Schriftzug "NOTÄRZT:IN" sorgt für Empörung
Hitzige Gender-Debatte um neue Notarztwagen des DRK Stade
- Der DRK-Post auf Instagram wurde entfernt
- Foto: Instagram-Screenshot
- hochgeladen von Stephanie Bargmann
Das DRK im Landkreis Stade hat sich zwei Notarztwagen angeschafft. Die beiden nagelneuen Fahrzeuge - ausgestattet mit modernster Technik - wurden kürzlich übergeben. Eigentlich ein Grund zur Freude. Doch es kam anders. Die Freude bei den Rotkreuzlern dürfte dem Frust gewichen sein. Stein des Anstoßes ist die Beschriftung der beiden Autos. Die Fahrzeuge sind jeweils auf der Motorhaube und am Heckfenster mit dem Schriftzug "NOTÄRZT:IN" beklebt. In Weiß das Wort "NOTARZT", in Gelb abgesetzt: die Pünktchen über dem A, der Doppelpunkt und das obligatorische IN. Mit dieser Beschriftung hat sich das DRK massiven Ärger eingehandelt.
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Heftige Debatte um Gender-Wortschöpfung
Der wahrscheinlich wohlgemeinte Versuch, Sprache geschlechtergerecht zu gestalten, wirkte auf die Kommentatoren im Internet wie eine Adrenalinspritze. In den sozialen Medien kochte die Stimmung hoch. Ein Post des Stader DRK-Rettungsdienstes, in dem stolz die Fahrzeuge mit der besonderen Wortkreation präsentiert wurden, sorgte bei so manchem für stark erhöhten Blutdruck. Innerhalb kürzester Zeit entbrannte eine heftige Debatte um die Gender-Wortschöpfung des DRK - wobei die negativen Stimmen deutlich überwogen.
- Der umstrittene Aufkleber stieß in den sozialen Medien auf erheblichen Widerspruch
- Foto: Instagram-Screenshot
- hochgeladen von Stephanie Bargmann
Dann waren viele kritische Kommentare plötzlich gelöscht. Laut DRK geschah dies automatisch – angeblich ausgelöst durch Nutzer-Meldungen. Doch das Netz roch Zensur. Die Community war auf Zinne. "So funktioniert also die Meinungsfreiheit", schreibt ein verärgerter User. Kritiker würden vom DRK einfach verbannt. Danach wurde die Kommentarfunktion komplett deaktiviert. Die Begründung vom Roten Kreuz: Es sei nun alles zum Thema gesagt. Schließlich zog das DRK die Reißleine und löschte den gesamten Post.
DRK: Aufgeheizte Diskussion beendet
Was war da nun los in Sachen Notarztfahrzeuge? Das wollte da WOCHENBLATT vom DRK wissen und stellte zehn Fragen: Wer hat entschieden, was war die Absicht, bleibt das so? Die Antwort fiel denkbar knapp aus. Der Vorschlag mit dem Schriftzug "NOTÄRZT:IN" sei aus den Reihen des Rettungsdienstes gekommen. Und zur Notbremse beim Internet-Post heißt es: "Da in der öffentlichen Diskussion die Neutralität doch etwas verloren gegangen ist, haben wir uns dazu entschieden, diese zum Teil sehr aufgeheizte und wenig tolerante Diskussion zu beenden. Ein neutraler und guter Austausch hat dort leider nicht mehr stattgefunden." Die Konsequenz aus dem Gender-Hickhack: Die Beklebung der Notarztwagen werde geändert. Mehr ließ sich das DRK nicht entlocken.
Inzwischen haben die Wagen eine neue Beklebung: Sie sind jetzt mit den Bezeichnungen "NOTÄRZTIN" und "NOTARZT" versehen:
- Die Einsatzfahrzeuge sind inzwischen neu beklebt
- Foto: DRK
- hochgeladen von Jörg Dammann
Landkreis Stade: nur sprachlich korrekte Wörter
Ausführlicher war die Antwort des Landkreises Stade. Der ist Auftraggeber des Rettungsdienstes und hat auch ein Wörtchen mitzureden, da auf den Fahrzeugen auch das Landkreis-Wappen als Hoheitszeichen prangt. Landkreis-Sprecher Daniel Beneke bezeichnet den Schriftzug als "unglücklich gewählt" - wegen des Doppelpunktes und des "dadurch entstandenen Fantasiewortes". Der Landkreis ziehe sprachlich korrekte und lesbare Wörter vor – gemäß den Regeln der deutschen Rechtschreibung "sind Formulierungen ohne den Lesefluss störende Sonderzeichen wie Doppelpunkte, Sternchen oder Striche" zu wählen, so Beneke. "Hier wären 'NOTARZT', 'NOTÄRZTIN' oder 'RETTUNGSDIENST' adäquate Alternativen."
Beneke verweist zudem auf einschlägige Verwaltungsvorschriften zum Gendern bei dienstlichen Fahrzeugen. So müssen beispielsweise Feuerwehrautos in Niedersachsen eine bestimmte Dachkennzeichnung haben. Ferner sei im Verwaltungsverfahrensgesetz des Bundes geregelt, dass die Amtssprache Deutsch ist. Der Landkreis-Sprecher bestätigt, dass es Gespräche mit dem DRK gegeben hat und eine Korrektur vorgenommen wird: "Die Beschriftung wird durch eine sprachlich korrekte Variante ersetzt." Zum Thema Gendern hat sich der Landkreis Stade laut Beneke übrigens schon vor zwei Jahren klar positioniert: "Auf Gendersternchen und ähnliche Schreibweisen, die Sprachbarrieren schaffen, wird verzichtet."
Hier geht die Debatte weiter
Während der Stader DRK-Kreisverband die Gender-Debatte mit dem Löschen des Posts abrupt beendet hat, wurde auf der Facebook-Seite des Fahrzeug-Ausrüsters munter weiterdiskutiert. Dort wurde ebenfalls ein Bild der Fahrzeuge mit der umstrittenen Gender-Beschriftung gepostet. Die Reaktionen fielen dort bisher ausgewogener aus. Zustimmung und Ablehnung hielten sich die Waage – wobei auch hier die Tonlage teils deftig ausfiel. Hier ein paar Kostproben:
Die Kritiker
Als "Schwachsinn", bezeichnet Nutzer Ste Wi die Beklebung: "Die Verantwortlichen brauchen wohl als Erste eine ärztliche Behandlung." Robert B. wiederum sorgt sich um die Gefühle der Fahrzeuginsassen: "Auch mal an die Mitarbeiter denken, die sich in so einem Auto zu Tode schämen." Und Carlos M. fragt sich: "Wie kann man nur so einen Schwachsinn machen?" Das DRK Stade erklärte er kurzerhand "zur Lachnummer der Nation". Eine heftige Reaktion kommt von Rolf L.: "Mit dieser kranken Beschriftung wird wieder so ein sexualisiertes Ding daraus gemacht. Und das alleine beschreibt den ganzen Blödsinn ums Gendern." Mit Sarkasmus hingegen reagiert Stefan H. Er stellt sich die Frage: "Wechselt die Beschriftung automatisch auf NOTARZT:OUT, wenn der Arzt ausgestiegen ist?"
Die Befürworter
Die Zustimmung fällt nicht weniger pointiert formuliert aus. So verpasst Paddy K. den Kritikern eine Breitseite: "Alle, die sich darüber echauffieren, können dieses NEF (Anm. d. Red: Abk. für Notarzteinsatzfahrzeug) ja gerne ablehnen, wenn’s zu ihnen kommt." Franci S., selbst Notfallsanitäterin, macht deutlich, warum Gendern aus ihrer Sicht wichtig ist: "Das -in sind nur zwei weitere Buchstaben und die haben aber mit Anerkennung und Respekt zu tun." Die grafische Umsetzung des Schriftzuges ist nach Ansicht von Maximilian G. völlig okay: "Also erkennt man sofort, welche Teile zu welcher Schreibweise gehören. Da hat einer der Mediengestalter gute Arbeit geleistet."
Gendern und Behördensprache
Weisung der Bildungsministerin
Der Landkreis Stade steht mit seiner Ablehnung von Gender-Sternchen, Doppelpunkt und großem Binnen-I nicht allein. Immer mehr Behörden weisen ihre Mitarbeiter an, sich an die gültigen Rechtschreibregeln zu halten. Das gilt auch für die Bundesebene. So gab Bundes-Bildungsministerin Karin Prien (CDU) Ende Juni in ihrem Ministerium eine Hausanordnung heraus, wonach künftig nach „den Regeln des Rechtschreibrates kommuniziert wird“. Das heißt beispielsweise: Statt SchülerInnen oder Schüler*innen wird Schülerinnen und Schüler geschrieben. Die Ministerin betont, dass dies im Sinne einer inklusiven, aber lesbaren Verwaltungssprache geschehe.
Kein Spielfeld für Ideologen
Vor ein paar Tagen erließ auch Kulturstaatsminister Wolfram Weimer eine entsprechende Anweisung. Der frühere Publizist (u.a. Gründer und Chefredakteur des Magazins „Cicero“) begründete seine Entscheidung damit, dass „erzwungenes Gendern“ nicht die Sprache der Bevölkerungsmehrheit widerspiegele. Gendern vertiefe die Spaltung der Gesellschaft. Die Sprache dürfe kein Spielfeld für Ideologen werden.
Nicht auf Sonderzeichen reduzieren
Ähnlich sieht dies die Leiterin der Duden-Redaktion, Laura Neuhaus. Sie spricht sich dafür aus, das Thema Gendern nicht auf die umstrittenen Sonderzeichen zu reduzieren. Das Deutsche biete auch die Möglichkeit, geschlechtsneutrale Begriffe zu verwenden. Neuhaus betont, dass der Duden den Empfehlungen des Rates für deutsche Rechtschreibung folgt. Demnach seien Gender-Stern und Co. nicht Teil des offiziellen Regelwerks und sollen im öffentliche Bereich nicht angewendet werden.
Keine neutrale Formulierung
Allerdings ist die Verwendung geschlechtsneutraler Begriffe gerade in der Amtssprache problematisch, wie ein kürzlich ergangenes Urteil des Oberlandesgerichts Düsseldorf zeigt. Dort wollte eine städtische Firma im Handelsregister den Eintrag der geschlechtsneutralen Formulierung „Geschäftsführung“ durchsetzen. Die Richter lehnten das Ansinnen ab. Es sei nicht erkennbar, dass damit eine Einzelperson gemeint sei. Das Argument des Unternehmens, der neutrale Begriff sei ein Ausdruck von Gendergerechtigkeit, sei nicht nachvollziehbar, die übliche Nutzung des generischen Maskulinums (Geschäftsführer) verfassungskonform.
KOMMENTAR: Streit um Doppelpunkte
Der Aufschrei um den Schriftzug „NOTÄRZT:IN“ auf zwei neuen Einsatzfahrzeugen des DRK-Kreisverbandes Stade hat einmal mehr gezeigt: Gendern in unserer Sprache spaltet die Menschen wie kaum ein anderes Thema. Während sich das Gesundheitswesen mit Personalmangel, steigenden Kosten und Überlastung konfrontiert sieht, liefert ein Doppelpunkt auf Blech den heftigsten Diskussionsstoff. Die Kommentarspalten in den sozialen Medien füllten sich schneller als ein Wartezimmer in der Grippesaison. Der Begriff „NOTÄRZT:IN“ wurde für viele zur Projektionsfläche: für Wut, Spott, Aktivismus – und letztlich für einen Kulturkampf um unsere Sprache.
Dass das DRK seinen ursprünglichen Social-Media-Post gelöscht und zuvor schon die Kommentarfunktion deaktiviert hat, wirkt dabei mehr als unglücklich. Statt Argumente für die umstrittene Beklebung zu liefern, entzog man sich der Debatte. Eine hilflose Entscheidung, die dieser anerkannten Hilfsorganisation nicht gut zu Gesicht steht. Was bleibt? Ein DRK, das die Beklebung korrigiert. Ein Landkreis Stade, der auf sprachliche Korrektheit pocht. Und jede Menge Verwunderung über eine Gesellschaft, die sich offenkundig lieber über Buchstabenkombinationen streitet als über problematische Pflegebedingungen, schlechte medizinische Versorgung oder Krankenhauskrise.
Jörg Dammann
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