Digitales Desaster: HVV Any-App eingestellt
Eine App, die keiner nutzte – und ein Verkehrsnetz am Limit: Hamburgs verpasste Chancen beim ÖPNV
- Die Londoner Oyster Card war das große Vorbild für die Any-App in Hamburg. Doch das digitale Ticket-Projekt des HVV scheiterte jetzt
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Der Hamburger Verkehrsverbund (HVV) hat seine Any‑App quasi über Nacht abgeschaltet. Was man in der Hansestadt vor zweieinhalb Jahren als „Ticketrevolution“ im ÖPNV groß angekündigt hatte, wurde vor ein paar Tagen sang- und klanglos eingestellt. Bei dem gescheiterten Projekt einer digitalen Fahrkarte, die den Fahrpreis nach dem Vorbild der Londoner Oyster Card am Ende des Tages automatisch berechnet, wurden rund acht Millionen Euro Entwicklungskosten versenkt.
Einsteigen, losfahren, automatisch den besten Preis zahlen – das war das Versprechen. Möglich machen sollte das ein Netz aus 8.000 Bluetooth-Sendern („Beacons“), das für 6,7 Millionen Euro in Fahrzeugen und Haltestellen verbaut wurde. Doch die App, die das Ticket überflüssig machen wollte, war kaum jemandem eine Berührung wert. Nun wurde die App, die den HVV-Kunden den Ticketkauf abnehmen sollte, vom Netz genommen.
Londoner Erfolgsstory konnte nicht nachgeahmt werden
Damit ist der Hamburger Versuch komplett fehlgeschlagen, die Erfolgsstory der Londoner Oyster Card nachzuahmen. Die Oyster Card symbolisiert das, was man sich in Hamburg gern gewünscht hätte: moderne Mobilität. Wer mit dem Heathrow Express in die City fährt, kann mit der Oyster genauso zahlen wie für die Fähre auf der Themse oder den Bus zur Oxford Street – alles integriert, alles smart. Im Jahr 2023 kamen die HVV-Verantwortlichen auf die Idee, genau das zu kopieren. "HVV Any" hieß die digitale Antwort auf den Londoner Fortschritt – nur leider stimmten von vornherein die Rahmenbedingungen nicht.
Die Einführung des 49-Euro-Tickets machte die neue App so gut wie sinnlos. Heute nutzt das Deutschlandticket jeder zweite Hamburger. Und die Any-App? Gerade mal ein Prozent aller Online-Tickets liefen darüber. Zuletzt nutzten gerade einmal 13.000 Menschen „HVV Any“ aktiv. In der Summe waren es rund 40.000 HVV-Kunden, die das System überhaupt ausprobierten. Wirtschaftlich war das nicht zu rechtfertigen.
London hat "Tube" kontinuierlich ausgebaut
Auch wenn sich Hamburg, das sich oft als Tor zur Welt bezeichnet, gern mit London vergleicht: Hinsichtlich des öffentlichen Personennahverkehrs spielt die Stadt an der Elbe nun einmal nicht in einer Liga wie die Zehn-Millionen-Metropole. London hat mit seiner "Tube" ein gut funktionierendes U-Bahn-System, das in den vergangenen Jahrzehnten weiter ausgebaut und durch neue Streckenabschnitte ergänzt wurde. Die Züge passieren die Themse durch mehrere Tunnel und über etliche Brücken, während die Elbe in Hamburg nach wie vor eine fast unüberwindliche Barriere für den Personentransport darstellt.
Nadelöhr auf dem Weg in die Hamburger City
Gerade die Pendler aus dem südlichen Umland, etwa aus dem Landkreis Stade, erleben den täglichen S- und U-Bahn-Frust: Im Gegensatz zu London mit seinen zahlreichen Verbindungen unter oder über die Themse hinweg quetscht sich in Hamburg der gesamte Bahnverkehr durch ein einziges Nadelöhr über die Elbbrücken. Der Abschnitt Harburg – Wilhelmsburg – Hammerbrook gilt bei vielen Bahnreisenden als reinste Horrorstrecke. Eine zweite Verbindung im Westen, etwa von Altona über die Elbe in Richtung Süden, hat Hamburg nie hinbekommen. Eine verpasste Infrastruktur-Chance, was sich seit Jahrzehnten rächt.
Dabei sind es gerade die ökologisch angehauchten Hamburger Politiker, die den Menschen dauernd predigen, sie sollen doch bitte vom Auto auf die Bahn umsteigen. Doch gleichzeitig vergessen diese umweltbewussten Hanseaten, dafür die Schienen, Züge, Taktungen und Verbindungen fit zu machen.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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