Zwei Behördenleiterinnen ziehen Bilanz
Corona im Landkreis Stade: Ein Rückblick nach fünf Jahren

Dass todkranke Corona-Patienten in den Kliniken völlig isoliert waren und keinerlei Besuch von Angehörigen erhalten durften, wird im Nachhinein äußerst kritisch gesehen | Foto: Adobe Stock/amedeoemaja
  • Dass todkranke Corona-Patienten in den Kliniken völlig isoliert waren und keinerlei Besuch von Angehörigen erhalten durften, wird im Nachhinein äußerst kritisch gesehen
  • Foto: Adobe Stock/amedeoemaja
  • hochgeladen von Jörg Dammann

Heute auf den Tag genau vor fünf Jahren gab es den ersten Corona-Fall im Landkreis Stade: Am 4. März 2020 wurde ein Lehrer positiv auf das Virus getestet. Die Gesundheits- und Sozialdezernentin des Landkreises Stade, Susanne Brahmst, sowie die Leiterin des Kreis-Gesundheitsamtes, Dr. Ilka Hedicke, blicken auf die turbulente Zeit zurück – und ziehen Bilanz.

Immer wieder neue Entscheidungen treffen

Als das Coronavirus ausbrach, war der Wissensstand gering. „Wir mussten uns auf die Empfehlungen des Robert Koch-Instituts (RKI) verlassen und fast täglich neue Entscheidungen treffen“, erinnert sich Hedicke. Eine dieser Entscheidungen war es, nach Bekanntwerden des ersten Falls – der erste Corona-Infizierte im Landkreis Stade war ein Lehrer – nicht sofort die komplette Schule zu schließen. Rückblickend hält sie dies für richtig: „Der Landkreis Stade ist insgesamt gut durch die Krise gekommen. Ich sehe keine gravierenden Fehler in unseren Entscheidungen.“ Brahmst betont, wie schwierig es war, in einer solchen Ausnahmesituation die richtigen Maßnahmen zu treffen: „Im Nachhinein ist es leicht zu sagen, was man hätte anders machen können. Viele haben Schweden als Vorbild genannt, weil es dort keine strengen Lockdowns gab. Doch die Todeszahlen waren dort letztlich genauso hoch.“

Als das Coronavirus in den Kreisen Stade und Harburg ankam

Schulschließungen und soziale Isolation

Kritisch sehen die beiden die Schul- und Kitaschließungen sowie die Besuchsverbote in Altenheimen. „Wochenlang waren Senioren von ihren Angehörigen getrennt, Sterbende konnten nicht in den Armen ihrer Familie Abschied nehmen“, so Brahmst. Sie hätte sich mehr Eigenverantwortung für die Menschen gewünscht, anstatt deren Alltag in der Pandemie mit strikten Verboten und strengen Bestimmungen zu reglementieren. Gerade die strikten Corona-Regeln hätten zu einem „Klima des Misstrauens“ geführt, so Brahmst. Nachbarn wurden gemeldet, wenn sie vermeintlich zu viele Gäste hatten, Kollegen wurden angeschwärzt, wenn sie ihre Maske kurz abnahmen. „Solche negativen Auswüchse haben das gesellschaftliche Miteinander belastet.“

Unverständliche Regeln

Ein großes Problem während der Pandemie sei die Überflutung mit Informationen und Fehlinformationen gewesen, meint Hedicke. Jeder selbsternannte Experte habe seine Meinung öffentlich geäußert. Dabei sei selten auf die fachliche Kompetenz geschaut worden. Für zusätzliche Verwirrung bei den Bürgern hätten komplizierte und ständig wechselnde Verordnungen auf Landes- und Bundesebene gesorgt. „Am Ende mussten Piktogramme helfen, um die Regeln verständlich zu machen“, erklärt Brahmst. Schwierig sei auch der angemessene Umgang mit den Inzidenzwerten gewesen. "Zunächst bereiteten uns Inzidenzen über 30 Sorge", sagt Hedicke. "Später kletterten die Werte über 1.000, aber welche Messgröße hätte man stattdessen für Schutzmaßnahmen nehmen sollen?"

Corona-Rückblick: Steuergeldverschwendung bei niedersächsischen Impfzentren

Impfkampagne als Wendepunkt

Als entscheidend für die Rückkehr zur Normalität sehen beide Expertinnen die Impfkampagne. „Anfangs wusste ich nicht, wie schlimm es noch wird“, gesteht Brahmst. Die Wende kam mit den Impfungen – insbesondere durch die mobilen Impfteams, die in den Kommunen unterwegs waren. „Zunächst war die Nachfrage enorm, später ließ das Interesse nach“, erinnert sich Hedicke. Mit der Erfahrung aus der Pandemie sieht Brahmst den Landkreis für künftige Krisen besser gerüstet: „Wir wissen jetzt, dass wir eine solche Herausforderung bewältigen können. Doch niemand weiß, welches Virus als Nächstes kommt – und welche Probleme es mit sich bringen wird.“

Kooperation im Landkreis Harburg lief gut

Für den Landkreis Harburg zieht dessen Pressesprecher Andres Wulfes eine kleine Bilanz: "Das Coronavirus hat unser berufliches und privates Leben in einer Form verändert, wie wir uns das vorher nie vorgestellt hätten, und uns alle vor nie dagewesene Herausforderungen gestellt." Besonders der Gesundheitssektor habe vor einer enormen Belastungsprobe gestanden. Die Pandemie habe deutlich gemacht, wie essenziell eine funktionierende medizinische Infrastruktur ist und wie wichtig die Zusammenarbeit mit Krankenhäusern, Kliniken sowie Hilfsorganisationen wie den Johannitern und dem DRK war. "Diese vertrauensvolle Zusammenarbeit hat sich bewährt" betont Wulfes.

Die Kreisverwaltung reagierte schnell und richtete eine eigene Stabsstelle Pandemie ein, um der sich ständig verändernden Lage gerecht zu werden. Dort wurden unter anderem die Impfkampagne koordiniert, Infektionsketten nachverfolgt und Quarantänebescheide erstellt – eine immense organisatorische Herausforderung.Doch nicht alles lief reibungslos. Besonders die oft kurzfristigen Änderungen der Corona-Verordnungen sorgten für Unmut. Gewerbetreibende, Gastronomen und Veranstalter mussten sich immer wieder neu anpassen – oft ohne ausreichende Vorlaufzeit. Zudem seien viele Regelungen schwer verständlich gewesen, so Wulfes. Wünschenswert wären übersichtlichere Texte und eine stärkere Einbindung der Landkreise und Kommunen gewesen.

Redakteur:

Jörg Dammann aus Stade

Webseite von Jörg Dammann
Jörg Dammann auf Facebook
Jörg Dammann auf Instagram

Sie möchten diesem Profil folgen?

Verpassen Sie nicht die neuesten Inhalte von diesem Profil: Melden Sie sich an, um neuen Inhalten von Profilen und Orten in Ihrem persönlichen Feed zu folgen.

16 folgen diesem Profil
Kommentare sind deaktiviert.

Video einbetten

Es können nur einzelne Videos der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Playlists, Streams oder Übersichtsseiten.

Abbrechen

Karte einbetten

Abbrechen

Social-Media Link einfügen

Es können nur einzelne Beiträge der jeweiligen Plattformen eingebunden werden, nicht jedoch Übersichtsseiten.

Abbrechen

Code einbetten

Funktionalität des eingebetteten Codes ohne Gewähr. Bitte Einbettungen für Video, Social, Link und Maps mit dem vom System vorgesehenen Einbettungsfuntkionen vornehmen.
Abbrechen

Beitrag oder Bildergalerie einbetten

Abbrechen

Schnappschuss einbetten

Abbrechen

Sie möchten selbst beitragen?

Melden Sie sich jetzt kostenlos an, um selbst mit eigenen Inhalten beizutragen.

Powered by PEIQ