Von Stade nach Rom
Zwei Frauen auf der Via Romea - 2200 Kilometer zu Fuß
- Regina Witt (81) und Iris Grünreich (68) bleiben aktiv: Nach einem Besuch beim WOCHENBLATT ging es direkt weiter zur Kulturwanderung
- Foto: sts
- hochgeladen von Stefanie Schimanski
Aufbrechen, loslassen, weitergehen. Seit Jahrhunderten pilgern Menschen — früher aus religiösem Antrieb, heute oft aus einem inneren Bedürfnis heraus. Auf der Suche nach Ruhe, nach Sinn oder einfach nach der Erfahrung, mit wenig auszukommen.
Auf solch einen Weg begaben sich Iris Grünreich (68) aus Buxtehude und Regina Witt (81) aus Jesteburg. Ihr Ziel war Rom. Ihre Route führte über die historische Via Romea, einen alten Pilgerweg, der von Norddeutschland bis in die Ewige Stadt reicht. Am Ende standen rund 2200 Kilometer, zurückgelegt über einen Zeitraum von fünf Jahren.
Kennengelernt haben sich die beiden Frauen im Buchholzer Wanderverein, wo sie beide als Wanderführerinnen aktiv sind. Iris Grünreich leitet zudem in Buxtehude ehrenamtlich eine Wandergruppe für Menschen 60+ .
Während der Pandemie kamen die gemeinsamen Wanderungen zum Stillstand – und genau in dieser Pause wuchs die Idee, selbst aufzubrechen. Im April 2021 machten sie sich schließlich auf den Weg. „Als erste Etappe und um uns langsam an das Pilgern heranzutasten, sind wir zunächst 26 Kilometer von Stade nach Harsefeld gelaufen. Unser erster Tag begann mit Kälte, Schneeregen und Temperaturen knapp über null“, erinnert sich Iris Grünreich.
Zunächst blieben es einzelne Tagesetappen. Solange sie noch in erreichbarer Nähe zu Hause unterwegs waren, kehrten sie abends wieder nach Hause zurück. Doch nach und nach wurden daraus längere Wege: erst mehrere Tage, dann zwei Wochen und schließlich sogar regelmäßig drei Wochen am Stück.
Jede Route planten sie mit großer Sorgfalt. „Wir haben uns bewusst Zeit gelassen und die Etappen so gewählt, dass wir unterwegs auch innehalten und Orte in Ruhe entdecken konnten“, erzählt Regina Witt.
In einen Zeitraum von insgesamt fünf Jahren kamen sie bis nach Rom, liefen von Norddeutschland über die Alpen bis nach Südtirol und weiter durch Umbrien. Immer wieder mussten beide pausieren und immer wieder kehrten sie gemeinsam zurück an dem Punkt, an dem sie den jeweiligen Abschnitt beendet hatten.
Für Regina Witt brachte eine Brustkrebsdiagnose eine längere Unterbrechung mit Operation und Therapie. Auch Iris Grünreich musste mehrfach aussetzen. Zwei Schulteroperationen und ein Eingriff am Knie verlangten Geduld. Entscheidend war jedoch, dass sie diesen Weg gemeinsam gingen. Sie warteten aufeinander, nahmen sich die Zeit, die es brauchte, und setzten ihre Reise immer wieder gemeinsam fort. Rückblickend beschreibt Regina Witt diese Jahre als „eine segensreiche Zeit“.
Unterwegs reduzierte sich das Leben auf das Wesentliche. Wenige Kleidungsstücke, eine leichte Jacke, etwas zum Wechseln, dazu Blasenpflaster, Schafwolle für die Füße, Sonnencreme, Ladegerät und etwas Proviant. Morgens und abends gehörte die Pflege der Füße zur Routine.
Zur Orientierung nutzten sie klassische Pilgerführer ebenso wie digitale Hilfsmittel. Ein Buch über den Weg nach Rom "Der Pilgerweg nach Rom" von Ferdinand Treml begleitete sie, aus dem sie einzelne Seiten kopierten. Ergänzend führte sie die App Komoot sicher durch unbekannte Abschnitte. "Das Buch war fantastisch. Wir konnten uns auf die Inhalte verlassen," so Ines Grünreich und Regina Witt einstimmig. „Am schönsten war für uns die Strecke von Bologna über Città di Castello und Assisi bis nach Spoleto“, schwärmen die beiden – eine Route, die sie durch sanfte Hügellandschaften, historische Städte und immer wieder neue Ausblicke geführt habe.
Auch die Begegnungen unterwegs sind beiden in Erinnerung geblieben. Immer wieder trafen sie auf Menschen, die ihren Weg auf besondere Weise bereicherten. So begegneten sie einem Mann, der hoch oben in scheinbarer Abgeschiedenheit eine kleine Kapelle hütete. „Es war dort fast wie ein kleines Café. Wir saßen zwischen seinen liebevoll gestalteten Arbeiten aus Naturmaterialien und freuten uns über den Kaffee und die Kekse, die er uns servierte“, erinnert sich Iris Grünreich. Ein anderes Mal wurden sie spontan von einem Mann zu sich nach Hause eingeladen und durften gemeinsam mit seiner Familie essen. Solche Momente gaben dem Weg eine besondere Tiefe.
Die Strecke verlangte den beiden immer wieder einiges ab. „Die Höhenmeter waren manchmal eine echte Herausforderung, vor allem auf sehr steilen Abschnitten bergab. Da mussten wir sehr aufpassen. Manche Passagen waren wiederum so steil, dass wir uns nur noch auf allen Vieren nach oben vorarbeiten konnten, da wir Angst hatten, uns die Knochen zu brechen“, berichtet Iris Grünreich.
Ganz ohne Zwischenfälle blieb die Reise nicht. Auch Stürze gehörten dazu. „Regina rutschte im Ostharz aus und fiel in den Matsch, ein anderes Mal liefen wir über den Kamm eines Berges und ein Windstoß riss mich um. Meine Brille zerbrach und ich verknackste mir das Handgelenk. Gott sei Dank fuhr mich unser Gastgeber später noch ins nächste Dorf zu einem Arzt und zu einem Optiker.“
Trotz aller Anstrengung überwiegt das Positive. „Das Schönste war dieses Gefühl von Freiheit, ohne feste Verpflichtungen oder Termine einfach unterwegs zu sein“, sagt Iris Grünreich.
Am Ende steht weniger eine sportliche Leistung als vielmehr eine Erfahrung, die aus vielen einzelnen Etappen gewachsen ist, aus Aufbruch, Innehalten und gemeinsamem Weitergehen. Ein Weg, der nicht geradlinig verläuft, sondern sich Schritt für Schritt entwickelt.
Vielleicht liegt genau darin das Besondere. Nicht alles wissen zu müssen und nicht jeden Schritt im Voraus zu planen. Es genügt, loszugehen und darauf zu vertrauen, dass sich der Weg unterwegs zeigt. Oder, wie Iris Grünreich es sagt: „Man sollte nicht zu lange überlegen, sondern einfach anfangen.“
Redakteur:Stefanie Schimanski aus Buxtehude |
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