Wahlkampf 2026
Plakate überall - und was ist eigentlich "normal"?
Ein kleiner Ausflug durch die Nordheide reicht derzeit aus, um festzustellen: Es ist Wahlkampf. Man muss weder eine Wahlkampfveranstaltung besuchen noch ein Parteiprogramm aufschlagen. Einfach ins Auto steigen und losfahren. An den Straßenrändern begegnen einem Kandidatinnen und Kandidaten auf Schritt und Tritt – freundlich lächelnd, entschlossen blickend oder mit einem markigen Spruch versehen. Manche Gesichter sieht man dabei so häufig, dass man beinahe das Gefühl bekommt, sie würden einen persönlich zur Wahl begleiten. Wahlkampf gehört zur Demokratie. Wahlwerbung auch. Aber muss wirklich jeder Laternenmast zum politischen Litfaßsäulen-Ersatz werden? Bei meinen Fahrten durch die Nordheide fällt mir jedenfalls auf, wie dicht manche Straßen inzwischen mit Wahlplakaten bestückt sind. Besonders irritierend finde ich dabei Plakate außerhalb geschlossener Ortschaften und Standorte, bei denen zumindest die Frage aufkommt, ob sie mit den jeweiligen Vorgaben vereinbar sind. Ich möchte dabei ausdrücklich nicht jedes einzelne Plakat zum vermeintlichen Regelverstoß erklären. Dafür sind die Bestimmungen zu unterschiedlich
und die Situation vor Ort zu genau zu betrachten. Aber genau deshalb gibt es Regeln. Und wenn Parteien von uns Bürgerinnen und Bürgern erwarten, dass wir ihre Programme, Gesetze und politischen Vorstellungen ernst nehmen, sollten sie selbst mit gutem Beispiel vorangehen. Auch im Wahlkampf gilt: Was nicht erlaubt ist, ist nicht erlaubt. Vielleicht wäre eine kleine Checkliste für Wahlkampfhelfer hilfreich:
Darf ich hier plakatieren?
Ist die Höhe richtig?
Wird die Sicht beeinträchtigt?
Ist der Standort zulässig?
Und schließlich die wichtigste Frage: Braucht es hier wirklich noch ein Plakat?
Denn an manchen Stellen ist der politische Wettbewerb inzwischen so dicht, dass man sich fragt, ob eigentlich noch jemand den Laternenmast sieht. Ein Plakat ist mir dabei besonders aufgefallen. Es wird mit den Worten "Alt. Weiß. Normal." geworben. Drei Wörter, drei Punkte. Mehr nicht. Gerade deshalb bleibt es hängen. Und vielleicht lohnt es sich, bei diesem Slogan einmal nicht sofort zu fragen, ob man ihn gut oder schlecht findet, sondern etwas Grundsätzlicheres: Was soll hier eigentlich „normal“ bedeuten? "Alt“ ist normal. „Weiß“ ist normal. Diese beiden Begriffe werden durch den Slogan miteinander verbunden und anschließend mit dem Begriff „normal“ versehen. Damit entsteht zwangsläufig eine weitere Frage: Wenn das als „normal“ bezeichnet wird – was gilt dann als nicht normal? Das ist für mich der entscheidende Punkt dieses Plakats. Man kann es als bewusst provokante politische Botschaft verstehen. Man kann darin eine Rückbesinnung auf traditionelle Vorstellungen erkennen. Man kann es als Ausdruck einer bestimmten gesellschaftspolitischen Haltung interpretieren. Aber gerade deshalb sollte man es nicht einfach im Vorbeifahren abtun. Denn politische Plakate haben eine besondere Eigenschaft: Sie müssen nicht viel erklären. Ein paar Worte reichen, um einen Gedanken in den öffentlichen Raum zu stellen. Und dieser Gedanke darf hinterfragt werden. Für mich persönlich ist „normal“ jedenfalls kein Zustand, der sich anhand von Alter oder Hautfarbe definieren lässt. Normal ist für mich, dass Menschen unterschiedlich sind. Alt und jung. Mit unterschiedlichen Hautfarben, Herkunftsgeschichten, Lebensentwürfen und politischen Überzeugungen. Das ist keine Störung einer vermeintlichen Normalität. Das ist unsere Normali-tät. Vielleicht sollten wir deshalb den Wahlkampf wieder etwas stärker auf das konzentrieren, worum es eigentlich geht: politische Inhalte. Denn ob ein Kandidat auf dem 50. oder 100. Plakat freundlich lächelt, sagt noch nichts darüber aus, ob er gute Politik machen wird. Interessanter wären Antworten auf die Fragen, die die Menschen hier vor Ort tatsächlich beschäftigen:
Wie entwickeln sich unsere Schulen und Kindergärten?
Wie schaffen wirbezahlbaren Wohnraum?
Wie sieht es mit Verkehr und öffentlichem Nahverkehr aus?
Wie gehen wir mit Natur und Landwirtschaft um?
Wie stärken wir unsere Wirtschaft und gleichzeitig unsere Lebensqualität?
Und vor allem: Wie sollen die vielen Versprechen eigentlich finanziert werden?
Das sind Fragen, die auch dann noch da sind, wenn die Plakate längst wieder abgehängt wurden. Deshalb mein bescheidener Wunsch an alle Parteien: Hängt weniger auf. Sagt mehr. Ein gutes Plakat kann Aufmerksamkeit schaffen. Zehn Plakate schaffen vielleicht Gewöhnung. Hundert Plakate schaffen irgendwann nur noch eines: den Wunsch nach dem Tag, an dem sie wieder verschwinden. Und vielleicht ist das ja das einzig wirklich Normale an einem Wahlkampf: Irgendwann ist er vorbei. Dann werden die Laternen wieder zu Laternen – und wir Bürgerinnen und Bürger dürfen entscheiden, welches Gesicht wir nicht nur am
Straßenrand, sondern tatsächlich in der Politik wiedersehen möchten.
Leserreporter:Sonja Kröger aus Tostedt |
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