Sichere Energieversorgung für die Zukunft
Mega-Rohre und Mikro-Tunnel: Im Landkreis Stade wird an zwei Gaspipelines gebaut
- Ein rund 15 Tonnen schweres Stahlrohr für die Erdgasleitung wird mittels eines Seilkrans quer über den Lagerplatz in Deinste transportiert
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Ein Rohr ist 18 Meter lang, wiegt bis zu 15 Tonnen und kann per Lkw nur einzeln transportiert werden. Lastwagen. Rund 5.000 solcher Stahlkolosse werden derzeit vom niederländischen Energiekonzern Gasunie für die Gaspipeline ETL 182 (EnergieTransportLeitung) verbaut, die quer durch den Landkreis Stade und das Elbe-Weser-Dreieck führt. Die Rohre sind entlang der Trasse auf 15 Lagerplätzen deponiert. Einer der größten dieser Rohrlagerplätze befindet sich in der Gemarkung Deinste, direkt neben der L124 am Kreisel Stade-Steinbeck. Dort wird schnell klar, was ein Infrastrukturprojekt dieser Größenordnung bedeutet: unendlich viele Rohre, schwere Raupenfahrzeuge und Kräne, die tonnenschwere Lasten durch die Luft bewegen.
Stade wird dabei von zwei neuen Leitungen beinahe in die Zange genommen – oder, etwas freundlicher formuliert, energietechnisch umarmt. Die ETL 182 führt vom Knotenpunkt Elbe-Süd an der Elbquerung bei Lühesand über 87 Kilometer bis nach Achim. Die rund 18 Kilometer lange ETL 179.200 verbindet das künftige landbasierte LNG-Terminal in Bützfleth mit dem Gasunie-Netz am Knoten Deinste. Beide Leitungen transportieren zunächst Erdgas. Die Rohre sind aber bereits vollständig für Wasserstoff ausgelegt.
- Der Verlauf der Gasleitung ETL 182 im Bereich des Landkreises Stade
- Foto: Gasunie
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Deinster Rohrlagerplatz ist Dreh- und Angelpunkt
Der Deinster Rohrlagerplatz ist bei der Baumaßnahme der wichtigste Logistikstandort im Raum Stade. Rund 500 Rohre wurden hier zeitweise gelagert. Die Rohrgiganten wurden an einem traditionellen deutschen Stahlstandort produziert: in Mülheim an der Ruhr. Zwischen September 2025 und Januar 2026 kamen sie per Güterzug nach Fredenbeck. Bis zu 80 Rohre wurden täglich entladen. Danach ging es per Lastwagen weiter: ein Rohr pro Ladung. Auf dem Lagerplatz übernimmt ein Seilkran. Langsam hebt er eine der schwarzen Röhren an, dreht sie und setzt sie wieder ab. Was hier aussieht, als schwebe etwas federleicht durch die Luft, ist Schwerstarbeit für Kran und Kranführer: Am Haken hängt das Gewicht von rund zehn Autos.
- Steffen Reger ist Projektmanager für die Gasleitung ETL 182, die von der Elbe bis nach Achim füht
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Was nicht passt, wird gebogen
Auf dem Platz in Deinste lagern auch mehr oder weniger stark gekrümmte Rohre. Was es damit auf sich hat, erläutert der Projektleiter für die ETL 182, Steffen Reger: Pipelines verlaufen allenfalls auf Karten schnurgerade. In der Realität gibt es Senken, Böschungen, Gewässer und Straßen. Deshalb werden viele Rohre bereits in Deinste an das Gelände angepasst. Dafür steht auf dem Gelände eine gewaltige Biegemaschine. Biegewart Bruno Trifone und seine italienische Spezialkolonne bedienen sie. Solche Teams hochspezialisierter Fachkräfte sind weltweit auf Pipelinebaustellen unterwegs.
- Mithilfe der Biegemaschine können die gigantischen Stahlrohre gekrümmt werden
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Ein Knick im Rohr
Die riesige Maschine formt das Rohr in vielen kleinen Schritten von jeweils rund 0,25 Grad. So entstehen kleine Bögen – manchmal mehrere an einem Rohr. Der einzelne Druckvorgang dauert knapp zwei Minuten. Mit Vermessen, Umsetzen und Prüfen sind für ein fertiges Rohr im Schnitt rund 20 Minuten nötig. Das Verfahren nennt sich Kaltbiegen und ist tatsächlich eher ein Knicken, weil der Stahl nicht erhitzt wird. Das ist günstiger, als sich vorgefertigte Bögen anliefern zu lassen. Außerdem werden so zusätzliche Schweißnähte und damit mögliche Schwachstellen vermieden.
- Schauen in die Röhre: Biegemeister Bruno Trifone (re.) und Martin Berghof von der Firma Vorwerk aus Tostedt. Vorwerk gehört zu den Unternehmen der ARGE (Arbeitsgemeinschaft), die das Bauprojekt unter der Gesamtleitung von Gasunie umsetzt
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Ein Graben ist der Normalfall
Über weite Strecken wird entlang der Leitungstrasse konventionell gebaut: Bagger heben einen Rohrgraben aus, die einzelnen Rohre werden zu längeren Strängen verschweißt und anschließend abgesenkt. Dabei kommen sogenannte Seitenbäume zum Einsatz. Das sind schwere Raupenmaschinen mit seitlichem Ausleger. Mehrere Fahrzeuge transportieren den Rohrstrang gemeinsam und lassen ihn kontrolliert in den Graben hinab. Mindestens einen Meter Erde soll später im Normalfall über der Leitung liegen.
- Die Pipelinetrasse zieht sich quer durch die Region. Hier ist ein Bauabschnitt der ETL 182 südöstlich von Stade zu sehen
- Foto: Martin Elsen / nord-luftbilder.de
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Wo nicht gebaggert werden darf, wird gebohrt
Bei Gewässern und Naturschutzgebieten kann der Boden nicht einfach aufgerissen werden – auch nicht bei Straßen oder besonderen Bauwerken. Da hier größere Tiefen vorgeschrieben sind – zum Teil bis zu zehn Meter –, muss gebohrt werden. Rund um Stade erhalte allein die ETL 179.200 deshalb 16 unterirdische Querungen mittels sogenannter Mikrotunnel, erläutert der hier zuständige Projekleiter Heinrich Grave. Bei besonders anspruchsvollen Abschnitten ist ein Spezialverfahren mit großen Start- und Zielgruben erforderlich. So wird im Steinbecktal auf einer Länge von rund 330 Metern unter dem Bachlauf und der Talrinne mittels Mikrotunnel hindurchgebohrt. Die tiefe Startgrube ist mit Spundwänden gesichert. Sie nimmt die enormen Kräfte der Vortriebsanlage auf, die das Rohr mit einer Kraft von bis zu 520 Tonnen in den Boden drückt.
- Bauleiter Fabio Mohr ist verantwortlich für die Bohrungen, die im Zuge des Baus der Erdgasleitungen erfolgen. Hier wird ein Mikrotunnel unter dem Naturschutzgebiet Steinbeck gebohrt
- Foto: d
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Bohrung unter nicht vorhandener Autobahn
Selbst unter Infrastruktur, die noch gar nicht existiert, wird hindurchgebohrt – etwa unter der geplanten Trasse der A26 zwischen Stade und dem künftigen Kehdinger Kreuz oder dem Surfpark. Auch wenn in beiden Fällen noch gar nicht feststeht, wann oder ob überhaupt gebaut wird, geht Gasunie auf Nummer sicher. Bei der Bohrung unter der Steinbeck sind etwa 18 Meter Vortrieb innerhalb von zwölf Stunden möglich. Dabei lässt sich der Bohrkopf steuern. Dadurch kann die Trasse nicht nur gerade, sondern auch in einem Bogen geführt werden. Wer es fachspezifischer haben will: Zum Einsatz kommt das sogenannte HDD-Verfahren. Die Abkürzung steht für „Horizontal Directional Drilling“, also eine gesteuerte Horizontalbohrung.
- Bohrung eines Mikrotunnels. Der Vortrieb erfolgt mit einer Kraft von bis zu 520 Tonnen
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Der 30-Tonnen-Absperrhahn
Unweit des Rohrlagerplatzes entsteht ein weiteres Schwergewicht: ein rund vier Meter hoher und etwa 30 Tonnen schwerer Kugelhahn. Er funktioniert vereinfacht wie ein gigantischer Absperrhahn. Bei Wartungen, Reparaturen oder einer Störung kann damit der Gasstrom unterbrochen werden. Im Inneren sitzt eine durchbohrte Kugel. Zeigt ihre Öffnung in Richtung der Leitung, kann Gas strömen. Wird sie um 90 Grad gedreht, ist das Rohr geschlossen. Gesteuert wird der Hahn aus der Ferne über die Netzleitstelle – im Fachjargon das Dispatching. Im Notfall lässt er sich auch direkt vor Ort mit viel Muskelkraft schließen.
- Die Gasleitung ETL 179.200 führt vom Stader Seehafen in einem Bogen westlich um die Hansestadt herum bis nach Deinste, wo sie auf die ETL 182 trifft
- Foto: Gasunie
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Auf den Baustellen arbeiten Hunderte Menschen. Für die ETL 182 sollen es in der Hochphase bis zu 700 Beschäftigte sein, für die ETL 179.200 bis zu 250. Sind die letzten Rohre verschweißt, geprüft und mit Erde bedeckt, wird von diesem Kraftakt kaum noch etwas zu sehen sein. Unter Äckern, Straßen und Naturschutzgebieten bleibt jedoch eine Infrastruktur zurück, deren Dimensionen sich dann nicht mehr ansatzweise erahnen lassen.
Wo verlaufen die Gasleitungen ETL 182 und ETL 179.200 im Raum Stade?
Die rund 87 Kilometer lange ETL 182 führt vom Netzpunkt Elbe-Süd bei Lühesand über Stade, Rotenburg und Verden bis zur Verdichterstation Achim West. Die knapp 18 Kilometer lange ETL 179.200 verbindet das landbasierte LNG-Terminal in Bützfleth über das Stader Stadtgebiet mit dem Gasunie-Netz bei Deinste.
Welche Aufgabe haben die neuen Gasunie-Leitungen bei Stade?
Die ETL 179.200 transportiert Erdgas vom künftigen landbasierten LNG-Terminal in Bützfleth zum Netzknoten Deinste. Von dort übernimmt die ETL 182 den Weitertransport in Richtung Achim. Die Leitungen binden neue LNG-Importwege an das bestehende deutsche Fernleitungsnetz an.
Wie groß und schwer sind die Rohre für die ETL 182?
Ein Rohr für die ETL 182 ist 18 Meter lang, wiegt bis zu 15 Tonnen und kann per Lastwagen nur einzeln transportiert werden. Insgesamt verbaut Gasunie rund 5.000 Rohre. Die Leitung hat einen Durchmesser von 1,40 Metern und kann maximal 2,8 Millionen Kubikmeter Erdgas pro Stunde transportieren.
Warum ist der Rohrlagerplatz in Deinste für den Pipelinebau besonders wichtig?
Der Lagerplatz an der L124 beim Kreisel Stade-Steinbeck ist der wichtigste Logistikstandort des Projekts im Raum Stade. Dort wurden zeitweise rund 500 Rohre gelagert. Die in Mülheim an der Ruhr produzierten Rohre kamen zwischen September 2025 und Januar 2026 per Güterzug nach Fredenbeck und wurden anschließend einzeln per Lkw nach Deinste gebracht.
Sind die Leitungen ETL 182 und ETL 179.200 für Wasserstoff geeignet?
Ja. Beide Leitungen transportieren zunächst Erdgas, sind nach Angaben von Gasunie aber vollständig für Wasserstoff ausgelegt. Die Stahlrohre und weitere Bauteile gelten als H2-ready, sodass für einen späteren Wasserstofftransport keine Veränderungen an den Rohren erforderlich wären.
Redakteur:Jörg Dammann aus Stade |
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