95 Prozent der Flächen aus dem Rennen
Atommüll-Endlager: Zwei Gebiete in den Landkreisen Stade und Harburg stehen noch auf der Liste
- Wohin mit dem deutschen Atommüll? Jetzt wurden die für ein Endlager infrage kommenden Flächen weiter eingegrenzt - auf nicht einmal fünf Prozent des Bundesgebietes (blau-türkise Flächen)
- Foto: BGE/KI-generiert
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Die Suche nach einem Endlager für Deutschlands hochradioaktiven Atommüll geht in die entscheidende nächste Runde. Und für die Menschen in den Landkreisen Stade und Harburg gibt es eine wichtige Nachricht: Große Teile beider Landkreise sind bei der Suche nach einem möglichen Endlagerstandort jetzt aus dem Rennen. Nur noch zwei kleinere Flächen sollen weiter untersucht werden. Das geht aus den neuesten Karten hervor, die die Bundesgesellschaft für Endlagerung (BGE) am Dienstag (27. Oktober) vorgestellt hat.
Bundesweit hat die BGE die Suche erheblich eingegrenzt: Waren vor einem Jahr noch rund 25 Prozent der Fläche Deutschlands im Rennen, sind es jetzt weniger als fünf Prozent. Bis Ende 2027 soll feststehen, welche Regionen tatsächlich für weitere Untersuchungen vorgeschlagen werden.
Was hat sich seit dem vergangenen Jahr geändert?
Nach dem letzten Prüfungsschritt im November 2025 waren weite Teile der Landkreise Stade und Harburg noch nicht geologisch bewertet worden. Das hat sich nun geändert. Die Wissenschaftler haben inzwischen auch die norddeutsche Tiefebene unter die Lupe genommen und hinsichtlich ihrer Eignung für ein atomares Endlager eingestuft. Große Gebiete hier im Norden sind auf der BGE-Karte jetzt grün eingefärbt.
„Diese grüne Farbe bedeutet: gut geeignet für die Einlagerung. Aber eben nicht bestens geeignet“, erläuterte BGE-Chefin Iris Graffunder bei der Vorstellung der Ergebnisse. Denn bei der Endlagersuche geht es nicht darum, irgendeinen geeigneten Standort zu finden. Gesucht werde der Ort, der für die Lagerung hochradioaktiver Abfälle aus Sicht der BGE die bestmögliche Sicherheit bietet – und zwar für eine halbe Ewigkeit.
Diese grün markierten Flächen sind jetzt in die sogenannte Kategorie B eingestuft worden. Das bedeutet, sie erfüllen zwar wichtige Sicherheitsanforderungen, schneiden aber nicht so gut ab wie andere Gebiete. Deshalb werden sie nicht weiter berücksichtigt. Das betrifft große Teile der norddeutschen Tiefebene und damit auch weite Bereiche der Landkreise Stade und Harburg.
- Die Karte zeigt die untersuchten Flächen in den Landkreisen Stade und Harburg. Weiter im Rennen sind die blauen Bereiche. Die grünen Bereiche gelten als "gut geeignet", werden aber nicht weiter untersucht. Gelb und orange gelten als nicht geeignet. Weiße Flächen wurden von Anfang an ausgeschlossen
- Foto: BGE/OpenStreetMap/jd
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Welche Flächen im Landkreis Stade bleiben im Rennen?
Im Landkreis Stade sind nach dem aktuellen Kartenstand nur noch zwei kleine Bereiche in Nordkehdingen übrig geblieben. Sie gehören zu Salzformationen, die sich von Schleswig-Holstein aus über die Elbe hinweg bis in den Landkreis Stade erstrecken und teilweise auch in den Landkreis Cuxhaven hineinreichen (Teilgebiete "Glückstadt-Graben-Mitte" und "Glückstadt-Graben-Ost"). Dabei handelt es sich um steil gelagerte Salzstrukturen im tiefen Untergrund (800 bis 1.500 Meter unter der Erdoberfläche).
Die großen Tongesteinsflächen, die bislang noch weite Teile des Landkreises im Rennen gehalten hatten, werden dagegen nicht weiter untersucht. Bereits in früheren Auswahlrunden waren mehrere Salzlagerstätten im Landkreis Stade ausgeschieden. Dazu gehörten unter anderem Bereiche südlich der Hansestadt Stade. Auch der Salzstock bei Harsefeld/Ohrensen war schon 2020 ausgeschlossen worden.
Wo wird im Landkreis Harburg weitergesucht?
Auch im Landkreis Harburg sind nur noch kleine Gebiete übrig geblieben. Eines befindet sich an der südlichen Kreisgrenze, südlich der Ortschaften Otter und Welle. Innerhalb dieses Bereichs liegen unter anderem das Dorf Groß Todtshorn und die Siedlung Ottermoor. Ein weiteres Gebiet erstreckt sich von Königsmoor über die Landkreisgrenze hinweg in Richtung Lauenbrück im benachbarten Landkreis Rotenburg (Wümme).
Diese Flächen des 52 Quadratkilometer großen Teilgebietes "Stemmen-Otter-Todtshorn" gehören zu den weniger als fünf Prozent des Bundesgebietes, die jetzt noch genauer untersucht werden. Dort befindet sich in einer Tiefe zwischen 690 und 1.500 Metern eine Steinsalz-Lagerstätte.
Was macht einen guten Endlagerstandort aus?
Die Anforderungen an den Untergrund sind enorm. Schließlich muss ein Endlager über einen Zeitraum sicher sein, der weit über alle menschlichen Planungshorizonte hinausgeht. BGE-Projektleiterin Dr. Lisa Seidel brachte die wichtigste Voraussetzung bei der Pressekonferenz anschaulich auf den Punkt: „Die besten Flächen haben – salopp gesagt – eine langweilige Geologie.“
Gemeint ist damit ein Untergrund, in dem sich über sehr lange Zeiträume möglichst wenig verändert hat. Wenn in den vergangenen eine Million Jahren geologisch kaum etwas passiert sei, könne man eher davon ausgehen, dass die Verhältnisse auch in Zukunft stabil bleiben. Der Fokus richtet sich dabei auf mächtige, möglichst ungestörte Gesteinsschichten. Infrage kommen grundsätzlich Steinsalz, Tongestein und kristallines Gestein wie Granit.
Warum ist die norddeutsche Tiefebene aus dem Rennen?
In der norddeutschen Tiefebene gibt es ausgedehnte Tongesteinsschichten, die grundsätzlich gute Voraussetzungen für ein Endlager bieten. Allerdings weist das dort verbreitete tertiäre Tongestein nach Angaben von Seidel eine vergleichsweise hohe Porosität auf. Hinzu kommt eine Besonderheit des norddeutschen Untergrundes: Er ist von tiefen Rinnen durchzogen, die während der Eiszeiten entstanden sind.
Diese sogenannten glazialen Rinnen können die geologischen Verhältnisse beeinträchtigen. Für ein Endlager ist deshalb ein möglichst großer Abstand zu solchen Strukturen wichtig – auch mit Blick auf mögliche künftige Eiszeiten. Gesucht werden ausreichend dicke und großflächige Gesteinsschichten in geeigneter Tiefe, die möglichst wenig durch geologische Veränderungen gestört wurden.
- Die Karte zeigt, wie die Gebiete bundesweit kategorisiert wurden
- Foto: BGE
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Wie geht es mit der Endlagersuche weiter?
Die BGE hat für ihre bisherigen Bewertungen Millionen geologischer Datensätze ausgewertet. Grundlage sind unter anderem Informationen aus Bohrungen, geologischen Untersuchungen und der Erkundung des Untergrundes.
Von den ursprünglich 90 Teilgebieten sind inzwischen 53 vollständig bearbeitet. In 36 Teilgebieten laufen die vorläufigen Sicherheitsuntersuchungen noch weiter. In den kommenden Monaten werden die verbliebenen Gebiete erneut miteinander verglichen. Nur Flächen mit der besten Eignung sollen schließlich für die nächste Verfahrensphase vorgeschlagen werden.
„Wir werden die Flächen weiter einengen, bis nur noch wenige Standortregionen im Rennen sind“, kündigte BGE-Chefin Graffunder an. Standort-Vorschläge wird die BGE Ende 2027 an das Bundesamt für die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE) übermitteln. Nach deren Prüfung entscheidet der Deutsche Bundestag, welche Regionen tatsächlich oberirdisch erkundet werden.
Wann steht endgültig fest, wo der Atommüll hinkommt?
Bis dahin dürfte noch viel Zeit vergehen. Denn selbst nach der Auswahl der Standortregionen folgen weitere aufwendige Untersuchungen.
Der NDR berichtet, dass die Bundesregierung die Suche beschleunigen will. Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) hatte im Sommer das Ziel ausgegeben, bis 2050 einen Endlagerstandort festzulegen. Zuvor war sogar ein Abschluss erst in den 2070er-Jahren diskutiert worden.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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