Interview mit Landrat Rainer Rempe zum Corona-Jahrestag
Stagnierenden Infektionszahlen bereiten Sorgen

Rainer Rempe, Landrat des Landkreises Harburg
  • Rainer Rempe, Landrat des Landkreises Harburg
  • Foto: Landkreis Harburg
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(ts). Vor einem Jahr wurden die ersten Corona-Infektionen im Landkreis Harburg bestätigt. Anfang März blickten die Einwohner des Landkreises auf das Kreisgesundheitsamt - und auf Landrat Rainer Rempe. Im Interview erinnert er sich an die ersten Tage der Pandemie.
WOCHENBLATT: Wissen Sie noch, wann Sie das erste Mal von Corona gehört haben?
Rainer Rempe: Wie wir wohl alle, habe ich erstmals Anfang 2020 in den Nachrichten von einer neuen Krankheit gehört, die in China aufgetreten ist. Damals schien dieses neuartige Virus noch weit weg zu sein – und wir alle haben gehofft, dass es sich um einen lokal begrenzten Krankheitsausbruch handelt. Doch schon bald mussten wir beobachten, wie rasend schnell sich das Virus über den gesamten Erdball verbreitet.
WOCHENBLATT: Wann ist der erste Corona-Fall im Landkreis Harburg bestätigt worden?
Rainer Rempe: Die ersten drei Corona-Infektionen im Landkreis Harburg wurden Anfang März nachgewiesen. Eine Familie war aus einem bekannten Risikogebiet nach Hause zurückgekehrt und hatte sich glücklicherweise vorbildlich verhalten: Die Betroffenen hatten sich nach ihrer Rückkehr unverzüglich beim Gesundheitsamt gemeldet und sofort in freiwillige häusliche Isolation begeben.
WOCHENBLATT: Wann wurde Ihnen bewusst, dass mit diesem Virus etwas auf uns zukommt, was das Leben aller Menschen so ungeheuer umkrempeln wird?
Rainer Rempe: Die weltweite Situation entwickelte sich Anfang 2020 sehr dynamisch. Insbesondere nach den ersten Corona-Fällen auch in Deutschland haben wir die steigenden Infektionszahlen sehr genau beobachtet und uns auf eine mögliche weitere Ausbreitung auch in Norddeutschland vorbereitet. Dazu haben wir einen interdisziplinären Krisenstab in der Kreisverwaltung gebildet, um schnell Maßnahmen ergreifen und auf die Situation reagieren zu können. Spätestens mit dem ersten Lockdown im März und allen damit verbundenen Einschränkungen wurde uns allen deutlich vor Augen geführt, welche Auswirkungen diese Pandemie auf unser Alltagsleben hat.
WOCHENBLATT: Was sind Ihre wichtigsten Erkenntnisse, die Sie aus dem bisherigen Umgang mit der Pandemie ziehen?
Rainer Rempe: Das Virus hat uns gezeigt, wie verletzlich wir sind und wie schnell und unerwartet sich unser bisheriges Leben verändern kann.
Die Corona-Pandemie hat noch einmal ganz deutlich gemacht, wie wichtig eine gute, leistungsfähige Gesundheitsinfrastruktur vor Ort ist und welche Bedeutung eine zuverlässige, schnelle und reibungslose Kooperation mit kurzen Wegen und verlässlichen Ansprechpartnern im Bereich der Gesundheitsversorgung hat. Es galt und gilt, stets flexibel zu reagieren und sich auf immer wieder veränderte Gegebenheiten anzupassen. Dabei hat sich die gute vertrauensvolle Zusammenarbeit aller Akteure, nicht nur innerhalb der Kreisverwaltung, sondern auch mit unseren Krankenhäusern und Kliniken, den Kommunen sowie den Hilfsorganisationen, in jüngster Zeit zudem mit Bundeswehr und Finanzamt, bewährt.
WOCHENBLATT: Was bereitet Ihnen bei der Pandemie aktuell die größten Sorgen?
Rainer Rempe: Die größten Sorgen bereiten uns aktuell die stagnierenden Infektionszahlen. Ein Grund dafür könnte der auch im Landkreis Harburg immer weiter steigende Anteil der mutierten Virusvarianten sein.
WOCHENBLATT: Wann rechnen Sie wieder mit etwas Normalität - auch mit Blick auf den Einzelhandel und den Tourismus? Gehen Sie davon aus, dass es wie im Vorjahr auch 2021 einen Sommer geben wird, der sich der Normalität annähert?
Rainer Rempe: Die Eingriffe in das öffentliche Leben sind beispiellos für die Zeit nach 1945. Die Kontakteinschränkungen verändern das Leben aller Menschen in Deutschland in erheblichem Maße, und viele Menschen und Unternehmen stellt die derzeitige Situation vor existenzielle wirtschaftliche Schwierigkeiten. Diese psychischen und wirtschaftlichen Folgen verstärken sich, je länger wir mit der Pandemie zu kämpfen haben.
Wir alle wissen nicht, wie lange uns die Corona-Pandemie noch begleiten wird. Über genaue Daten mag ich nicht spekulieren. Die Vergangenheit hat gezeigt, dass uns das Virus immer wieder zu Anpassungen aller Maßnahmen gezwungen hat - und keiner weiß aktuell, wie die Mutationen sich noch auswirken werden. Die Möglichkeit, in absehbarer Zeit einen immer größer werdenden Teil der Bevölkerung mit Impfstoff versorgen zu können, und ein Ausbau der Teststrategie lassen uns aber darauf hoffen, dass eine Rückkehr in eine zunehmende Normalität greifbarer wird. Umso wichtiger ist es, dass wir verlässliche Impfstofflieferungen erhalten und unsere Impfzentren endlich voll in Betrieb nehmen können.

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Autor:

Thomas Sulzyc aus Seevetal

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