Kreistag beschließt:
Kunststätte Bossard soll Kunsthalle werden

Bossard-Leiterin Dr. Gudula Mayr machte Klarstellungen zur vermeintlichen NS-Vergangenheit Johann Bossards
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bim. Hittfeld. Die einen sehen in der Umsetzung der Pläne einen neuen, großartigen Tourismusmagneten für den Landkreis Harburg, die anderen den Bau eines unansehnlichen Klotzes, der die Landschaft verschandelt und Millionen Euro Steuergeld kostet: die Erweiterung der Kunststätte Bossard in Jesteburg-Lüllau zu einer "Kunsthalle der Lüneburger Heide". Entsprechend emotional und langwierig war nun die Debatte in der Kreistagssitzung in der Burg Seevetal - wohl auch deshalb, weil das Projekt zuvor zwar in den Fraktionen vorgestellt, nicht aber in den (öffentlichen) Fachausschüssen diskutiert worden war. Letztlich votierte der Kreistag mit großer Mehrheit bei einigen Enthaltungen für die Umsetzung des Konzeptes - gegen die Stimmen der Grünen und der AfD. Gleichzeitig soll aber aus Reihen der Politik ein Ausschuss gebildet werden, der das Projekt begleitet und kritische Punkte abwägen oder klären soll.
Wie berichtet, hat der Bund für das Projekt 5,38 Millionen Euro Fördermittel in Aussicht gestellt. Ebenso hoch ist der Anteil, den der Landkreis als Kofinanzierung aufbringen muss. Der Landkreis als Mitgründer und Mitglied der Stiftung Kunststätte Johann und Jutta Bossard hat mit dem Kreistagsbeschluss zwei Millionen Euro für die mit insgesamt 10,76 Millionen Euro veranschlagte Erweiterung bewilligt, sofern der restliche Betrag durch weitere Zuschüsse Dritter aufgebracht wird. Außerdem soll der laufende jährliche Zuschuss von bisher durchschnittlich 130.000 Euro, der für die Haushaltsjahre 2020 bis 2024 bereits auf 214.600 Euro angehoben war, auf jetzt 400.000 Euro erhöht werden.
Während Landrat und Stiftungsratsvorsitzender Rainer Rempe und Christian Horend (CDU) in der Kunststätte einen "Rohdiamanten" sehen, der mit der Erweiterung zur Kunsthalle zukunftsfähig gemacht wird, befürchten Norbert Stein (SPD) und Ruth Alpers (Grüne), dass mitten im Wald ein "Event-Center" gebaut wird.
Laut der Vorlage zum Kreistag erfordern "stagnierende Besucherzahlen, großer Bauinvestitionsstau sowie schwindende Strahlwirkung in die Region ein 'Neudenken'" von Bossard.
"Der Stiftungszweck verpflichtet uns, den Erhalt der Kunststätte Bossard sicherzustellen", sagte Rempe. Die Kunststätte sei finanziell spärlich aufgestellt und habe Schwierigkeiten, mit dem jährlichen Budget über die Runden zu kommen. Seit längerer Zeit gebe es im Stiftungsrat die Diskussion, den Bossard zukunftsfähig und einer größeren Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Rempe verwies auch darauf, dass die Kunststätte im Jahr 2012 mit dem Europa-Nostra-Preis ausgezeichnet wurde, einer europäischen Auszeichnung, mit der jedes Jahr herausragende Leistungen im Bereich der Erhaltung von Kulturerbe ausgezeichnet werden.
Unter der Federführung von Prof Dr. Rolf Wiese, langjähriger Direktor des Kiekebergmuseums und dessen Erfolgsmotor, sei das kürzlich vorgestellte Konzept entwickelt worden. "Lasst uns den Versuch machen, Mittel einzuwerben", appellierte Rempe. Zu kritischen Kommentaren mit dem Inhalt: "zu viel Beton, passt nicht dorthin, verschandelt die Landschaft" sagte er: "Wie es gestaltet wird, ob aus Holz, Aluminium oder Beton, steht noch nicht fest." Auch die Parksituation - 350 Parkplätze soll es laut Konzept geben - sei bisher eine erste Überlegung. Rempe ist überzeugt, dass die Kunststätte ein "ganz erhebliches, touristisches Potenzial" habe. Und er machte deutlich: "Die Bundesmittel von 5,38 Millionen Euro beziehen sich ausschließlich auf Bossard und können nicht anders genutzt werden."
Norbert Stein (SPD) sprach sich gegen das Projekt aus. Das Denkmal Bossard bedürfe des Schutzes und müsse so erhalten werden, wie es ist. Gerne könne man dafür auch Geld in die Hand nehmen, aber nicht, um daraus ein Event-Center zu machen in einem Gebiet, das wesentlich von Wald geprägt und eingebettet im Dorf sei. "Welche Kunst soll in der Kunsthalle ausgestellt werden, damit Touristen in Scharen dorthin strömen?", fragte er.
Christian Horend (CDU) verwies auf den Erwerb des Kiekebergmuseums durch den Landkreis oder den Bau des Buchholzer Veranstaltungszentrums Empore in den 1980er Jahren. "Es wurde immer leidenschaftlich diskutiert, wofür das Geld besser hätte verwendet werden können", so Horend.
Die Grünen halten den Ort für ein solches Event-Center für falsch. Die dafür vorgesehenen laufenden Kosten seien in einer Zeit, da viele Kommunen, u.a. wegen der Kosten für den Ausbau der Kinderbetreuung, mit angespannten Haushalten zu kämpfen haben, nicht erklärbar, so Ruth Alpers. Dr. Erhard Schäfer (Grüne) sprach sich für den Erhalt und eine gute Kuration aus, aber nicht für ein neues Projekt, das unsicher finanziert sei.
Auch Klaus-Dieter Feindt sieht die Krux im Zuschuss, aber: "Wir fühlen uns dem Gesamtkunstwerk verpflichtet, die Kunststätte zu erhalten und für die Zukunft zu sichern."
Uwe Harden (SPD) und Hans-Heinrich Aldag (CDU), selbst Stiftungsratsmitglied, plädierten dafür, Mut zu beweisen und Bossard zu einem neuen Zentrum von Kunst und Kultur zu entwickeln.
"Man kann alles kaputt reden. Die Alternative ist, dass wir die Kunststätte konservieren", so Arno Reglitzky (FDP). Wenn man jedes Mal Bedenken wegen des Verkehrs und der Kosten habe, gebe es Stillstand, so Willy Klingenberg (Freie Wähler/Unabhängige). Immerhin würden 80 Prozent der Investitionskosten von anderen finanziert.
Bossardleiterin Dr. Gudula Mayr saß mit "Museumsmacher" Prof. Dr. Rolf Wiese im Publikum und hörte den Wortbeiträgen zu. Nachdem Dr. Jörn Lütjohann (CDU) allerdings einen ausführlichen Vortrag über die nationalsozialistische Vergangenheit Johann Bossards vorgetragen und ihn als "Feind der Demokratie bis zum Schluss" bezeichnet hatte, ergriff sie das Wort und stellte u.a. klar, dass Johann Bossard niemals Parteimitglied der NSDAP gewesen sei. Er habe zwischen 1932 und 1934 versucht, NSDAP-Funktionäre für das Gesamtkunstwerk in der Nordheide zu begeistern, allerdings ohne Erfolg, und habe sich wenig später vom NS-Regime distanziert.
Das griff Tobias Handtke (SPD) auf: "Wir müssen uns offensiv mit Bossard im NS auseinandersetzen und das als Chance sehen. Kein Besucher darf die Kunststätte mit offenen Fragen verlassen." Der Landkreis werde durch das Projekt kulturell aufgewertet, Details müssten noch ausgestaltet werden.
Letztlich entschied der Kreistag mehrheitlich, der Kunststätten-Stiftung zwei Millionen Euro und einen erhöhten Zuschuss in den kommenden vier Jahren bereitzustellen - und letztlich auch dafür, sich die Chance auf die Millionenförderung durch den Bund nicht entgehen zu lassen.
Mit dem Beschluss sollen nun in den kommenden drei bis vier Monaten weitere Fördermittel eingeworben werden. "Nach den bisherigen Gesprächen bin ich zuversichtlich, dass das gelingt", so Landrat Rempe.

Autor:

Bianca Marquardt aus Tostedt

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