Großes WOCHENBLATT-Sommerinterview
Stades Landrat Kai Seefried: Ich übe mein Amt mit Freude aus
- Landrat Kai Seefried (li.) im Gespräch mit WOCHENBLATT-Redaktionsleiter Jörg Dammann
- Foto: Daniel Beneke
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Es ist fast schon eine kleine Tradition: das WOCHENBLATT-Sommerinterview mit unserem Landrat Kai Seefried (CDU). Redaktionsleiter Jörg Dammann traf den Chef der Kreisverwaltung in seinem Büro. Bei dem ausführlichen Gespräch wurde eine breite Palette an Themen angesprochen - von einer Bestandsaufnahme der aktuellen Situation bis hin zu Perspektiven für die Zukunft. Es ging um Politik, Wirtschaft, Finanzen und Bürgerservice.
WOCHENBLATT: Herr Landrat, es herrscht politische Sommerpause. Macht sich das auch in Ihrem Terminkalender bemerkbar und können Sie mal ein wenig durchschnaufen?
Kai Seefried: In der Tat wird es jetzt, während der Sommerferien, terminlich ein wenig ruhiger. Das liegt vor allem daran, dass der Kreistag und seine Gremien üblicherweise während der Schulferien nicht tagen. Zeit zum Durchschnaufen bleibt allerdings nach wie vor wenig, denn es gibt viele aktuelle Themen, die uns beschäftigen. Denken Sie nur an die Debatten um das schwimmende LNG-Terminal und die Zukunft der Chemieindustrie auf Bützflethersand.
"Richtig geärgert habe ich mich, dass sogenannte
'Wolfsfreunde' einen Landwirt in Hagenah – nachdem
ein Wolf seine Rinder attackiert hat – bedrängt
und angefeindet haben."
Kai Seefried
WOCHENBLATT: Wir befinden uns bereits in der zweiten Jahreshälfte. Was fanden Sie – bezogen auf den Landkreis – in den vergangenen sechs Monaten besonders erfreulich – und worüber haben Sie sich so richtig geärgert?
Kai Seefried: Nachhaltig beeindruckt hat mich das Engagement von 40 ehrenamtlichen Einsatzkräften aus den Feuerwehren und Hilfsorganisationen im Landkreis Stade, die über Christi Himmelfahrt einen großen Hilfstransport aus dem Landkreis Stade an die polnisch-ukrainische Grenze gebracht haben. Zehn Fahrzeuge für ukrainische Rettungseinheiten sowie zwei Lkw, voll bepackt überwiegend mit medizinischem Equipment, haben wir dank der Hilfe der Ehrenamtlichen im Rahmen des sechsten großen Hilfstransports ins Kriegsgebiet überführen können. Dass die Hilfsbereitschaft auch dreieinhalb Jahre nach Beginn der russischen Invasion noch so groß ist, erfüllt mich als Landrat mit Stolz. Unsere Einsatzkräfte sind echte Helden!
Richtig geärgert habe ich mich, dass sogenannte „Wolfsfreunde“ einen Landwirt in Hagenah – nachdem ein Wolf seine Rinder attackiert hat – bedrängt und angefeindet haben. Drohnen flogen über seinen Hof, es gab Verleumdungen und Bedrohungen. Hier haben die selbsternannten „Tierrechtler“ definitiv eine Grenze überschritten. Vor allem zeigt dieser erneute Wolfsriss im Landkreis Stade, dass wir endlich ein regional differenziertes Bestandsmanagement benötigen, wie es auch der Kreistag in einer Resolution gefordert hat. Dafür müssen Bund und Land die rechtlichen Rahmenbedingungen schaffen.
"Wir dürfen nicht an unserer Substanz sparen – weder bei
den Schulen noch bei den Kreisstraßen. Wer notwendige
Investitionen in die Infrastruktur unterlässt,schafft auf
die Dauer nur noch größere Probleme."
Kai Seefried
WOCHENBLATT: Der aktuelle Haushalt für den Landkreis Stade weist ein Rekorddefizit auf. Was kann der Landkreis sich überhaupt noch leisten und wie lassen sich da überhaupt noch neue Projekte anschieben?
Kai Seefried: Die finanzielle Lage für die Städte und Gemeinden, aber auch für die Landkreise, ist schwierig wie lange nicht mehr. Wir kalkulieren für das laufende Jahr mit einem Defizit von gut 40 Millionen Euro, das wir glücklicherweise durch Rücklagen aus den vergangenen Jahren kompensieren können. Wir schauen sehr genau auf unsere Ausgaben und agieren sehr sparsam. Eines aber ist klar: Wir dürfen nicht an unserer Substanz sparen – weder bei den Schulen noch bei den Kreisstraßen. Wer notwendige Investitionen in die Infrastruktur unterlässt, schafft auf die Dauer nur noch größere Probleme.
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WOCHENBLATT: Bisweilen wirkt es so, als würde sich die vor allem wirtschaftlich und kulturell starke Region Stade unter Wert verkaufen. Was tun Sie, um das zu ändern?
Kai Seefried: Ich bin fest davon überzeugt: In unserer Region steckt noch so viel mehr. Wir haben ein tolles Potenzial durch die gute wirtschaftliche Struktur mit Industrie, Mittelstand, Landwirtschaft, Wissenschaft und Forschung. Hinzu kommt die hohe Lebensqualität durch die Attraktivität der Region und der reichhaltigen Kulturlandschaft. Was wir meines Erachtens brauchen, ist noch mehr gemeinsames Handeln unter dem Motto „Wir sind der Landkreis Stade“. Wir müssen gemeinsam mit unseren Themen noch präsenter in Hannover, Berlin und auch Brüssel werden. Hier möchte ich gerne ansetzen und die Kräfte im Landkreis bündeln.
WOCHENBLATT: Das Projekt zur Weiterentwicklung des Chemie- und Industriestandortes Stade hat Halbzeit, wie soll es weitergehen? Auch nach den geplanten drei Jahren?
Kai Seefried: Dieses Projekt ist – nicht zuletzt durch die erfolgte Vernetzung von Unternehmen, Belegschaften, Gewerkschaften, Industrieverbänden, Behörden und Politik – für alle Beteiligten ein Gewinn. Wir zeigen damit, dass wir ein hochattraktiver Wirtschaftsstandort sind. Zahlreiche Anfragen zu Neuansiedlungen bestätigen uns auf diesem Wege. Mein Ziel ist es, dieses Projekt weiterzuführen, um den gestarteten Transformationsprozess aktiv zu begleiten. Dazu nehmen wir gerade Gespräche mit dem niedersächsischen Wirtschaftsministerium auf. Meine Botschaft ist klar: In unserem Landkreis kommen die perfekten Bedingungen für einen starken Wirtschaftsstandort zusammen. Wir werden uns im Landkreis Stade als Energiedrehkreuz etablieren – etwa mit dem ersten landseitigen Flüssiggasterminal Deutschlands. Damit leisten wir nicht nur unseren Beitrag für die Energiewende und die nationale Versorgungssicherheit, sondern auch für die Transformation der Industrie hin zur Klimaneutralität.
WOCHENBLATT: Sie haben stolz verkündet, dass sämtliche Leitungspositionen der Ämter im Stader Kreishaus besetzt sind. Das war ja seit Jahren nicht mehr der Fall. Hat das auch einen positiven Effekt für die Bürger?
Kai Seefried: Mit der neuen Struktur der Kreisverwaltung haben wir die Weichen gestellt, um die zentralen Themen unserer Zeit zu gestalten. Wir setzen bewusst Schwerpunkte – zum Beispiel mit einem gewaltigen Sanierungsprogramm für die in den vergangenen Jahren leider stark vernachlässigten Kreisstraßen. Aber auch im Bereich des Küstenschutzes, einer der zentralen Zukunftsfragen für die Region. Über all diesen Überlegungen steht der Anspruch, dass die Kreisverwaltung ein serviceorientierter Dienstleister für die Bürgerinnen und Bürger sein soll.
"Für die Zukunft schwebt mir eine Servicegarantie –
also garantierte Zeitabläufe für die Bearbeitung von
Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern – vor."
Kai Seefried
WOCHENBLATT: Wie weit ist der Landkreis Stade aus Ihrer Sicht auf seinem Weg von einer reinen Behörde zu einem Dienstleister für die Bürger?
Kai Seefried: Wir haben auf diesem Weg schon viel erreicht, sind aber ganz sicher noch nicht am Ende. Wir haben unsere Öffnungszeiten vereinheitlicht, testen im stark frequentierten Amt Straßenverkehr das Online-System Frontdesk und sind gerade dabei, ein modernes System zur Publikumslenkung im Kreishaus einzuführen. Über unser Serviceportal bieten wir viele Dienstleistungen online an, was einen Besuch in den Einrichtungen der Kreisverwaltung oftmals überflüssig macht. Wir haben unsere Kommunikation stark ausgeweitet – mit Präsenzen bei Social Media und einem Newsletter. Im nächsten Jahr wird unsere neue Internetseite online gehen. Auf meine Initiative hin steht eine Ehrenamtskoordinatorin als Ansprechpartnerin für die Ehrenamtlichen aus dem Landkreis Stade zur Verfügung. Für die Zukunft schwebt mir eine Servicegarantie – also garantierte Zeitabläufe für die Bearbeitung von Anfragen von Bürgerinnen und Bürgern – vor.
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WOCHENBLATT: Sie haben bei Ihrer ersten Kandidatur im Jahr 2021 bereits erklärt, dass Sie mehr als eine Amtszeit als Landrat tätig sein wollen. Wie sieht es jetzt nach fast vier Jahren im Amt aus: Haben Sie noch Lust, weiterzumachen?
Kai Seefried: Ich hoffe, dass zu spüren ist, mit wie viel Freude und Leidenschaft ich das Amt des Landrates ausübe. Natürlich gibt es auch immer wieder Themen, Entwicklungen oder neue Fragestellungen, bei denen ich mich auch frage, wie so etwas passieren kann oder über die ich mich richtig ärgere. Aber insgesamt sehe ich unsere Kreisverwaltung und die Entwicklung unseres Landkreises, gerade auch im Hinblick auf die aktuellen Krisen, gut aufgestellt und in einer guten weiteren Entwicklung. Hinzu kommt, dass ich einfach gerne mit Menschen zusammenarbeite. Ganz klar: Ich habe richtig Lust weiterzumachen.
WOCHENBLATT: Bei den Landratswahlen der vergangenen 20 Jahre wurden die Landräte immer mit rund 55 Prozent der Stimmen gewählt. Erhoffen Sie sich im kommenden Jahr ein besseres Wahlergebnis?
Kai Seefried: Bei den letzten Wahlen, die Sie anführen, gab es mindestens zwei, manchmal sogar drei Bewerberinnen und Bewerber für den Chefposten im Kreishaus. Noch wissen wir nicht, wie sich die Situation im kommenden Jahr darstellt. Ich werbe auf jeden Fall bei allen Bürgerinnen und Bürgern im Landkreis Stade um ihr Vertrauen und bitte um ihre Unterstützung, um den eingeschlagenen Weg weitergehen zu dürfen.
WOCHENBLATT: Der Landkreis Stade in zehn Jahren – also im Jahr 2035: Was ist hier Ihre Vision?
Kai Seefried: Ich könnte jetzt Helmut Schmidt zitieren, der einmal sagte, wer Visionen habe, solle zum Arzt gehen. (lacht) Die Frage freut mich, denn ich finde es entscheidend, dass wir Pläne und Ziele haben, an denen wir arbeiten. Also blicken wir mal optimistisch in die Zukunft: Die A 26 führt bis nach Hamburg, der Elbtunnel im Verlauf der A 20 ist kurz vor der Eröffnung, die S-Bahn und die Regionalbahnen verkehren verlässlich in enger Taktung. Die reaktivierte EVB-Strecke zwischen Bremervörde und Stade wurde bis nach Himmelpforten verlängert, ein neuer Haltepunkt am Elbe Klinikum eingerichtet. Die Erweiterung des Stader Seehafens ist im Bau und die Industrie erlebt einen neuen Boom. Immer mehr Mediziner, die ihre Ausbildung an den Elbe Kliniken absolviert haben, bleiben im Landkreis Stade. Eine aktuelle Umfrage belegt: Im Landkreis Stade fühlen sich die Menschen wohl. Ach – und nicht zu vergessen: Die Kreisstraßen im gesamten Landkreis haben einen deutlich besseren Zustand als vor zehn Jahren.
WOCHENBLATT: Die politische Lage im Land ist angespannt, die politischen Ränder – sowohl auf der rechten als auch auf der linken Seite – erstarken immer mehr. Was kann aus Ihrer Sicht auf kommunaler Ebene getan werden, um die Demokratie zu stärken und für mehr Akzeptanz seitens der Bürger zu sorgen, wenn es um politische Entscheidungen geht?
Kai Seefried: Die Menschen suchen Halt und Orientierung. Die Bürgerinnen und Bürger müssen spüren, dass ihre Sorgen ernst genommen werden und dass die Probleme in diesem Land auch wirklich angepackt werden. Das höchste Gut dabei ist Vertrauen. Wir dürfen uns nicht in Floskeln verlieren, sondern müssen eine Sprache sprechen, die allgemein verstanden wird. Wenn wir gemeinsam anpacken, können wir auch schwierige Situationen meistern. Mit unseren deutschen Grundwerten von Frieden, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit und unserer Demokratie. Mit Mut und mit Zuversicht. Ich nutze viele Termine in den Städten und Gemeinden des Landkreises Stade, um mit den Menschen ins Gespräch zu kommen. Darüber hinaus biete ich regelmäßig Sprechstunden in den Rathäusern an und besuche ehrenamtlich Aktive. Der direkte Austausch ist wichtig, um zuzuhören und aktuelle Entwicklungen zu erklären.
WOCHENBLATT: Bei Ihnen steht jetzt der wohlverdiente Sommerurlaub an? Welcher Urlaubstyp sind Sie eigentlich? Stehen Sie mehr auf eine „Coolcation“ oder ziehen Sie lieber den sonnigen Süden vor?
Kai Seefried: Uns zieht es im Urlaub meistens eher in die Sonne und damit in den Süden. Jetzt in den Sommerferien geht es ans Mittelmeer. Der Dienst-PC bleibt dann auch mal zu Hause. Ich bleibe aber im Urlaub über aktuelle Entwicklungen im Landkreis informiert. Ich freue mich jetzt vor allem auf die gemeinsame Zeit mit meiner Familie und etwas mehr Schlaf.
• In den kommenden Wochen folgen weitere Interviews – u.a. mit Bürgermeistern sowie Vetretern von Vereinen und verschiedenen Organisationen.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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