baustein der Ausstellung entstand in einem Projekt mit den siebten Klassen der Integrierten Gesamtschule Seevetal, die sich den Fragen widmeten: „Was bedeutet Schule für junge Menschen heute? Und wie stellen sie sich die Bildungseinrichtungen der Zukunft vor?“ Sie setzten sich mit Schulgeschichte auseinander und entwickelten ihre Vorstellung von Schule heute und morgen. Stefan Zimmermann hob hervor, dass das Museum die Zusammenarbeit mit der Schule ganz besonders schätzt. Noch nie zuvor hätten Schülerinnen und Schüler so stark an einer Ausstellung am Kiekeberg mitgewirkt, was zeige, wie wichtig ihre Beteiligung ist.
Carina Meyer, kaufmännische Geschäftsführerin des Freilichtmuseums, sprach ihren Dank den Sponsoren der entstehenden Ausstellung aus, die von der VGH Stiftung, der Stiftung der Sparkasse Harburg-Buxtehude sowie vom Förderverein des Freilichtmuseums unterstützt wird.
Von der Idee zum Ausstellungsplan – ein gemeinsamer Weg
Kuratorin Lea Finzel erklärte: „Von der ersten Idee bis hin zum finalen Konzept steckt ein langer Weg, der für Besuchende oft nicht zu sehen ist. Momentan sind wir in der Umsetzung der gesamten Planung.“ Am Anfang stand die Sichtung der über tausend Schulsachen, die nach und nach digital erfasst wurden. Aus dieser Vielfalt entwickelte das Museum einen ersten Plan: Welche Themen sollen im Mittelpunkt stehen? Was erzählt anschaulich vom Schulalltag und der Rolle der Lehrkräfte? Gestaltung, Auswahl der Objekte und der Ablauf der Ausstellung griffen dabei ineinander – und entwickelten sich im Lauf der Planung gemeinsam weiter. „Jetzt bauen wir Vitrinen, legen die Gestaltung fest und überarbeiten die Texte. Vor allem für mich als Volontärin ist das Projekt eine tolle Möglichkeit, in viele Prozesse hineinzuschnuppern und zu sehen, wie eigene Vorstellungen nun umgesetzt werden“, sagte Lea Finzel. Christine Strüfing brachte ihr Wissen und ihre Erfahrungen aus vielen Jahren als Sammlerin mit ein – und prägte so die inhaltliche Richtung entscheidend mit.
Zu den Themenschwerpunkten der Ausstellung zählen:
- Einschulung Schultüten von 1910 bis heute
- Schulranzen von 1850 bis heute
- Schulstube von 1900 und Klassenzimmer der 2020er-Jahre
- Möbel und Lernmaterialien
- Unterrichtsfächer von 1870 bis heute
- Rolle einer Lehrkraft damals und heute
- Zeugnisse von 1880 bis 2011 und Strafen
- Zukunft der Schule – Projekt mit der Integrierten Gesamtschule Seevetal
Begleitband „Von Federkiel und Rechenschieber“
Zu Ausstellungsbeginn erscheint auch der wissenschaftliche Begleitband „Von Federkiel und Rechenschieber“, der die Themen der Ausstellung vertieft. Die Herausgabe finanziert der Förderverein des Freilichtmuseums.
- Autor:innen: Stefan Zimmermann, Lea Finzel, Chris Stölting, Alexander Kollecker, Arndt-Hinrich Ernst, Katrin Lembke-Schlaaff, Dominik Kloss, Prof. Dr. Sylvia Kesper-Biermann, Prof. Dr. Holger Jahnke, Dr. Eva Zimmer, Prof. Dr. Marc Kleinknecht, Dr. Inge Buggenthin
- Herausgeber: Stefan Zimmermann / Lea Finzel
- Ort und Erscheinungsjahr: Rosengarten-Ehestorf, im November 2025
- Band Nr. 109 der Schriften des Freilichtmuseums am Kiekeberg
- Erhältlich: Ab 8. November 2025 im Museumsladen und Buchhandel
Leserreporter:Freilichtmuseum am Kiekeberg aus Rosengarten |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.