"Saßen auf einem Pulverfass"

Für Reparaturarbeiten wurde am "Bombenhaus" ein Baugerüst errichtet
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Nach zerstörerischer Verpuffung fristlose Kündigung für Stader "Bombenbastler" / Trotz 50.000 Euro Schaden kein Haftgrund

tp. Stade. Rund eine Woche nach der zerstörerischen Verpuffung, die ein 35-Jähriger* bei einem waghalsigen Chemikalien-Experiment in einem Stader Mehrparteien-Wohnhaus ausgelöst hat, stehen die Mieter noch immer unter Schock: "Wir haben wohl schon längere Zeit auf einem Pulverfass gesessen. Wir sind alle fix und fertig. Keiner will mehr mit ihm unter einem Dach leben", sagt Susanne S.* (50) die Tür an Tür mit dem Waffen-Narren wohnte. Zwischenzeitlich hat der Vermieter dem "Bombenbastler", der schwer verletzt im Krankenhaus liegt, fristlos gekündigt. Die Staatsanwaltschaft ermittelt.

Wie berichtet, wurde am Mittwochabend, 28. Januar, bei der Detonation in der Dachgeschosswohnung an der Bremervörder Straße das Dach sowie Türen und Fenster in Mitleidenschaft gezogen. Die Mieter kamen vorübergehend bei Verwandten bzw. in einem Hotel unter, sind mittlerweile aber in ihre Wohnungen zurückgekehrt. Hausbewohnerin Susanne S. kann sich noch immer keinen Reim auf die schrecklichen Geschehnisse machen, die aus ihrer Warte nicht zum Auftreten des jungen Mannes passen: "Er arbeitete in einer Behinderten-Einrichtung, war ruhig, freundlich, adrett und äußerte nie ein schlechtes Wort." Nur einmal habe sie wegen Ruhestörung die Polizei gerufen, als sich der Nachbar nachts mit seiner Freundin stritt, die vor einigen Monaten ausgezogen sein soll. Was Susanne S. bislang nicht wusste: Der Bastler war wegen Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion und illegalen Waffenbesitzes polizeibekannt. Bereits im Jahr 2008 durchsuchten Spezialeinsatzkräfte das Apartment.

Bei einer Wohnungsdurchsuchung in der vergangenen Woche stellte die Polizei 16 Pistolen, vier Gewehre, diverse Granaten, Munition, Waffen-Werkzeug sowie 30 Liter einer unbekannten flüssigen Chemikalie sicher. Die Recherchen der Staatsanwaltschaft und des Landeskriminalamtes hinsichtlich des Zweckes und der Herkunft der Gegenstände dauern an. Susanne S. erinnert sich, in den vergangenen Monaten rund ein Dutzend Pakete für ihren Flur-Nachbarn angenommen zu haben. Rückblickend beschleicht sie ein mulmiges Gefühl: "Wer weiß, was in den Kartons war?"

Inzwischen scheint festzustehen, dass der eher zurückgezogen lebenden Mieter ein Waffen-Fanatiker ist: Das Apartment war mit dem Modell eines Kriegsflugzeuges, einem Poster mit Schuss-Szene und einem Gasmasken-Schild geschmückt, und der Bewohner besaß einen Bücherschrank voll einschlägiger Literatur wie "Waffen und Gerät - das Sturmgewehr". Entsprechendes Bildmaterial liegt der Redaktion vor.
Unterdessen hat der Hauseigentümer, der selbstständige Hausverwalter Friedrich Stumpf (52), dem Bombenbastler eine fristlose Kündigung ins Stader Elbe-Klinikum zugestellt, wo er voraussichtlich noch einige Wochen in Behandlung bleiben muss. Dem Vernehmen nach muss er sich einer plastisch-chirurgischen Operation unterziehen. Außerdem soll er in psychologischer Behandlung sein.

Stumpf korrigiert den anfänglich mit 20.000 Euro bezifferten Sachschaden auf rund 50.000 Euro. Er befürchtet, auf der Summe sitzenzubleiben und hat einen Rechtsanwalt eingeschaltet und Anzeige wegen Sachbeschädigung und Vandalismus erstattet. Das städtische Bauamt hat das Apartment für unbewohnbar erklärt. Laut Stumpf werden die Mutter und die Freundin des Mieters die Wohnung bis zum Samstag, 7. Februar, besenrein räumen. Angesichts der Scherereien hat Stumpf die Nase voll: "So einen Kandidaten will ich nicht wieder im Haus haben."
Bis auf Weiteres bleibt die Frage nach den Motiven des Waffennarren offen. Eine Gesprächsnachfrage unserer Redaktion lehnt er ab.

Die Explosion im Bombenhaus ist Stadtgespräch und viele Stader fragen sich, warum der vermeintliche Waffen-Fetischist nicht ins Gefängnis muss.
Oberstaatsanwalt Dr. Burkhard Vonnahme dazu: "Es liegen keine Haftgründe vor." Es bestehe weder Flucht- noch Verdunkelungsgefahr, etwa durch Einflussnahme auf Zeugen.

*Name der Red. bekannt/Name v. d. Red. gekürzt

Für Reparaturarbeiten wurde am "Bombenhaus" ein Baugerüst errichtet
Die Kriminalpolizei stellte eine riesige Waffensammlung sicher | Foto: Polizei Stade
Nachbarin Susanne S. vor dem Appartement des Waffen-Narren
Die Wohnungstür des Chemikalien-Bastlers
Redakteur:

Thorsten Penz aus Stade

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