Industriestandort für die Zukunft sichern
Gemeinsam für Stades Industrie: Politik und Wirtschaft ziehen an einem Strang
- Stoßen auf die Weiterführung des Standortprojektes an (v. li.): Matthias Reichert (Geschäftsführer der Landkreis-Wirtschaftsförderung), Dr. Dagmar Linse (stellvertretende Referatsleiterin für Chemie im niedersächsischen Wirtschaftsministerium), Stephan Engel (Standortmanager), Kai Seefried (Landrat)
- Foto: jd
- hochgeladen von Jörg Dammann
Wie lässt sich der Chemiestandort Stade langfristig sichern und fit für die Zukunft machen? Wie können die Unternehmen trotz hoher Energiekosten, internationaler Konkurrenz und bürokratischer Hürden wettbewerbsfähig bleiben? Und wie lassen sich neue Investoren für die Region gewinnen? Antworten auf diese Fragen soll ein außergewöhnliches Bündnis aus Wirtschaft, Politik, Verwaltung und Gewerkschaften liefern. Das gemeinsame Standortprojekt geht jetzt in die Verlängerung – mit dem ehemaligen Dow-Manager Stephan Engel als treibender Kraft.
Worum geht es bei dem Projekt?
Stade ist einer der bedeutendsten Chemiestandorte Deutschlands und der größte Chlorchemiestandort Europas. Doch hohe Energiekosten, internationale Konkurrenz und langwierige Genehmigungsverfahren machen der Branche zu schaffen. Deshalb wurde vor drei Jahren ein Modellprojekt ins Leben gerufen, das die Industrie in Stade stärken und neue Unternehmen anlocken soll. Das Besondere: Arbeitgeber, Gewerkschaften, Politik und Verwaltung arbeiten gemeinsam an der Zukunft des Standortes.
Stades Landrat Kai Seefried (CDU) sieht in der Zusammenarbeit ein wichtiges Signal: „Wir treten geschlossen auf und sprechen mit einer Stimme.“ Der Industriestandort Stade habe für die gesamte Region eine herausragende Bedeutung. „Stadt und Landkreis würden ohne die Industrie vor Ort ganz anders aussehen“, sagte Seefried. „Wir alle sind davon überzeugt, dass unser Standort eine gute Zukunft hat.“
Nun wurde der Startschuss für die nächste Projektphase gegeben. Insgesamt 19 Partner haben den Kooperationsvertrag unterzeichnet. In einer gemeinsamen Runde auf Schloss Agathenburg wurde jetzt mit einem Gläschen Sekt auf den Erfolg des Projekts angestoßen.
Wer ist der Mann, der die Fäden zusammenhält?
Sein Name passt geradezu perfekt zu seiner Aufgabe: Stephan Engel. Mehr als 30 Jahre war der Diplom-Ingenieur beim Chemiekonzern Dow tätig. Heute kümmert er sich als Projektleiter bzw. Standortmanager bei der Wirtschaftsförderung des Landkreises Stade darum, dass die Industrie eine gute Zukunft hat.
Engel kennt die Unternehmen, ihre Sorgen und die politischen Entscheidungswege. Er bringt Menschen zusammen, vermittelt zwischen Wirtschaft und Politik und sorgt dafür, dass die Interessen des Standortes Gehör finden. Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne (SPD) brachte seine Wertschätzung auf den Punkt: „Herr Engel, Sie sind ein echter Glücksfall.“
Was wurde bisher erreicht?
Vor allem eines: Engel hat gemeinsam mit den Projektpartnern ein Netzwerk aufgebaut, das bis in die Landesregierung reicht. Die Unternehmen profitieren von direkten Kontakten ins Wirtschaftsministerium und in die Staatskanzlei. „Die chemischen Unternehmen hier in Stade sind gut aufgestellt. Unser Standort braucht sich nicht zu verstecken“, betont Engel.
Allerdings sieht er noch Nachholbedarf: „Wohin wir noch nicht so gut verdrahtet sind, ist nach Berlin. Das ist ein dickes Brett, das zu bohren ist.“ Genau daran will er in den kommenden beiden Jahren arbeiten.
- Die neue Vereinbarung wurde im Schloss Agathenburg mit einem Schluck Sekt begossen
- Foto: jd
- hochgeladen von Jörg Dammann
Was muss sich aus Engels Sicht ändern?
Deutschland muss schneller werden. Deutlich schneller sogar. „Wir sind in Deutschland viel zu langsam. Die Genehmigungsverfahren sind zu langsam“, kritisiert Engel. Die Geschwindigkeit, mit der Entscheidungen getroffen und Projekte umgesetzt würden, reiche nicht aus, um selbst gesteckte Ziele etwa beim Klimaschutz rechtzeitig zu erreichen.
Seine Forderung: weniger Bürokratie, schnellere Entscheidungen und mehr Pragmatismus. Bereits in der ersten Projektphase konnte das Netzwerk konkrete Vorschläge für Gesetzesänderungen einbringen, etwa zur Vereinfachung von Genehmigungsverfahren.
Wie soll Stade neue Unternehmen gewinnen?
Hier sieht Engel eine seiner wichtigsten Aufgaben für die kommenden zwei Jahre: Kommunikation und Standortmarketing. „Wir müssen die Stärken des Standortes Stade bekannter machen“, sagt er. Denn Stade hat einiges zu bieten: große Industrieflächen, einen Hafen, gute Energieanbindungen und künftig den Anschluss an das Wasserstoffkernnetz. Hinzu kommen erfahrene Fachkräfte und die Nähe zur Metropolregion Hamburg.
Engel will dafür sorgen, dass potenzielle Investoren im In- und Ausland Stade stärker auf dem Zettel haben. Dabei geht es auch um Unternehmen aus den Bereichen Wasserstoff, Energiespeicherung und neue Energietechnologien.
Was sagt die Landesregierung?
Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne machte in einer Videobotschaft deutlich, dass Niedersachsen hinter dem Standort steht. „Wir wollen, dass es weitergeht“, erklärte der SPD-Politiker. Es gehe darum, Anlagenschließungen zu vermeiden, Arbeitsplätze zu sichern und die chemische Industrie trotz schwieriger Rahmenbedingungen zukunftsfähig aufzustellen.
„Wir müssen diesen starken Standort Stade verteidigen und ausbauen“, so Tonne. Dabei gehe es um weit mehr als die Betriebe vor Ort. Die Chemieindustrie liefere wichtige Grundstoffe für zahlreiche andere Branchen. Breche sie weg, gerieten ganze Wertschöpfungsketten in Gefahr.
Das Land will das Projekt deshalb weiterhin politisch und finanziell unterstützen. Auch der Bund soll stärker eingebunden werden. Geplant sind zwei parlamentarische Abende in der niedersächsischen Landesvertretung in Berlin. Der erste soll im Mai 2027 stattfinden.
- Niedersachsens Wirtschaftsminister Grant Hendrik Tonne (SPD) war per Video zugeschaltet
- Foto: jd
- hochgeladen von Jörg Dammann
Wer bezahlt das Projekt?
Bislang wurde das Modellprojekt vom Land Niedersachsen mit jährlich 100.000 Euro gefördert. Diese Förderung läuft Ende 2026 aus. Künftig soll das Projekt überwiegend von der Wirtschaft selbst getragen werden. Angestrebt wird ein Jahresbudget von 250.000 Euro.
Der Landkreis Stade und die Hansestadt Stade steuern 2027 und 2028 jeweils 25.000 Euro pro Jahr bei. Den größten Teil sollen die beteiligten Unternehmen finanzieren.
Matthias Reichert, scheidender Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung des Landkreises, ist über die künftige Finanzierung durch die Vertragspartner nicht unglücklich. Die fördertechnische Abwicklung über die N-Bank habe in den vergangenen Jahren „nicht wirklich Freude gemacht“. Er sei froh, dass das Kooperationsprojekt nun ohne diese Förderung fortgesetzt werde.
Wie geht es jetzt weiter?
„Eine ganze Region hat sich auf den Weg gemacht“, sagt Landrat Seefried. Der Standort Stade biete beste Voraussetzungen, um sich weiterzuentwickeln. Die Energiewende eröffne zusätzliche Chancen für neue Investitionen und Arbeitsplätze.
Für Stephan Engel bedeutet die Fortsetzung des Projekts vor allem eines: viel Arbeit. Schließlich müssen neue Kontakte geknüpft, Unternehmen angesprochen und politische Hürden überwunden werden. „Die kommenden zwei Jahre werden sicher nicht langweilig werden“, sagt Engel.
Und eines ist klar: Der „Engel“ für Stades Industrie hat noch einiges vor.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
|
| Webseite von Jörg Dammann | |
| Jörg Dammann auf Facebook | |
| Jörg Dammann auf Instagram | |
Sie möchten kommentieren?
Sie möchten zur Diskussion beitragen? Melden Sie sich an, um Kommentare zu verfassen.