Ist die Versorgung gefährdet?
Angeblicher Aufnahmestopp bei Kinderärzten im Landkreis Stade

Noch Arztsitze frei: Im Landkreis Stade können sich noch weitere Kinderärzte niederlassen
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jab. Landkreis. "Stopp, du kommst hier nicht rein": Dieser Spruch war vor Corona aus Kneipen und Clubs bekannt. Doch inzwischen müssen sich diesen - zumindest so ähnlich - viele Eltern mit ihren Sprösslingen beim Kinderarzt anhören. Das sagt zumindest die Kreis-FDP und schlägt Alarm.

"Zwei Familien aus Buxtehude sind mit dem Problem auf mich zugekommen", sagt André Grote, stellvertretender Vorsitzender der Kreis-FDP. Nach einem Anruf bei ihren jeweiligen Krankenkassen hätten sie eine Liste mit Ärzten erhalten, die sie abtelefonieren sollten - ohne Erfolg. "Das kann es nicht sein", sagt der FDP-Politiker und Familienvater. Keiner der Kinderärzte hätte die Familien aufgenommen. Eine Aufnahme wäre nur noch möglich, wenn bereits ein Geschwisterkind bei den Ärzten in Behandlung sei. Wenn doch einer bereit war, dann wohnten sie angeblich außerhalb des Einzugsbereichs. Was genau damit gemeint sein soll, konnte Grote nicht erklären.

Noch Arztsitze im Landkreis frei

Dr. Stephan Brune, Vorsitzender des Bezirksausschusses der Bezirksstelle Stade der Kassenärztlichen Vereinigung (KV) Niedersachsen: Jemanden abzuweisen, da er nicht zum Einzugsbereich gehört, sei nicht möglich. Außer die Praxis sei ohnehin überdurchschnittlich ausgelastet.

Die Zahlen der KV für den Landkreis zeichnen im Gegensatz zu Grotes Schilderungen ein anderes Bild. Derzeit gibt es zwölfeinhalb Arztsitze, weitere eineinhalb stehen zur Verfügung. Der Versorgungsgrad liegt bei 99,9 Prozent. Zum Vergleich: Im Landkreis Cuxhaven liegt der Versorgungsgrad gerade mal bei 80 Prozent, in Osterode im Harz dagegen bei 170,1 Prozent.

Laut Arztliste auf der Internetseite der KV befinden sich im Landkreis 18 niedergelassene Kinderärzte, zum Teil in Gemeinschaftspraxen. Diese werden durch die KV gefördert, da so eine durchgehende Versorgung gewährleistet werden soll. Zehn Ärzte sind in Stade, fünf in Buxtehude, zwei in Harsefeld und einer in Drochtersen. Da in Deutschland das Recht auf freie Arztwahl besteht, so Brune, müssten Eltern in Kauf nehmen, in umliegende Ortschaften auch außerhalb des Landkreises auszuweichen, sollten sie in ihrem Heimatort keinen Arzt finden. Bedeutet für Eltern besonders im ländlichen Raum im Zweifel eine lange Fahrt zum nächsten Kinderarzt.

"Es wird zu wenig Nachwuchs ausgebildet"

Für Grote reicht das nicht. Seiner Meinung nach sei der Zulassungsschlüssel, der die Verteilung der Ärzte innerhalb Deutschlands regeln soll, nicht mehr dem heutigen Bedarf angepasst. Grote: "Es müssen sich insgesamt mehr Ärzte ansiedeln dürfen."

Doch ein geänderter Schlüssel, für den ohnehin regelmäßig die Verhältniszahlen angepasst werden, würde das Problem nicht lösen. Brune: "Abgesehen davon, dass noch eineinhalb Sitze öffentlich ausgeschrieben sind, wird in den Krankenhäusern zu wenig fachärztlicher Nachwuchs ausgebildet." Hinzu komme, dass immer weniger Ärzte sich niederlassen wollen. "Besonders auf dem Land ist die Hemmschwelle groß, das Risiko einer Selbstständigkeit einzugehen", so der Kardiologe. Daher müssten auch die Gemeinden das Angebot attraktiv gestalten, um Ärzte in den Landkreis zu locken.

Von einem Aufnahmestopp bei Kinderärzten im Landkreis hat Brune im Übrigen noch nichts gehört. "Das Aussprechen eines Aufnahmestopps ist nur möglich, wenn nachweislich die Durchschnittszahl an Patienten überschritten wurde", erklärt er. Dann müsse sich der betroffene Arzt mit einer Begründung bei der KV melden, damit gegebenenfalls eine "Sonderbedarfszulassung" genehmigt werden könne. Dadurch könnte sich dann, wenn der Zulassungsausschuss nach einer ausgiebigen Untersuchung zustimmt, ein weiterer Arzt in der Region niederlassen. "Doch dafür muss auch ein Arzt zur Verfügung stehen."

Bisher noch kein Aufnahmestopp bekannt

Brune geht davon aus, dass es sich bei den Familien um Einzelfälle handelt. Er gibt aber zu, dass sich der Landkreis an der Grenze der Auslastung befindet. Er weist darauf hin, dass, wenn eine Praxis jemanden wegen eines Aufnahmestopps nicht aufnimmt, sich die Betroffenen an die KV wenden sollen. Dann könne die Vereinigung tätig werden und der Sache nachgehen.

Was sind Ihre Erfahrungen?

Die Kassenärztliche Vereinigung spricht von Einzelfällen, wenn Eltern keinen freien Platz bei einem Kinderarzt finden. Außerdem seien weitere Wege in umliegende Ortschaften zumutbar. Wie sehen Sie das, liebe Eltern? Senden Sie Ihre Erfahrungsberichte an jaana.bollmann@kreiszeitung.net. 

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Noch Arztsitze frei: Im Landkreis Stade können sich noch weitere Kinderärzte niederlassen
Dr. Stephan Brune
Autor:

Jaana Bollmann aus Stade

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