Ruhezeit endet nach 25 Jahren
Stader Begräbnisstätte wird Grünanlage: Stadt entwidmet Friedhof Hohenwedel
- Grabsteine auf dem Friedhof Hohenwedel. Die Steine werden bei der Umgestaltung zu einer Grünanlage abgeräumt
- Foto: Malte Neumann
- hochgeladen von Jörg Dammann
Manchmal dauern politische Entscheidungen recht lange, bis sie umgesetzt werden. Beim Friedhof Hohenwedel in Stade sind es sogar mehr als sechzig Jahre. Was der Rat der Hansestadt Stade im Jahr 1963 beschlossen hat, wird nun vollzogen: Der Friedhof wird mit Wirkung zum 31. März entwidmet. Mit diesem Verwaltungsakt endet ein Stück Stader Stadtgeschichte. Zugleich wird für diesen beschaulichen Ort, der Generationen von Stadern als letzte Ruhestätte diente, ein neues Kapitel aufgeschlagen: Das Friedhofsareal soll zu einer öffentlichen Grünfläche gestaltet werden.
- Das Schild zeigt den Lageplan des Friedhofes. Unter dem Dreck und den Graffiti ist allerdings nichts mehr zu erkennen
- Foto: Malte Neumann
- hochgeladen von Jörg Dammann
Ratsbeschluss aus dem Jahr 1963
Mit Wirkung zum 1. Januar 2000 werde dem Friedhof "die Benutzung für jede weitere Bestattung entzogen", heißt es im Ratsbeschluss vom Oktober 1963. Danach galt für die letzte Bestattung eine 25-jährige Ruhefrist. "Alsdann soll der Friedhof Hohenwedel der Bevölkerung als Grünanlage dienen", entschieden die Ratsmitglieder damals in weiser Voraussicht. Die Ruhefrist ist abgelaufen. Die aktuellen Ratspolitiker setzen jetzt um, was ihre Vor-Vorgänger beschlossen haben: "Bei der Umwandlung des Friedhofs zur Grünanlage werden unter anderem die Grabstätten in würdiger Form aufgelöst." Die Verwaltung schätzt die Kosten dafür auf rund 20.000 Euro.
Kleiner Friedhof am Stadtrand
Der relativ kleine Friedhof am westlichen Stadtrand hätte sich zu einer zentralen Begräbnisstätte der Hansestadt entwickeln können. Dafür sollten nach dem Zweiten Weltkrieg auch zwei entscheidende Weichenstellungen erfolgen: der Bau einer Friedhofskapelle und der Ankauf angrenzender Ländereien zwecks Erweiterung des Friedhofsgeländes. Doch beide Vorhaben scheiterten und wurden nach zahlreichen vergeblichen Anläufen schließlich aufgegeben, wie Dokumente aus dem Stader Stadtarchiv belegen.
- Der Stader Stadtbaumeister weist eindringlich auf die Notwendigkeit einer Friedhofskapelle hin
- Foto: Stadtarchiv Stade (Foto: jd)
- hochgeladen von Jörg Dammann
Leichen in den Wohnungen aufgebahrt
Bereits 1946, in Zeiten höchster Nachkriegsnot, formulierte das Stadtbauamt drastisch, warum der Friedhof dringend eine Kapelle benötigt. In einer „Begründung für die Vordringlichkeit des Bauvorhabens“ heißt es: „Der Friedhof auf dem Hohenwedel hat keine Friedhofskapelle. Bei Todesfällen in dem Wohnbezirk, dem der Friedhof gehört, müssen die Leichen in den Wohnungen aufgebahrt werden. Das ist bei der starken Überbelegung der Wohnungen untragbar.“ Noch deutlicher wurde der Stadtbaumeister ein Jahr später in einem Schreiben an das Kreisbaulenkungsamt: „Es ist jedoch nicht mehr tragbar, dass die Leichen während der warmen Jahreszeit in den überfüllten Wohnräumen aufgebahrt werden.“
- Hier wird beschrieben, dass der Leichenzug mangels eigener Friedhofskapelle durch die halbe Stadt führt
- Foto: Stadtarchiv Stade (Foto: jd)
- hochgeladen von Jörg Dammann
Kirchengemeinde setzt sich für Kapellenbau ein
In den Folgejahren wandte sich die Kirchengemeinde St. Cosmae wiederholt mit der Bitte an die Stadt, eine Kapelle zu errichten. Immer wieder wurde auf die "dringend notwendige Errichtung einer Kapelle" hingewiesen, "die zugleich dem Gottesdienst der Bewohner des sich in der Umgebung rasch entwickelnden neuen Stadtteiles" dienen soll. Dabei gibt man sich bescheiden: Die geplante Kapelle solle schlicht sein, „im Fachwerkbau und mit Strohdach ausgeführt“, mit 104 Sitzplätzen. Die Kosten wurden auf 20.000 DM veranschlagt. Doch trotz aller Anträge, Kostenberechnungen und eindringlichen Bitten geschah nichts. Der Bau wurde nie realisiert. Mehr als zehn Jahre zog sich das Ringen hin.
- In diesem Brief wird darauf hingewiesen, dass eine Friedhofsordnung fehlt
- Foto: Stadtarchiv Stade (Foto: jd)
- hochgeladen von Jörg Dammann
Bauer will kein Land herausrücken
Auch aus dem geplanten Ausbau des Friedhofes wurde nichts. In frühen Stellungnahmen ist noch von einer "auf viele Jahre hinaus in Stufen erfolgenden Friedhofserweiterung“ die Rede. Doch auch hier bremste die Realität die Pläne aus. Für die Erweiterung sollten Ländereien eines benachbarten Landwirtes erworben werden. Dieser jedoch erklärte, er könne das „in unmittelbarer Nähe seines Hofes belegene Ackergrundstück … nicht entbehren“. Zwar bot die Stadt Ersatzflächen an, doch der Bauer und vor allem seine Frau blieben hartnäckig und die Verhandlungen verliefen im Sande. Da es letztlich weder mit der Erweiterung noch mit der Kapelle klappte, entschied der Rat im Jahr 1963 schließlich, den Friedhof perspektivisch aufzugeben.
- Im Jahr 1917 erhält der Friedhof Hohenwedel eine Friehofsordnung
- Foto: Stadtarchiv Stade (Foto: jd)
- hochgeladen von Jörg Dammann
Erinnerung an früheren Bürgermeister
Im Zuge der Umgestaltung des Friedhofes zu einer parkähnlichen Grünfläche werden auch die Grabsteine abgeräumt. Allenfalls künstlerisch oder kulturhistorisch wertvolle Grabsteine sollen nach Auskunft des Ersten Stadtrates Lars Kolk gesichert und gegebenenfalls zum Horstfriedhof gebracht werden, wo bereits andere besondere Grabsteine aufgestellt sind.
Ein Grabstein bleibt aber auf jeden Fall erhalten: Auf dem Friedhof Hohenwedel wurde auch Nicolaus von Borstel (1885–1963) bestattet. Der Sozialdemokrat, der von den Nationalsozialisten wiederholt ins Gefängnis gesteckt wurde, war nach dem Zweiten Weltkrieg eine prägende Persönlichkeit der Stader Kommunalpolitik. Von Borstel amtierte 1946 als Stader Bürgermeister, war später Landrat des Kreises Stade und von 1947 bis 1959 Mitglied des Niedersächsischen Landtages. Von Borstel hatte bereits in der Weimarer Republik politische Ämter inne, wurde aber nach der Machtergreifung der Nazis wegen „politischer Unzuverlässigkeit“ entlassen. Nach Kriegsende übernahm er Verantwortung beim demokratischen Neubeginn.
Sein Grabstein soll nach Angaben der Verwaltung gesichert und gereinigt werden. Geplant ist, den Stein mit einem QR-Code zu versehen. Interessierte können dann digital Informationen über Leben und Wirken des früheren Bürgermeisters abrufen. Auf eine klassische Infotafel will die Stadt verzichten – sie könnte beschädigt oder beschmiert werden.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
|
| Webseite von Jörg Dammann | |
| Jörg Dammann auf Facebook | |
| Jörg Dammann auf Instagram | |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.